"Opern"-Projekt von Kanye West:Ratlos statt erweckt

"Opern"-Projekt von Kanye West: Formidabler Sound-Stapler: Kanye West (li.) und Komplizen am Sonntagabend im Hollywood Bowl.

Formidabler Sound-Stapler: Kanye West (li.) und Komplizen am Sonntagabend im Hollywood Bowl.

(Foto: Tidal/Twitter)
  • Kanye West inszeniert in Los Angeles eine megalomanes Gottesdienst-Konzert namens "Nebuchadnezzar".
  • Die Erlösung bleibt dabei allerdings weitgehend aus, trotz imposanter Momente überwiegt vor Allem eine Reaktion: Was zur Hölle war das denn bitte?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Und dann, während die neun Töne des Motivs des bombastischen Gottesdienst-Konzerts "Nebuchadnezzar" als Bass-Endlosschleife durch das Amphitheater wabern, umarmen sich die Darsteller auf der Bühne. Sie scheinen beseelt und erleuchtet zu sein, geradezu "woke", erweckt. Das Publikum im Hollywood Bowl von Los Angeles klatscht, aber bloß drei Sekunden lang, dann wird es still, bis auf diesen Loop aus neun Tönen. Die Leute sehen einander an und ihre Blicke sagen: "Was in aller Welt haben wir da gerade gesehen und gehört?"

Nun, es ist die neue Extravaganz des Gesamtkunstwerks Kanye West gewesen, der sich seit ein paar Monaten als "woke" bezeichnet und als Grund dafür angibt, zu Gott gefunden zu haben. Nebukadnezar II., die Älteren dürften sich erinnern, war der König von Babylon: ein genialischer Bauherr und zorniger Despot, der laut Bibel jeden töten ließ, der nicht das von ihm kreierte goldene Götzenbild verehrte. Der irrlichternde und bisweilen schizophrene Herrscher verlor Königreich und Verstand, er wurde so lange von Gott bestraft, bis er ihn als Allmächtigen respektierte. Dann bekam er alles zurück.

West glaubt, ein moderner Nebukadnezar zu sein: ein größenwahnsinniger Typ, der wegweisende Pop-Alben wie "College Dropout", "Graduation" oder "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" erschaffen hat, weil er größenwahnsinnig genug war, an die eigene Großartigkeit zu glauben. Es folgte eine irrlichternde Phase mit erratischem Verhalten und fragwürdigen Aussagen (über Sklaverei zum Beispiel: "400 Jahre? Das klingt für mich nach eigener Wahl."), während der durchaus auch noch eindrucksvolle Platten wie "Yeezus", "Ye" oder "Life of Pablo" entstanden. Über die Diagnose seiner bipolaren Störung sagte er: "Ich kenne keinen, der derart verkorkst wie ich und dennoch so erfolgreich ist."

Angesichts schlimmer Skandale wird derzeit viel darüber debattiert, ob sich Künstler und Kunst trennen lassen. Für den Betrachter mag das eine Möglichkeit sein, für den Kreativen selbst eher nicht, weil das, was er oder sie als Kunst erschafft, eben wesentlich mit dem zu tun hat, was er ist. Wests Sein hat zuletzt zum religiös inspirierten Album "Jesus Is King", zu Gottesdienst-Konzerten auf seinem Anwesen im kalifornischen Calabasas oder beim Festival Coachella - und in den Hollywood Bowl geführt.

Über dessen Bühne ist in den Hollywood Hills, rechts vom berühmten weißen Hollywood-Schriftzug, ein zehn Meter hohes Kreuz angebracht, das nach Sonnenuntergang leuchtet. Es soll nicht nur die Verbindung von Hollywood und Christentum symbolisieren, den zwei großen Reichen des Show-Business, sondern auch Hinweis darauf sein, dass dieses Amphitheater vor knapp 100 Jahren als Ort für bombastische religiöse Spektakel errichtet worden ist, also für Abende wie diesen.

Es klingt bombastisch, aber es klingt nicht durchdacht

West ist ein formidabler Sound-Stapler, er kann verschiedenste Sounds zu einem stimmigen Ganzen verleimen, und es klingt schon wahnwitzig gut, wenn sich in diesem Freiluft-Theater 200 Stimmen zu einem Chor vereinen, der dieses Neun-Töne-Motiv vorträgt. Es gibt Streicher, Trommler, dumpfe Keyboard-Klänge, Hinweise auf Country und Folk und Kanye-West-Songs wie etwa "Wolves". Es klingt bombastisch, aber es klingt nicht durchdacht, sondern etwas willkürlich - was angesichts der Tatsache, dass West seiner Ranch in Wyoming wochenlang Samples für seine Produktionen degustiert, doch merkwürdig ist.

Für den Abend hatte er eigentlich eine "Oper" angekündigt, aber im Vergleich zu, sagen wir, Verdis Nebukadnezar-Werk "Nabucco" wirkt "Nebuchadnezzar" doch ziemlich uninspiriert. Als Zuschauer ist man nach gerade einmal 50 Minuten gebannt, aber eher ratlos, verblüfft und verstört als beseelt, erweckt und erleuchtet. Man spricht auch nicht von Gott danach, sondern vom Ort des Widersachers: Was zur Hölle war das denn bitte? Eine Besucherin sagt: "Das ist das Seltsamste, für das ich in meinem Leben je Geld bezahlt habe." Tatsächlich scheint der Abend kurzfristig entstanden zu sein. Die Aufführung ist erst ein paar Tage zuvor angekündigt worden, und wer ein paar Stunden vor Beginn (der sich dann zweieinhalb Stunden verzögerte) im Hollywood Bowl war, der sah nicht nur viele Besucher mit religiösen Devotionalien und Promis wie Brad Pitt, Kendall Jenner oder Chance The Rapper, sondern auch Menschen, die bis wenige Minuten vor der Aufführung am Bühnenbild herumhämmerten.

Die italienische Regisseurin Vanessa Beecroft, langjährige Kollaborateurin von West, kreierte zwar ein fantastisches Schlussbild - 200 Menschen in weißen Roben auf der Bühne, 200 weitere in den Gängen, Lichtkreuz über der Bühne, das leuchtende Kreuz auf dem Hügel, dazu die Neun-Töne-Motiv -, der Rest allerdings war arg vorhersehbar. West selbst saß am Rand der Bühne, er gab den Erzähler und postete die entsprechenden Bibel-Stellen nebenbei auf Twitter, was auch der Grund dafür gewesen sein dürfte, dass er sich bisweilen verhaspelte. Nebenbei dirigierte er auch hektisch jene Schauspieler, die auf der Bühne irrlichterten, wobei der Höhepunkt der Konfusion der Moment war, in dem Nebukadnezar-Darsteller Sheck Wes partout nicht auf den immer wütender vorgetragenen Hinweis von West reagieren wollte, dass der babylonische König nun bitteschön auf die Nase zu fliegen habe.

Das alles wäre nicht schlimm gewesen, würde West sich nicht so wahnsinnig ernst nehmen. In einem Interview bezeichnete er sich kürzlich als "der tollste Künstler, den Gott je erschaffen" habe und behauptete, dass der Allmächtige durch Wests Kunst mit seiner Macht prahlen würde. Wer mal in der Yoido Gospel Church im südkoreanischen Seoul gewesen ist oder eine Messe der Hillsong Church in Los Angeles besucht hat, der weiß: Auch das sind irre Spektakel, doch da müssen die Leute nicht mindestens 120 Dollar für ein Ticket bezahlen wie die 18 000 Zuschauer am Sonntag.

Hat West Gott nun wirklich als Erlöser gefunden?

Aber West war ja immer schon auch ein begnadeter Vermarkter seiner Kunst. Kurz vor Erscheinen von "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" im Jahr 2009 stürmte er bei den MTV Video Music Awards die Bühne. "Life Of Pablo" thematisierte die Schattenseiten von Prominenz, West inszenierte den Album-Start 2016 als Konzeptkunst über die dunkle Seite des Ruhms. Seit 2012 ist er mit der professionellen Selbstvermarkterin Kim Kardashian liiert, das Leben der Familie wird in Reality-Shows verarbeitet, der gut getimte Skandal gehört zum Marketing. Irdischer Größenwahn (Götzenbilder und Prunkpaläste), auch das ist eine Botschaft des Nebukadnezar-Topos, ist abscheulich, religiöser Größenwahn (Gottesstatuen und Kathedralen) dagegen nicht, der dient ja dem Lob des Allmächtigen.

Das führt freilich zur Frage: Hat West Gott nun wirklich als Erlöser gefunden ("Gott hat mich lange Zeit gerufen, aber der Teufel hat mich lange abgelenkt") oder doch bloß als Inspiration für einen neuen Werkzyklus und dessen Vermarktung? Aber womöglich ist das natürlich genau die falsche Frage. Denn ist es nicht geniun geniös, dass der Mann in einer Zeit, in der durch die sozialen Netzwerke über jeden fast alles bekannt zu sein scheint, und trotz selbstgewählter medialer Dauerbeobachtung im Reality-TV ein Mysterium bleibt. Hat man also den höheren Sinn dieser Sache im Hollywood Bowl also vielleicht nur einfach nicht kapiert? Anders gesagt: Wenn es gut läuft für ihn und uns und den Rest der Christenheit, dann wird Kanye West weiter neue Kunst präsentieren, und bis an sein Lebensende Wege finden, dass sich ein paar Millionen Staunende fragen: Was in aller Welt haben wir da gerade gesehen und gehört?

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