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Eine Erinnerung an Hanspeter Krüger:Welterkundungen

Tintenzeichnung von Jonas Geist - Liebe Bildgewaltigen, 
bitte anhängende Zeichnungen für Polopoly Feu sichern, die erste Zeichnung brauchen wir dringend morgen 19.11.2020 für ein Stück, das ich redigiere vom Schauspieler Hanns Zischler. AG

Hanspeter Krüger, in einer Zeichnung des Architekten und Architekturhistorikers Johann "Jonas" Geist.

(Foto: Zeichnung: Sammlung Jonas Geist/Jonas Geist)

Ein Gedenkblatt für meinen Freund Hanspeter Krüger, den großen Journalisten und Literaturvermittler, der den Hörfunk in Berlin zu einem verlässlichen Abenteuer machte.

Gastbeitrag von Hanns Zischler

Hanspeter Krüger war von 1962 bis 2002 leitender Kulturredakteur am Sender Freies Berlin (seit 2004 umgewandelt in RBB). Er erfand dort das "Dritte Programm", - ein beispiellos vielfältiges, politisch wie literarisch engagiertes Forum für West-Berlin und weit darüber hinaus Er starb, 83-jährig, am 9. November.

1951 war der damals vierzehnjährige Hanspeter Krüger zusammen mit einem Freund auf der Sondermarke zum "Tag der Briefmarke" abgebildet: Mit der Lupe blickt er auf einen Tischglobus, während der andere in einem Album die Länder aufruft.

Fürs Leben gern haben wir Ausflüge gemacht. "Tagesreisen" hießen, doch nur für West-Berliner, zwischen 1971 und 1989 diese Entdeckungsreisen in die DDR . Hanspeter Krüger kannte nicht wenige Namen, Orte und Landschaften noch aus der Zeit vor dem Mauerbau, andere waren ihm durch eigene Erinnerungen und Lektüren vertraut. Immer hatte er Reiseführer und ältere Karten dabei. So haben wir Rheinsberg, Löwenberg, Werneuchen, den Alvenslebener Bruch, Marxwalde, das Seifersdorfer Tal etc. etc. besucht - und historische Baudenkmäler neben damals fast vergessenen modernen, wie die Schule des ADGB (des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes) bei Bernau. Es waren spähende Müßiggänge. Nicht weniger aufregend waren die Spaziergänge durch West-Berlin, auf denen Krüger, inspiriert vom Röntgenblick seines langjährigen Freundes Jonas Geist, einen tieferen Blick für die gebaute Stadt entwickelt hatte. Der Ausguck vom Poelzigs "Haus des Rundfunks", seiner Arbeitsstätte, hätte nicht besser gewählt sein können. Diese Wünschelrutengänge durch die berlinische Zeitgeschichte haben auch meinen Blick auf Berlin geprägt.

Hanspeter Krüger, mit Lupe auf einer seiner ersten Erkundungen. Eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post von 1951. Foto: Hanns Zischler honorarfrei

(Foto: Hanns Zischler / oh)

"Es gilt das gesprochene Wort!" - diesen poetischen Imperativ des Hörfunks habe ich aus Hanspeter Krügers Mund zum ersten Mal gehört. Die Leidenschaft, mit der dieser Kulturredakteur mit seinem "Dritten Programm" auf Sendung ging, entsprang seiner Liebe und Neugierde für die Literatur, vor allem die aktuelle Literatur, für den Essay und das lange Gespräch - die idealen Genres für den Hörfunk. An Zeitgenossenschaft teilzuhaben und sie wenn möglich zu provozieren, das war es, was ihn umtrieb. Es gehörte zu Krügers unhintergehbarem, demokratischen Selbstverständnis, auch jenen Autorinnen und Autoren eine Plattform zu geben, die noch nicht durchgesetzt waren. Er machte, unterstützt von seinen engagierten Mitredakteuren, den Hörfunk zu einem verlässlichen Abenteuer. Der unverwechselbare Appell an die Einbildungskraft der Hörer aber stellt sich nicht von selbst ein, sondern bedarf einer kontinuierlichen Pflege, einer 'Kultur'. Unter Krügers Regie formierte sich das Kulturradio über die Jahre zu einem vielstimmigen Chor, der auch dissonante Stimmen zu integrieren vermochte. Über den Sender Freies Berlin waren, neben dem Rias, die Beiträge und Stimmen westlicher wie östlicher Autoren zu hören, die aufzuzählen hier der Platz nicht reichen würde.

Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Reinhard Lettau, dessen exzessiv wortkarge, hochkomische Geschichten er 2018 neu herausgegeben hat.

Dieser Redakteur wollte nie selbst Autor sein. Anders aber als ein Verleger - sein skeptisch bewunderter jüngerer Bruder Michael war über Jahrzehnte der maßstabsetzende Leiter des Hanser-Verlags - stand er aufgrund des 'heißen' Mediums Radio in einem direkteren Verhältnis zu seinen Autoren. Der kontinuierlich redigierende und 'sendende' Intellektuelle war durch diese Abstinenz der Konkurrenz zu seinen Autoren enthoben: Er ermutigte, entdeckte und förderte.

Der Leser Hanspeter Krüger war auch ein generöser Sammler, nicht so sehr von bibliophilen Raritäten als von scheinbar weniger spektakulären Erzeugnissen: frühen Rotationsdrucken, grauer Literatur, rundfunkgeschichtlichen Publikationen, aktuellen Flugblättern und ephemeren Zeitschriften. Daneben wuchs die Korrespondenz mit Autoren sonder Zahl.

Mit einem Bein in der Gegenwart der Literatur, mit dem anderen im labyrinthischen Bann des Archivs

In einer Stadt wie Berlin, in der während des Kalten Krieges der Rundfunk die literarische Osmose zwischen West und Ost in besonderer Weise beförderte, waren es die singulären Stimmen der Schriftsteller und Intellektuellen, die den Hörfunk vom Odium des Propagandistischen befreiten. Zu demonstrieren, dass es eine andere, demokratische Tradition des Hörfunks gab, war sein Anliegen, unermüdlich betonte er den einzigartigen Wert historischer Rundfunkaufnahmen vor 1933.

Er setzte so eine kulturpolitische Tradition fort, die in den ersten Nachkriegsjahren unter anderem von Leuten wie Ulrich Gembardt, Ernst Schnabel, Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel und Walter Höllerer begründet, ja geradezu erfunden worden war. Diese Sendungen bilden für sich eine ganz eigene, leider immer noch zu wenig beachtete Literaturgeschichte - aus dem Geist des Hörfunks. Hanspeter Krüger, der gern und erfolgreich in die Pilze ging, stand mit einem Bein in der Gegenwart der Literatur, mit dem anderen im labyrinthischen Bann des Archivs. In der Zeit vor der Digitalisierung war man nicht nur auf gute Kataloge angewiesen, sondern auch auf das Erinnerungsvermögen von Archivaren - wie das der legendären Herren Löw und Roller vom deutschen Rundfunkarchiv -, noch viel mehr aber auf das eigene geistesgegenwärtige Engagement, diese Quellen zu retten, zu bewahren und wieder zugänglich zu machen. Ich werde seinen Ingrimm nicht vergessen, als er erfuhr, dass ein einstündiges Gespräch Ulrich Gembardts mit dem Philologen Peter Szondi unter anderem über die Studentenunruhen an der Freien Universität aus Achtlosigkeit oder Ignoranz gelöscht worden war.

Zum letzten Mal sprachen wir vor gut zwei Wochen miteinander. Der Freund hatte mich angerufen und wollte, wie jedes Jahr, noch einen Nachschub an Quitten aus meinem Garten. Eine Freundin würde Quittenbrot daraus machen.

Er hat die Quitten noch bekommen.

Hanns Zischler ist neben seinem Metier als Schauspieler auch Fotograf und Schriftsteller. Sein jüngster Roman "Der zerrissene Brief" ist in diesem Jahr bei Galiani Berlin erschienen.

© SZ/gor
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