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Großformat:Fest der Freundschaft

Für den französischen Autor Édouard Louis ist die Freundschaft zu dem Soziologen Didier Eribon und dem Philosophen Geoffroy de Lagasnerie kreative Werkstatt, Kraftzelle und Schutzraum.

Von Alex Rühle

Als wir Édouard Louis einluden, ein Großformat beizusteuern, dachten wir an unveröffentlichte Textfragmente. Louis sagte sofort zu - und schickte diese Fotos, als Dokument einer Freundschaft, die das Zentrum seines Lebens bildet, eine fast schon symbiotische Beziehung zu dem Philosophen Geoffroy de Lagasnerie und dem Soziologen Didier Eribon. Seine Begründung: "Ich weiß, dass man von Autoren am liebsten Arbeitsskizzen zeigt, Manuskripte mit all den Durchstreichungen und Verbesserungen, aber ich glaube, die Fotos von uns dreien vermitteln unsere Praxis viel besser, als wenn ich unveröffentlichte Texte geschickt hätte. Weil diese Freundschaft ganz zentral ist für die Art, wie wir arbeiten, sie ist unser kreatives Schreiblabor."

Die drei Franzosen haben sich im Februar 2010 kennengelernt, Eribon stellte in Amiens seine autobiografische Studie "Rückkehr nach Reims" vor, in welcher der Soziologe über seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen, die damit zusammenhängende Scham und den Verrat der Sozialdemokratie an der einfachen Bevölkerung geschrieben hat. Louis sprach ihn danach an, der Text habe ihn völlig umgehauen, weil er im Grunde seine eigene Lebensgeschichte erzähle. Édouard Louis hieß damals noch Eddy Bellegueule und hatte außer Harry Potter kaum ein Buch gelesen. Das Treffen mit Eribon hat sein Leben verändert: Louis, Jahrgang 1992, änderte seinen Namen, begann zu lesen, zog nach Paris und, am wichtigsten, fing an zu schreiben. Seine drei autobiografischen Romane über den Zusammenhang zwischen Armut und Gewalt und die Verwüstungen, welche die neoliberale Politik der vergangenen Jahrzehnte an den Rändern der Gesellschaft angerichtet hat, gehören zum Kanon der französischen Gegenwartsliteratur.

So wie Louis über die Lebensfreundschaft dieser drei Männer schreibt, scheinen all die Werke aus dem intensiven gemeinsamen Austausch zu entstehen. "Wir verbringen fünf Abende die Woche zusammen, wir schicken uns fortwährend Textnachrichten, wir fahren drei Wochen im Jahr gemeinsam in Ferien. Wir stellen uns unentwegt zu dritt Fragen, kritisieren die Ideen der anderen und helfen einander dabei, unsere Gedanken besser zu artikulieren. Bevor ich meine Manuskripte an den Verlag schicke, gebe ich sie Didier und Geoffroy zum Lesen. Umgekehrt ist es genauso, ich habe Geoffroys ,Denken in einer schlechten Welt' und ,Principes d'une pensée critique' von Didier Zeile für Zeile gelesen. Was uns verbindet, ist keine Liebe, aber es ist mehr als Freundschaft. Als ein Bekannter sagte, unsere Freundschaft sei ein Gespräch, das nie aufhöre, hat mich das sehr berührt." Schöner als mit dieser Hymne auf die Freundschaft kann man das Klischee vom einsamen, egozentrischen Intellektuellen, der allein an seinen Texten und Formulierungen knabbert, eigentlich nicht dekonstruieren.

© SZ vom 22.09.2018
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