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Großformat:"Diese Drecksau"

Der Schriftsteller und Journalist Friedrich Torberg soll die Briefe von Franz Werfel an seine Frau Alma Mahler-Werfel durchlesen - und ist entsetzt. "Du ahnst nicht, wie diese Werfel-Briefe mich unglücklich machen!", schreibt er in einem bislang unbekannten Brief an seine Frau Marietta.

Von Willi Winkler

Der Romancier, Journalist, Lyriker, der Zeitschriftenmacher, der Übersetzer und FBI- und CIA-Zuarbeiter Friedrich Torberg (1908 bis 1979) ist heute leider ziemlich vergessen, was ein Jammer und zum Wenigsten seine Schuld ist, denn Torbergs Geschichten von der Tante Jolesch sind immer noch weltbestes Österreich. Sein wahres Talent entfaltete der brillante Feuilletonist aber in seinen Briefen, die ihn, wie er beständig klagt, von der Arbeit abhalten, denn er will doch noch einen Roman schreiben. (Den ersten, "Der Schüler Gerber", 1932 erschienen, wird er nie übertreffen.) Trotzdem gibt er in diesen lässig hingeworfenen Zeilen sein Bestes, zetert, flucht und schwärmt mit allem, was sein Witz hergibt. Marlene Dietrich, die er im Liebeskummer trösten soll, beflirtet er gnadenlos ("Geliebteste von allen"), er schimpft auf Amerika, wo ihm das Englische die gewohnte Sprachfülle im Austriakischen einschränkt, oder er beschwert sich bei Rudolf Augstein betrübt über den Verriss seines Romans. Wenn es sein muss, kann er auch süßeln, dass jeder Oberkellner im Sacher vor Neid erbleichen würde. "Ich liebe Dich", schreibt er 1949 an Alma geb. Schindler, verwitwete Mahler, geschiedene Gropius, verwitwete Werfel. "Ich liebe Dich mit allem Durcheinander, das Deine Einmaligkeit in einem weniger einmaligen Menschen (wie ich es bin) hervorbringt." Diese Einmaligkeit hat ein anderer habsburgischer Schriftsteller, Elias Canetti nämlich, in seinen Erinnerungen nicht ganz so schmeichlerisch als "ziemlich große, allseits überquellende Frau" beschrieben, die darüber klagte, dass sich "immer kleine Juden" in sie verliebt hätten, und die ihren letzten Ehemann, den Werfel Franzl, zum Schreiben und Geldverdienen und damit letztlich in den frühen Tod trieb.

Franz Werfel
(Foto: dpa)

Werfel starb 1945, seine Witwe (unser Bild zeigt das Ehepaar im Jahr 1935) wollte nicht ganz von ihm lassen, sondern die Briefe ihres "Mannkinds" herausbringen, Torberg soll sie daraufhin durchsehen. Torberg ist entsetzt. "Du ahnst nicht wie diese Werfel-Briefe mich unglücklich machen!", klagt er in einem bisher unbekannten Brief seiner Frau Marietta. Vor allem stört ihn, dass "ununterbrochen Programm gemacht wird, von ihm zwar, aber es ist das ihm von ihr aufgezwungene, pfui Teufel". Torberg ist Torberg und schreibt sich in Rage: "Diese Drecksau. Diese infame, berechnende, wirkungsgeile Drecksau." Am liebsten würde er den Verkehr mit der Witwe abbrechen, aber das tut er natürlich nicht, sondern als guter, lieber, liebster Freund schreibt er der Drecksau einen überaus courtoisen Brief, raspelt von der "fast schon übermenschlichen Verschmelzung zweier Menschenleben" (er meint Werfel und dessen Frau), die ihm die Betreuung der Werfel-Briefe leider unmöglich mache, und unterfertigt sich mit größter kakanischer Verlogenheit als "Immer Dein F.T.".

© SZ vom 15.02.2020

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