Heavy-Metal-Festival in Wacken:Totenköpfe, wohin sie passen

Heavy Metal zirkuliert in Zeitlosigkeit. Es ist nicht politisch, es vertritt keine Ideologie, es richtet sich gegen nichts und kennt viele Gefühle des Menschen, das ganze Bestiarium der Gefühle sogar, aber es kennt dafür nur einen Ausdruck: Lauter, härter und schneller zu sein als die Hölle. Das ist eine quasi-mythologische Verheißung, gewiss. Aber sie begründet, dass Heavy Metal nie still steht, immer weiter geht, auch wenn es auf einer Kreisbahn zirkuliert. Das heißt nicht, dass hier keine Innovationen stattfinden.

Die dänische Band Volbeat etwa, eine mit einigen Platin-Alben veredelte Truppe, ihre letzte Platte verkaufte sich 200000 mal in Deutschland, wird zum Highlight des Festivals, weil sie musikalisch Johnny Cash und Elvis mit Metallica, Slayer und Black Sabbath versöhnt. Und weil die Band eine geradezu ansteckende Heiterkeit versprüht, die sogar den Regen für einige Zeit besänftigt. Aber darum, weil Heavy Metal trotz der Ausdifferenzierung in verschiedene Subgenres, immer nur Heavy Metal sein will und nur das sein kann, darum, ist es auch egal, wie alt die Barden auf der Bühne mittlerweile geworden sind. Die Skorpions erwähnen wir gar nicht erst.

Heavy Metal bleibt eines der professionellsten und originellsten Genres, das die Kreativ-Industrie aufzubieten hat. Dazu passt die fantastische, behutsam im Hintergrund operierende Organisation des Festivals. Alle Bands gehorchen ihr und wissen, wann sie die Bühne, dieses Schlachthaus, auch mal wieder zu verlassen haben. Es gibt keine Überraschungen, bis auf das desaströse Wirken des Wetters.

Wie gesagt: Schleswig Holstein ist umtost von wilden Meeren, und der Regen fällt. Nein, nicht Regen. Es sind Wasser, die da so heftig fallen, nicht als Tropfen, sondern als Wasser in der Ursubstanz. Ganz so, als ob es Wacken zeigen wolle, was der Herr gemeint hat, als er das Wasser schuf. Wahrscheinlich heißt Wacken auch nur so, weil es sich wacker gegen die Vertikalgewässer zu wehren versucht und doch immer untergeht. Sagen Sie jetzt bitte nicht, Sie haben auch mal bei schlechtem Wetter gecampt. Und Sie wissen, was Morast ist. Nichts wissen Sie vom Morast! Jenem Wackenmorast, der Menschen verschlingen kann, wenn auch nur bis Kniehöhe.

Stoisch ertragen dies die Festivalbesucher, die anders als die Bands drei ganze Tage auf den Plätzen vor den Bühnen verbringen, nass werden, trocknen, nass werden und schließlich im Schlamm versinken. Die Masse Mensch, die sich dort aufhält ist einzigartig in ihrer differenzierten Konformität. Zumeist schwarz gekleidet, man trägt T-Shirts mit martialischen, mythenschweren Motiven, und wo nur ein Totenkopf hinpasst, ist auch einer. Motivisch riecht es nach Magie und Schwarzer Messe, Blut kommt reichlich vor, dazu Parolen von Untergang und Jüngstem Gericht.

Die Haut der Menschen ist oft vollflächig beschriftet, es regieren auch hier die Totenköpfe und jene Zeichen und Runen, die jeden Wagner-Bassbariton wie in niedlicher Barbapapa-Bemalung aussehen lassen. Die Epidermis also setzt motivisch das Versprechen fort, das die T-Shirts gegeben haben. So die Damen in Lack-Miniröcken zu zerfetzten Nylons, so die Herren in Camouflage-Hosen und Springerstiefeln. Letztere, wie gesagt, wurden dann durch Plastiktüten ersetzt. Und sollte es jemals ein Wacken-Veteranentreffen geben, dann wird man sie dort wieder sehen. Stolz getragen wie Tapferkeitsmedaillen.

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