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Günter Grass dichtet wieder über Israel:Vom tragischen Helden

Seit dem letzten Israel-Gedicht von Günter Grass zeigen sich die politische wie die schreibende Klasse in Israel bei jedem neuen poetischen Angriff abwehrbereit. Nun wird dem deutschen Dichter ein "Kreuzzug gegen das jüdische Volk" vorgeworfen. Weil er in seinem neuen Werk den Atomspion Mordechai Vanunu hochleben lässt.

Günter Grass

Günter Grass am 26. September im Bucerius Kunst Forum in Hamburg bei einer Lesung

(Foto: dpa)

Wenn Günter Grass über Israel dichtet, kann er sich der höchsten Aufmerksamkeit von Lübeck bis nach Jerusalem sicher sein. Seitdem er vor einem halben Jahr in Versform dem jüdischen Staat die Ambition zum atomaren Erstschlag auf Iran unterstellt hat, zeigt sich die politische wie die schreibende Klasse in Israel natürlich auch bei jedem neuen poetischen Angriff allzeit abwehrbereit. So wird dem deutschen Dichter nun ein "Kreuzzug gegen das jüdische Volk" vorgeworfen, weil er in seinem neuen, mit frischer Tinte geschriebenen Werk den Atomspion Mordechai Vanunu hochleben lässt, der in den achtziger Jahren das streng geheime israelische Nuklearprogramm publik gemacht hatte. Und tatsächlich hat Grass wieder einmal dort angesetzt, wo Israel besonders empfindlich und auch leicht zu treffen ist: bei einem Verräter, den er zum Helden macht.

Der Literaturnobelpreisträger Grass und Vanunu, Träger des Alternativen Nobelpreises, sind gewiss ein passendes Paar. Denn jenseits der alten nahöstlichen Devise, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist, verbindet beide auch ein solides ideologisches Fundament. Der heilige Mordechai war schon früh zum Schutzpatron der Friedensbewegten gemacht worden, und auch Grass bemüht nun den Mythos vom "Rufer in der Wüste", der "die Gefahr beschrie, die auf uns allen lastet". Zum Schluss folgt die Empfehlung: "Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen." Doch hinter der Ikonisierung droht auch hier erneut die menschliche Tragödie zu verschwinden, die vor allem anderen das Leben des Mordechai Vanunu prägt.

Nach 18 Jahren Haft ist er seit 2004 in Freiheit, man kann ihn manchmal treffen in einer Kirche in Jerusalem oder früh morgens am Strand von Tel Aviv. Als Unbeugsamer wird er verehrt, weil er nichts bereut, aber als Einsamer muss er leben seit jenem Tag, an dem er zum Helden wurde. Aufgewachsen als Sohn marokkanischer Einwanderer hatte er von 1976 bis 1985 als Techniker in Dimona gearbeitet. Offiziell war dies eine Textilfabrik, unterirdisch und vor der Welt verborgen wurde dort an Israels Atomwaffen gebastelt.

In die Liebesfalle gelockt

Vanunu sammelte Bilder und Dokumente zu diesem geheimen Programm und schaffte sie, nachdem ihm gekündigt worden war, ins Ausland. In Australien ließ sich der Sohn eines Rabbiners taufen, schon vorher hatte er sich mit der palästinensischen Sache solidarisiert. In London übergab er sein Material der Sunday Times, doch als die Zeitung am 5. Oktober 1986 die Geschichte über Israels Bombe platzen ließ, da war Vanunu schon im Kerker. Eine blonde Mossad-Agentin hatte ihn in Rom in eine Liebesfalle gelockt, er wurde nach Israel geschafft und dort zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Seit seiner Entlassung darf er das Land nicht verlassen, er darf sich keiner Botschaft nähern und nicht mit Ausländern reden. Selbst in Freiheit bleibt er gefangen, dabei hat sein Verrat dem israelischen Staat womöglich mehr genutzt als geschadet. Denn bis heute hat Israel den Besitz der Bombe nicht offiziell zugeben müssen, dank Vanunu jedoch funktioniert die Logik der atomaren Abschreckung bestens. Manche vermuten gar ein abgekartetes Spiel, in dem Vanunu die Rolle des nützlichen Idioten zugewiesen war. Ein tragischer Held ist er allemal.

Der Nachrichtenagentur AFP hat er nun gesagt, er sei stolz, von einem Literaturnobelpreisträger erwähnt zu werden und "sehr glücklich, mit Grass in einer Liga zu sein." Er bezieht das wohl auf die Anfeindungen, denen beide ausgesetzt sind. Der Unterschied ist allerdings, dass der eine mit dem bestraft wird, wonach der andere sich sehnt. Grass darf nicht mehr einreisen nach Israel - und Vanunu würde liebend gerne raus.

© SZ vom 02./03.10.2012/ihe/rus

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