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"Zwei Leben":Vater und Sohn

Götz George

Götz George bei der Premiere des ARD-Films "George". In dem Film spielt er seinen Vater Heinrich.

(Foto: dpa)

Vom Ritter mit der eisernen Hand zu Schimanski: Thomas Medicus erzählt so gründlich wie packend die Lebensgeschichte der beiden Schauspieler Heinrich und Götz George.

Von Hanns Zischler

Es gibt in der deutschen Theater- und Filmgeschichte wohl keinen vergleichbaren Fall eines ebenso realen wie phantomhaften Erbes wie dem von Heinrich und Götz George. In einer seinem Gegenstand durchaus angemessenen monumentalen Form hat Thomas Medicus diese beiden Leben aufgeblättert, um dem Rätsel einer Übertragung auf die Spur zu kommen. Der Übertragung des väterlichen Ruhms auf ein Kind, das sein Leben lang von dieser Last und dieser Lust, es dem abwesenden, vergötterten Vater gleichzutun, zehren wird.

Akribisch und in teilnehmender Anschaulichkeit rekonstruiert Medicus zunächst Herkunft und Laufbahn von Heinrich George. Auf ihn trifft, als wäre es ein Gestütsbegriff, das eigentlich unsägliche Klischee des "Vollblutschauspielers" zu. Ein Akteur, der gewissermaßen von der Rampe des linken Sprechtheaters der Weimarer Republik mit vollem Körpereinsatz in den triumphierenden Tonfilm springt, um von dort aus mit hemmungslosem Konformismus das Radio und den Film im Sinne der Machtergreifer von 1933, allen voran Goebbels, zu bedienen.

Er war kein Verwandlungs-, sondern ein Ausdruckskünstler

Die Kinematografie lebt von der großen, der überlebensgroßen Projektion. Ohne sie geht nichts, zumindest solange nicht das eher radiofonisch operierende Fernsehen ihr den Rang abläuft. Heinrich Georges narzisstisches Genie - es wäre zu wenig, von bloßem Instinkt zu sprechen - konnte vielleicht begreiflicher-, dennoch unverzeihlicherweise den Versuchungen nicht widerstehen, die diese propagandistischen Medien ihm boten. Eine größere Bühne hat sich selten dem unersättlichen Willen zur Darstellungsallmacht geboten. Zu Recht betont Thomas Medicus die Essenz von Georges Spielkunst, die ihn von einem versatilen Artisten wie Gustaf Gründgens unterschied: "George war kein Verwandlungs-, sondern ein Ausdruckskünstler, der in zahlreichen gestalterischen Varianten immer nur denselben spielte: sich selbst." Es sind eben jene gestalterischen Varianten, die noch heute überzeugen. Wären es nur outrierte Schauspielerei oder Knallchargennummern, dann wären "Berlin-Alexanderplatz" und der infame "Jud Süß"-Film vergessen. Dass dieser wie auch der kurz vor Kriegsende mit Riesenaufwand gedrehte Film "Kolberg" bis heute Vorbehaltsfilme sind, unterstreicht nur die unverdauliche Qualität dieser Machwerke. Die lauen Distanzierungen, die George selbst zu Lebzeiten und in immer neuen, vermeintlich entlastenden Varianten seine Frau, die Schauspielerin Berta Drews, nachlieferten, betonen unwillentlich die geschickte Machart und die enorme Wirkung dieser Filme. Zu Heinrich Georges Obsession zählte seine (Über-)Identifikation mit Goethes "Götz von Berlichingen", während er sich ansonsten mit Goethe nicht sonderlich zurechtfand. Hier konnte er volkstümelnd bramarbasieren und das Grobschlächtige zur Kunst erheben. Ob es die unbewusste Sehnsucht nach einem im Sohn fortlebenden Nachruhm oder die schiere Hybris war, den zweitgeborenen Sohn am 23. Juli 1938 - dem Todestag des historischen Berlichingen - Götz zu nennen, wird sich nicht beantworten lassen. Folgenreich für das Kind war es allemal.

Mit energischer Behutsamkeit öffnet Thomas Medicus im zweiten Teil seines Buches dem Schicksal des früh vaterlosen Götz eine eigene Bühne. Der Vater stirbt 1946 in einem Sonderlager der GPU und wird erst nach dem Niedergang der Sowjetunion rehabilitiert - weil er sich kein Verbrechen gegen die Sowjetmacht hat zuschulden kommen lassen; eine "Entnazifizierung" kannte die sowjetische Besatzungsmacht nicht.

"War ich so gut wie Heinrich?", fragte er nach seinen ersten Bühnenauftritten

Der Junge wird von seiner Mutter Berta gewissermaßen auf Heinrich geimpft. "Den Beruf des Schauspielers zu ergreifen, bedeutete für den Sohn von vornherein eine permanente Vergegenwärtigung des Vaters, vor allem auf der Theaterbühne. Die Wahl schien fraglos zu sein", stellt Medicus fest. Tatsächlich fragt der junge Schauspieler seine Mutter immer wieder nach seinen ersten Bühnenauftritten: "War ich so gut wie Heinrich?" Und wenn er später einmal berichtet, dass sein Vater ihn geprügelt habe, rechtfertigt er diese Strafe als angemessen.

In Idealkonkurrenz zum Vater und auf eigensinnige Weise dessen massive Körperlichkeit überbietend, findet Götz George seine wirkungsvollste eigene Form weniger im Kino - auch wenn so unterschiedliche Film wie "Aus einem deutschen Leben", "Schtonk!" und "Der Totmacher" fraglos zu den ganz großen Filmen der Bundesrepublik zu rechnen sind - als im Fernsehen. Mit "Schimanski" entsteht etwas ganz Eigenes, ein neuer Charakter, ein ungemein populärer Typus, der mehr an den raueren amerikanischen und französischen Vorbildern orientiert ist als den onkelhaften deutschen Kriminalhauptkommissaren. In dem Maße, wie Götz George seinen Vornamen wie Ballast abwirft, schließt er auch wieder an den Vater an. Der Name des Vaters und des Sohnes verschmelzen zu einem einzigen Familiennamen. Der Name ist im Wortsinn "rehabilitiert".

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Thomas Medicus: Heinrich und Götz George. Zwei Leben. Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 2020. 416 Seiten, 26 Euro.

Tatsächlich gibt es in dem Familienroman der NS-Zeit noch einen anderen, mit Georges Fall zwar verwandten, aber in seiner Genese und seiner Aufarbeitung signifikant anderen Fall: Veit und Thomas Harlan. Thomas Medicus befasst sich, neben dem ähnlichen Fall von Romy Schneiders Aufbegehren gegen ihre dominante Mutter, auch mit der heftigen Auseinandersetzung, die Thomas mit seinem Vater, dem Regisseur von "Jud Süß", ein Leben lang führte. Nicht nur war Thomas Harlan fast zehn Jahre älter als Götz George, sondern auch der Vater hatte den Krieg sehr viel länger und gewissermaßen unbeschadet überlebt. Der entscheidende Unterschied aber liegt in dem kräftezehrenden moralischen Kampf, den der Sohn gegen das Verbrechen des Vaters führt, um zu einem unversöhnlichen literarischen Aufklärer zu werden. Man darf seinen letzten, im Echoraum der kleistschen Rhetorik geschriebenen Text "Veit" durchaus auch als einen "Fight" lesen, den der schwerkranke Sohn dem Tod abgetrotzt hat.

Die Gründlichkeit, mit der Thomas Medicus seine nie überlegen tuende, weit ausholende Nachverfolgung der Lebens- und Werkgeschichte der beiden großen Schauspieler in Szene setzt, macht das Buch außerordentlich lesenswert.

© SZ vom 20.10.2020

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