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Harry-Styles-Album "Fine Line":Erfind' mir eine Insel

Musiker Harry Styles

Auf dem neuen Album von Harry Stiles klingen einige Songs zwar durchaus eingängig. Aber "cool" ist doch anders.

(Foto: dpa)
  • One-Direction Mitglied Harry Styles hat sein zweites Soloalbum herausgebracht. Man war gespannt, wie sich ein Pop-Phänomen, dessen neuester Haarschnitt Twitter-Trends auslöst, künstlerisch verändern würde.
  • Die Antwort: Er entschied sich für einen Mittelweg in die Hippie-Seligkeit. Vorerst.

Schon beim Debüt war da diese wunderbare Pop-Lüge. "Harry Styles: Behind the Album" heißt die Doku, ein sehr liebevoll gemachtes PR-Stück, das zeigt, wie das erste Solo-Werk des britischen Sängers entstanden ist. Warum es so fantastisch klingt, wie es klingt. Man sieht Styles zum Beispiel auf Jamaika, wo zwei Monate lang Songs geschrieben wurden, wie er sich auf einem Surfbrett räkelt. Der Himmel ist sehr weit, das Wasser so übergriffig türkis, als hätte ein Apple-Bildschirmschoner sich der Realität bemächtig, die Sonne brennt dem damals 23-Jährigen auf den tätowierten Bauch und er redet aus dem Off über den Druck, der nun, nach Jahren enormen Drucks, endlich weg sei. In anderen Szenen geht es viel um Kreativität. Um Räume, die sich öffnen. Um Inspiration. Um Gitarren, die Songs in sich tragen.

Es geht also in der Hauptsache um Freiheit und natürlich ist das alles eine perfekt erschaffene Illusion. Als ob es so etwas wie Freiheit bei einem wie Harry Styles gäbe. Als ob einer wirklich alles tun kann, nur weil er theoretisch alles tun könnte.

Es ist schließlich so: Wo einer herkommt, mag zwar nicht unbedingt bestimmen, wo er hingeht, aber es kann die Wege schon empfindlich zustellen. Harry Styles kommt aus einer Casting-Show, was so natürlich auch nicht mehr ganz stimmt. Ganz genau genommen kommt Harry Styles aktuell von einem der besten Alben des Jahres 2017, dem mit der Making-Of-Doku. Aber so eine Casting-Show bleibt ja erst mal haften. Dazu gleich mehr.

Alben der Woche

Eine Pop-Anomalie namens Harry

Vorher vielleicht doch erst ein paar Sätze zum neuen Album. "Fine Line" (Sony) heißt es und es ist, wenigstens in Summe, auch wieder sehr gut. Man könnte die Musik vielleicht als Hipster-Pop-Rock bezeichnen, ohne das gleich als Schmähung meinen zu müssen. Sie ist - denn auch dieses Album simuliert viel Freiheit - in fast jeder Beziehung bunter und tanzbarer als die auf dem Vorgänger, und trotzdem nur in wenigen Momenten emotional so banal, wie die ersten Singles vermuten ließen. Sie ist aber an ein paar Stellen auch eine Idee professioneller als vor knapp drei Jahren. Und das ist, wenn man denn nun unbedingt ein Problem an dem Album finden möchte, das Problem an dem Album.

Die entwaffnende Naivität des Vorgängers fehlt ein paar der Songs, was an sich natürlich fair und würdig ist, niemand kann für immer nur naiv und suchend sein. Andererseits lauert bei Künstlern wie Styles der Verdacht des Kalküls eben überall dort, wo das Suchende fehlt. Wenn einer wie er zu genau weiß, was er sein will, und ein paar der Songs vor allem in der ersten Hälfte des Albums wissen zu genau, was sie sein wollen, dann wirkt es schnell, als hätte es ihm jemand eingeflüstert.

Was zurück zur Casting-Show führt, aus der Harry Styles kam, der britischen Version von X-Factor, die im Jahr 2010 One Direction ausspuckte, die ungefähr größte britische Boy-Band seit den Beatles. In Zahlen: In nur etwa fünf Jahren verkaufte die Band rund 50 Millionen Alben. Die ersten vier schafften es direkt auf Platz eins der US-Billboard-Charts, was in der Pop-Historie so noch nie passiert ist.

Laut Father John Misty war das Album "fucking insane"

Kommerziell eine enorme Erfolgsgeschichte also, aber kommerziell enorme Erfolgsgeschichten erzählen sich im Pop ja oft in grauenhaft generischer Musik und noch schlimmeren Songzeilen. In Worten: "They don't know how special you are / They don't know what you've done to my heart". Oder: "Not even the gods above can seperate the two of us".

Texte über Liebesbeziehungen also, die nicht mal Gott selbst trennen könnte, was natürlich deshalb so klang, weil es in der Hauptsache geschaffen worden war, um von sehr jungen Menschen angeschmachtet zu werden. Ab dem Jahr 2015 bröckelte das Phänomen "1D" (so sagen die Fans das: "Die 1Ds haben dieses und jenes getan!") dann langsam auseinander. Styles peilte eine Solokarriere an und damit kamen die Fragen: Kann man Kunst machen, wenn man bislang nur als Reinverkörperung von Boy-Band-Hyper-Pop in der Welt stand? Und wenn ja: Und wird sie sich verkaufen? Will man darauf anständig antworten, kann man die Erwartungen eigentlich nur voll erfüllen - oder radikal brechen.

So viel zur Freiheit.

Styles entschied sich für den radikalen Bruch und die Antwort auf die Fragen klang: gewaltig. "Harry Styles", das Album, war eine irre Pop-Anomalie. Altmännermusik eigentlich, aber so gnadenlos gut aus Vorbildern wie den Stones, Fleetwood Mac, den Stooges, den Beatles oder Bowie zusammenzitiert und so zwingend gespielt und gesungen, dass sie sofort zeitlos wurde.

Selbst der genialische Songwriter und einstige Twitter-Zyniker Father John Misty nannte das Album "fucking insane".

Und nun also das Folgealbum. Das verflixte zweite Album, das zeigt, ob das erste ein Glückstreffer war. Und damit natürlich wieder die Fragen. Große Fragen an einen Künstler gehen ja nicht weg, nur weil sie schon mal beantwortet wurden. Also: Was kann diesmal noch kommen? Wie frei kann einer wie Harry Styles jetzt sein? Wie verändert man sich künstlerisch, wenn ein neuer Haarschnitt immer noch einen Twitter-Trend auslöst?

Nun, gekommen ist auch diesmal zunächst eine Insel. Allerdings eine, die die PR-Abteilung der Plattenfirma selbst erfunden hatte - Internetseite, Reiseführer, Restaurant-Tipps, Social-Kampagne inklusive. Alles mit versteckten Codes versehen, die immer klarer auf Styles hindeuteten. "Eroda" hieß die Insel zum Beispiel, und es dauerte etwas, bis im Kielwasser des immer größeren Internet-Hypes die ersten bemerkten, dass das "adore" rückwärtsgelesen ist. Dies wiederum war ein Hinweis auf das Kurzfilmvideo zur Single "Adore You" (knapp elf Millionen Views in einer Woche), was ein Lehrstück in viralem Marketing hätte sein können, wenn der Song nicht ganz so fad wäre.

Durchaus eingängig, nur "cool" ist doch anders

Denn bei der künstlerischen Entwicklung hat man sich für einen Mittelweg entschieden. Ein paar Songs vor allem zu Beginn wissen zu genau, was sie sein wollen, und sind deshalb zu mutlos. Sie klingen, als wären sie aus den übrig gebliebenen Melodien der späten Coldplay und den Beats der frühen Maroon 5 zusammengepappt (also durchaus eingängig, nur "cool" ist doch anders) - was man nun schon als Schmähung nehmen darf. Allerdings als eine, die nicht zu hoch hängen sollte. Das Album kippt schließlich noch. Und wie.

Nach dem angemessen blöden Oralverkehr-Text von "Watermelon Sugar" und überraschungsarmem Disco-Pop-Rock ("Golden", "Lights Up") schiebt sich eine zweite Ästhetik in die Szenerie. Scheu erst, als wollte sie niemanden verschrecken, aber dann immer deutlicher. Die Drums werden rumpeliger. Die Gitarren giftiger, verballerter. Psychedelischer sogar. Dann kommt auch der Mut zurück: Mit "Sunflower, Vol. 6" ist da plötzlich ein herrlich nerviger Reggae-Calypso mit ein paar bekloppten Gitarren- und Keyboard-Riffs, und der schickt den Rest des Albums, glücklich bekifft, in eine Hippie-Seligkeit, bevor alles in den Hallweiten des Titelstücks verklingt.

Was bleibt, ist ein Album, das Altmännermusik für junge Menschen tanzbar gemacht hat. Noch eine Pop-Anomalie. Nicht so radikal wie die letzte. Aber Himmel, der Mann ist 25. Kunst kann er mit 40 auch noch machen. Mindestens.

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