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"Hegels 'Logik' lesen - Ein Selbstversuch":Die Wahrheit ohne Hülle

1831 Schlesinger Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel anagoria

Man folgt ihm gern, dem Selbstversucher, wie er versucht, den Selbstdenker zu verstehen: Jakob Schlesingers Hegel-Porträt aus dem Jahr 1831.

(Foto: gemeinfrei)

Die "Wissenschaft der Logik" gilt als schwierigstes Werk Hegels. Der Berliner Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe hat sich ohne Anleitung an die Lektüre gewagt.

Von Thomas Steinfeld

Wenn keiner mehr da ist, um ein Experiment durchzuführen, weil es zu gefährlich, zu abwegig oder sonstwie verfehlt erscheint, tritt der Selbstversucher auf den Plan. Am eigenen Leib oder am eigenen Kopf will er demonstrieren, dass mehr Vernunft in der zu prüfenden Sache liegt, als es zunächst den Anschein hat. Mit einem solchen Anspruch setzte sich der Naturforscher Johann Wilhelm Ritter, ein guter Bekannter Goethes, selbst unter elektrischen Strom. Er bezahlte seine Neugier mit einem frühen Tod. Sigmund Freud erschloss sich die Psychoanalyse, indem er sich dem eigenen Leben zuwandte. Auch die Wirksamkeit des Halluzinogens LSD wurde zuerst in einem Selbstversuch ermittelt. In der populären Kultur schließlich gibt es, vom Grünen Kobold bis zum Hulk, genialische Gestalten zuhauf, denen der experimentelle Eifer zur persönlichen Metamorphose gerät.

Im vergangenen Herbst waren 250 Jahre vergangen, seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren wurde, nicht der unzugänglichste, aber der anspruchsvollste unter den deutschen Philosophen. Der Ertrag dieses Jubiläums war vor allem biografisch. In welche Welt er geriet, wie er sie veränderte und was davon übrig blieb: So lauteten die Fragen, mit denen sich eine vor allem historisierende Kritik auseinandersetzte. Ob und was man von Hegel lernen könne, diese Frage spielte eine allenfalls untergeordnete Rolle.

Einer solchen, grundsätzlich relativierenden Lektüre stellt sich nun der Berliner Literaturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe entgegen, in Gestalt eben eines "Selbstversuchs". Ein halbes Jahr, vom Herbst 2018 bis zum Frühjahr 2019, verbrachte er jeden Morgen eine Stunde damit, Satz für Satz das Buch zu lesen, das als das schwierigste unter den Werken des Philosophen gilt: die "Wissenschaft der Logik", zuerst erschienen in den Jahren zwischen 1812 und 1816. Ein "Selbstversuch" sollte diese Lektüre auch insofern sein, als Patrick Eiden-Offe nur wenig Sekundärliteratur benutzte. Gelten sollte, was geschrieben stand und von einem mehr oder minder unbefangenen Leser verstanden werden konnte.

Große Vokabeln wie das "absolute Wissen" verlieren hier ihre Monstrosität

Zu einem Selbstversuch gehört Wagemut. Warum aber sollte die Lektüre einer philosophischen Schrift besondere Kühnheit erfordern? Sie tut es in diesem Fall tatsächlich, und zwar in dem Maße, in dem sie die Wissenschaft von der Wissenschaft sein will. Die "Logik", hatte Hegel über sein Werk geschrieben, sei "die Wahrheit wie sie ohne Hülle an und für sich ist". Sie bestehe aus den "Gedanken Gottes". Der Entfaltung dieses Anspruchs widmet Hegel 800 Seiten, Schritt für Schritt und Gedanke für Gedanke. Die im modernen Wissenschaftsbetrieb geläufige Vorstellung, er habe eine "Methode" entwickelt, die neben anderen Methoden zu prüfen sei, hält er für eine intellektuelle Zumutung.

Dem Leser bleiben daher nur zwei Möglichkeiten des Umgangs mit der "Logik": Entweder er verweigert die Beschäftigung und erklärt die gesamte Veranstaltung zu einem gigantischen Humbug. Karl Popper propagierte einen solchen Umgang mit Hegel. Oder er lässt sich auf den Gang der Gedanken ein. Vielleicht findet er Fehler, gravierende Mängel in der Argumentation, innere Widersprüche, Auslassungen und Lücken. Findet er sie nicht, muss er etwas tun, was in einem pluralistisch verfassten Wissenschaftsbetrieb nicht vorgesehen ist, um den Preis, zu einem Grünen Kobold des akademischen Lebens zu werden: Er muss ein philosophisches System als wahr anerkennen.

Patrick Eiden-Offe: Hegels 'Logik' lesen. Ein Selbstversuch. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 256 Seiten, 25 Euro.

So weit treibt Patrick Eiden-Offe seinen "Selbstversuch" nicht. Er liest und tut, was man vor der Erfindung von Kopierern und Textverarbeitungsprogrammen tat, wenn man sich einen Text aneignen wollte: Er exzerpiert. Er fasst in eigene Worte. Er zieht aktuelle Vergleiche. Und weil er selbständig arbeitet, ohne stets die Geschichte der Philosophie oder den Stand der Diskussion innerhalb der Disziplin im Sinn zu haben, werden seine Darlegungen zugänglicher, als sie zum Beispiel in Pirmin Stekelers monumentalem Kommentar zur "Logik" (2019/2020) zu haben sind.

Zudem lässt er einsichtig werden, welchen Anteil die deutsche Sprache an den Eigenarten der Hegel'schen Philosophie hat (in einzelnen Wörtern wie "urteilen" oder "aufheben", aber auch etwa durch die Dehnbarkeit der Syntax). Und schließlich verlieren große Vokabeln wie die "Gedanken Gottes" oder das "absolute Wissen", weil in den Gang der Argumentation aufgelöst, ihre scheinbare Monstrosität. Der "Selbstversuch" Patrick Eiden-Offes verwandelt sich so in ein didaktisches Unternehmen, zum Vorteil des Lesers.

Trotz Hegels Verzicht auf Konkretion liegt doch gerade heute ein praktischer Nutzen in der "Logik"

Man folgt ihm gern, dem Selbstversucher, wenn er sich auf die Spur eines romantischen Irrtums, nämlich der "schlechten Unendlichkeit", begibt, wenn er den unvermeidlichen Mangel der Teilung von Wissenschaft in einzelne Disziplinen aufdeckt, oder wenn er Begriff, Urteil und Schluss auseinanderlegt. Misstrauisch aber wird man, wenn aus dem Ineinander des "Singulären" ("dieser Mensch") und des "Allgemeinen" ("ein Mensch") eine "universelle Gleichheit" abgeleitet werden soll. Hegels bekannte Absicht, "Wahrheit und Größe des preußischen Staates" philosophisch zu begründen, erfährt an diesem Punkt eine befremdliche Variation.

Und ein großer Zweifel stellt sich am Ende ein, wenn Patrick Eiden-Offe den Umstand, dass Hegel keine Ethik verfasste (eine "Altklugheit des Sollens", wie er meinte), dazu benutzt, die "Logik" in eine Ethik des "Vorwärtsdrängens, Zurückkommens und Wiederbeginnens", also in etwas grundsätzlich Offenes zu verwandeln: Als ob die finale Pointe dieser Lehre nicht darin bestünde, dass die Welt und ihr Begriff zusammenfallen, weil sie ganz und gar in Gedanken "aufgehoben" seien. Hier, so scheint es, soll Hegels Lehre eine Aktualität gewinnen, die sich zwar in eine moderne Geistes- oder Kulturwissenschaft fügen könnte, die aber der "Logik" nicht angemessen ist.

Die Lektüre der "Logik" stellt, daran lässt auch Patrick Eiden-Offe keinen Zweifel, eine große Anstrengung dar, auf die sich weitaus mehr Kraft verwenden ließe, als ein Exerzitium von einer Stunde täglich während eines halben Jahres verlangt. Warum aber unterwirft man sich einer solchen Übung? Hegels Denken ist schließlich auch in seiner Rechtsphilosophie, in seiner Enzyklopädie oder in seiner Ästhetik gegenwärtig, und der systematische Verzicht auf Konkretion dient gewiss nicht der besseren Verständlichkeit.

Trotzdem liegt in der "Logik" zumindest potenziell ein praktischer Nutzen: Er tritt immer dann ein, wenn sich die Schrift zur Wissens- oder Wissenschaftskritik verwenden lässt. Hegel selbst setzt in der "Logik" Immanuel Kants Theorie der Erkenntnis in einer Weise zu, die es auch hartnäckigen Pluralisten schwer machen dürfte, es bei einer historischen Einordnung dieser Lehre bewenden zu lassen. Dabei geht es um die nach wie vor beliebte Behauptung, was wahr sei, entziehe sich letztlich aller Erkenntnis: also um einen Gedanken, der sich selbst für das Endgültige erklärt, das er allen anderen Gedanken abspricht. Für eine solche Widerlegung bedarf es keiner Anschauung.

In der "Logik" finden sich viele solcher Argumente. Sie gelten den elementaren Operationen des Denkens, also etwa der Frage, was ein "Grund" im Unterschied zu einer "Ursache" sei, warum ein Argumentieren in "Bedingungen" oder "Möglichkeiten" nicht zur Erklärung eines Gegenstands tauge, oder was sich mit Vergleichen anstellen lasse. Und weil das so ist, wünscht man sich eine Fortsetzung dieses "Selbstversuchs", bei dem der Versucher nicht länger allein ist.

© SZ/crab
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