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Beck-Album "Hyperspace":Nichts passiert am Tag und in der Nacht

"Hyperland" ist so etwas wie die Entfremdungsplatte des 49-Jährigen geworden: Beck Hansen.

(Foto: Peter Hapak/Capitol)
  • Auf seinem vierzehnten Album hat sich der Pop-Avantgardist Beck mit der Hit-Maschine Pharrell Williams zusammengetan.
  • Das Ergebnis klingt anders als jedes Beck-Album zuvor: ausgeruhter, verträumter, verkopfter - aber streckenweise auch ein wenig unspektakulär.

Beck und Pharrell Williams. Vor 25 Jahren wäre das eine extrem aufregende Paarung gewesen. Damals, Mitte der Neunziger, als Rockmusiker noch große Pop-Helden waren, war Beck der ewige Slacker, der sich mit ungehörter Lässigkeit als "Loser" besang. Und der junge Pharrell Williams schickte sich gerade an mit seinem Duo The Neptunes jenen Produktionsstil zu entwickeln, der in den Nullerjahren jede gute amerikanische Mainstream-Pop-Single hervorbrachte.

Kurzum: Beide arbeiteten mit einer gewissen Aufsässigkeit gegen bestehende Pop-Begriffe. Seitdem hat sich viel verändert und Beck wie Pharrell Williams stehen mehr oder weniger mitten im Zentrum des Mainstream-Pop.

Williams als supersmarter Architekt von Hymnen wie "Happy" und allerhand anderer weltberühmter Hits. Beck als altersmilder Pop-Avantgardist in der Phase seiner Karriere, in der er ihm auch die geradeaus radiotauglichen Songs recht sind. Als reicher, erfolgreicher, fast 50-jähriger Musiker lässt es sich nicht mehr so gut zynisch und leistungsverweigernd auf die Welt blicken.

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Begonnen hat diese Beck-Phase genau genommen allerdings schon mit der süßlichen Folk-Pop-Platte "Morning Phase" (2014), spätestens aber mit dem letzten Album "Colors" (2017), dessen Sound sich heftig an den Zeitgeist ranschmiss. Wie klingt das also jetzt, das neue, vierzehnte Beck-Album "Hyperspace" (Capitol), das er zusammen mit Pharrell Williams produziert hat?

Melodiös und sehr poppig, aber irgendwie vernebelt und schläfrig

Wieder nah am zeitgenössischen Pop-Sound. Trotzdem, das muss man ihm lassen, klingt es anders als jedes Beck-Album zuvor: ausgeruhter, verträumter, verkopfter. Williams hatte bei sieben der elf Songs seine Hände im Spiel und aus jedem dieser sieben Songs hört man seinen minimalistischen Produktionsstil gut heraus: klappernde, rhythmisch verschobene Percussion, Funk-Synthesizer und andere seltsam hallende Soundfragmente.

Mit Becks typisch schüchtern-elegischem Gesang ergeben sich daraus Songs, die man vielleicht am besten als Ambient-Trap-Balladen beschreiben kann: Sie sind immer noch melodiös und sehr poppig, aber irgendwie vernebelt und schläfrig.

Beck singt dazu Texte aus einer kosmisch-apokalyptischen Zwischenwelt: "My life is hyperspace / Summer days / Out of phase", beginnt das Titelstück - mein Leben im Hyperraum, wie in einer langen Reihe ausgemusterter Sommertage. Andere Songs heißen "Star" oder "Stratosphere". Die meisten davon kommen über ein langsames Schritttempo nicht hinaus. Meistens wirkt der Hyperspace irgendwie luftleer und dumpf, wie ein Raum ohne Tiefenschärfe. Im Vergleich zur ostentativen Einfachheit der frühen Beck-Platte "Sea Change" ist "Hyperland" seine Entfremdungsplatte.

Die Worte zur Stimmung liefert er gleich mit: "Uneventful days, uneventful nights / Living in the dark, waiting for the light / Time is moving slow, I don't even mind", singt er mit leicht Auto-Tune-verzerrter Stimme in der Single "Uneventful Days". Nichts passiert, am Tag und in der Nacht. Und dass die Zeit dabei so zäh dahinfließt, stört ihn nicht mal besonders.

Der große Knall bleibt aus

Dieses Gefühl der sich ständig wiederholenden Zeitschleifen bestimmt auch das dazugehörige Video: sehr viel mehr als langsame Zoom auf traurige Schauspielerinnen (u.a. Tessa Thompson und Evan Rachel Wood) sieht man darin nicht, außer dass Beck wie in einem ewigen Kreislauf auf seine eigenen alten Videos verweist.

Das ist natürlich hübsch anzuschauen. Genau wie die Songs auch irgendwie hübsch anzuhören sind. Beck erzählt von Lust und Beziehungen, von Abschieden und dem Ekel vor sich selbst.

Trotzdem zünden sie selten so wie auf seinen frühen Alben. Das gilt seltsamerweise sogar für "See Lightning", der großen Pop-Geste der Platte. Zwischen Becks scheppernder Slide-Gitarre und Mundharmonika, und Pharrells Drum-Machine-Beats und Synthie-Arpeggios steigert und steigert sich dieser wirklich sehr gut produzierte Song. Alles sitzt am richtigen Platz. Der große Knall jedoch, der im Text besungene Blitzeinschlag bleibt aus. Fast ist es, als wolle Beck sich und seinen zivilisationsgestressten Hörern allzu große Erschütterungen ersparen.

Immerhin einmal wird der Blick dann doch noch frei auf den Mehrwert, der sich aus einer Zusammenarbeit von Beck und Williams ergibt, ausgerechnet im letzten Song der Platte.

"Everlasting Nothing" beginnt als nachdenkliche, fast rustikale Gitarrenballade, die Williams sparsam mit Bongos, Weltraum-Sounds und Snare-Drums ausstattet. Dazu singt Beck über verpasste Chancen und verlorene Freunde. Es passiert gar nicht viel, aber vielleicht passiert deswegen genau das, auf was man gewartet hat: das Verschmelzen zweier musikalischer Ideen zu einem dieser Beck-Momente.

Der ist dann nicht ganz so aufregend, wie man sich das vor 25 Jahren vielleicht noch vorgestellt hätte. Aber doch umwerfend melancholisch.

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