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Glenn O'Brien:Warum Warhol vor mir kniete

Glenn O'Brien

Glenn O'Brien Porträts

(Foto: Filmfest München)

Er hat Andy Warhols Zeitschrift "Interview" geführt. Ein Gespräch über Pop und eine Unterhose.

Interview von Peter Richter

Glenn O'Brien empfängt zu Hause. Sein Loft in Downtown New York war mal das Atelier von George Sugerman, einem der wenigen Bildhauer unter den abstrakten Expressionisten. O'Brien zeigt einen alten Katalog von ihm. Dann bittet er zum Kaffee und setzt sich auf die Couch, über ihm hängt ein spätes Bild von Andy Warhol. Auf dem Münchner Filmfest wird O'Brien Warhols Filme präsentieren. Um Warhol soll es also gehen. Aber nicht nur.

SZ: Wenn Sie interviewt werden, redigieren Sie dann im Kopf dieses Interview schon mit? Sie waren schließlich lange Chefredakteur von Andy Warhols Zeitschrift "Interview".

Glenn O'Brien: Nein, glaube ich nicht. Aber ich mag es, wenn es eine Konversation ist, die irgendwo hin führt. Wenn ein paar Ideen auftauchen. Nicht einfach nur, Sie wissen schon: Jemand hat ein neues Produkt und muss es promoten.

Versuchen wir es mal: Warum haben Sie für Ihren Twitter-Account Lord Rochester als Alias gewählt? Sie meinen damit doch den englischen Barock-Schriftsteller John Wilmots, richtig?

Tja, Lord Rochester. Ich glaube, ich mochte immer schon die Komödien aus der Restaurationszeit. Als ich bei Twitter beitrat, lief gerade "The Libertine" mit Johnny Depp. Ich vermute, dass ich es daher genommen habe. Ich dachte, Lord Rochester hat eine gewisse Beziehung zu Twitter, weil zu jener Zeit Gedichte und witzige Songs bei Hofe herumgereicht wurden wie heute die Postings.

Nach der letzten Folge von "Mad Men" teilten Sie auf Twitter mit, Sie hätten in der historischen Coca-Cola-Werbung, mit der alles endet, den Schauspieler Max Delys wiedererkannt, der in Andy Warhols "L'Amour" spielte und jung starb.

Er starb 1983, glaube ich. Aber er war in dieser Coca Cola-Werbung, bevor er in den Warhol Filmen war. Als die Werbung zuerst rauskam, hätte ich ihn nicht wahrgenommen, weil ich ihn noch gar nicht kannte. Das war ungefähr zwei Jahre vor "L'Amour". Er war dann sehr viel in der Factory.

Das zeigt, dass es Berührungspunkte gibt zwischen der Welt von Don Draper und der von Andy Warhol. Denken Sie, wenn diese beiden sich in der Wirklichkeit begegnet wären, hätten sie sich verstanden?

Oh ja. Andy hätte Don Draper sicher gemocht, weil Don attraktiv war.

Die klassischen Mad Men, die Werbeleute, muss es noch gegeben haben, als Sie in Warhol's Factory anfingen.

Klar. Ich war ein großer Fan von "Esquire" damals, und auch als ich bei "Interview" gearbeitet habe, wollte ich am liebsten zu "Esquire" gehen und mit Jean Paul Goude arbeiten. Ich fand diese Grauzone zwischen Werbung und Journalismus faszinierend.

Deswegen wollten Sie das Magazin des gelernten Werbegrafikers Andy Warhol leiten?

Es war schon wichtig, dass Andy das Gebiet der Kunst nicht in dem Sinne beschränkt sah, zu der wir heute tendieren. Ihn zogen die verschwommenen Linien an und die Grenzdurchbrüche. Ich habe immer gemeint, Kunst bräuchte ein größeres Publikum, und ich sah, dass Andy wirklich daran interessiert war, ein Massenpublikum zu erreichen. Ich glaube, Künstler heute begnügen sich damit, viel Geld zu machen.

Heute wird den Museen von den Kritikern eher vorgeworfen wird, sich zu sehr zu öffnen - dem Kommerz, dem Showbiz, dem sogenannten breiten Publikum. Etliche Kritiker hätten lieber wieder hohe Zäune um die Kunst.

Ja, ich glaube, das ist Teil der Diskussion. Ich weiß nicht, warum Kunst so eingezäunt sein sollte. Ich glaube, dahinter stehen aber auch Leute, die versuchen, mit Kunst vor allem Geld zu machen, die Kunst als Spekulationsobjekt sehen und nicht so sehr als kulturelle Kraft.

Das Feld der Kunst zu den benachbarten Bereichen von Film, Pop, Werbung und so weiter zu öffnen, würde helfen, sie den repräsentativen und spekulativen Interessen der Super-Reichen wieder zu entreißen?

Ja, das glaube ich.

Interessant.

Ich würde sagen, das war der Pop Art von Beginn an inhärent. In den Sechzigern fingen viele Leute an, Editionen herauszugeben und mit Magazinen zusammenzuarbeiten oder Plattencover zu machen und solche Dinge, da gab es viel Grenzverkehr mit kommerzieller Grafik. Und später war auch jemand wie Keith Haring meiner Ansicht nach eher daran interessiert, ein Massenpublikum zu finden als daran, ein hochpreisiger Künstler zu werden.

Haben Sie die Björk-Ausstellung am Museum of Modern Art gesehen, die gerade im Zentrum dieser Debatte steht?

Nein.

Ich wollte zur Eröffnung. Aber dann war irgendetwas anderes los an jenem Abend, das Wetter war schlecht, jemand erzählte, man müsse Schlange stehen.

In der New Yorker Kunstwelt kann man manchmal Leute sagen hören, der Kurator der Show, Klaus Biesenbach, sei im Prinzip das Andywarholhafteste, was die Stadt heute zu bieten habe. Ihre Meinung dazu?

Vielleicht wäre es akkurater zu sagen, dass Biesenbach der neue Henry Geldzahler ist. . .

. . . der als Kurator am Metropolitan Museum unter anderem Andy Warhol sehr gestützt hat. . .

. . . weil er ja nicht selber Kunst macht. Aber in gewisser Weise erweitert auch er die Grenzen der Kunstwelt. Was ich befürworte.

Ein Stichwort seiner Kritiker ist "Celebrity"-Kultur. Wurzelt der künstlerische Kult um Celebrities, um das schiere Berühmtsein, nicht auch zum Teil in Warhols Factory?

Andys "Superstars" waren generell eher Leute, die es in keinem anderen Kontext zu etwas gebracht hätten. Das war lustig, weil viele von denen dann klagten, Andy hätte sie ausgebeutet. Aber niemand anderes hätte überhaupt irgendetwas mit ihnen angefangen. Er machte sie berühmt. Er gab ihnen die Möglichkeit, zu tun, was sie taten.

Sie, Glenn O'Brien, sind auch berühmt geworden.

Naja, ich habe mein ganzes Leben lang den Ruhm bekämpft. Ich glaube, ich gewinne allmählich. Ich werde immer obskurer.

Wie kamen Sie überhaupt an Warhol? Oder er an Sie?

Ich war hier in New York auf der Columbia University, um Film zu studieren, einer meiner Lehrer war Andrew Sarris, ein bedeutender Filmkritiker, der mich manchmal was für die "Village Voice" schreiben ließ, und ich hatte einen Kommilitonen, Bob Colacello, der auch schrieb, unter anderem über Warhols Filme. "Interview" gab es damals seit neun Monaten, und es hatte schon neun verschiedene Chefredakteure gehabt, weil die alle aus dieser verrückten Boheme-Szene in der Factory kamen und auf Amphetaminen waren oder was auch immer. Ich glaube, dass sie deshalb ein paar junge, frische College-Kids suchten, daher riefen sie Bob an, der bewundernd über Warhol geschrieben hatte, und der brachte mich mit, und dann haben wir das Magazin übernommen.

Und Sie machten die Zeitschrift "Interview" unter all den Leuten dort, den Künstlern, den Superstars? Kam man da überhaupt zum Arbeiten?

Interview hatte ein kleines eigenes Büro. Die eigentliche Factory war im 5. Stockwerk, wir hatten unser Büro im 9. Aber wir wollten natürlich auch da sein, wo all die glamourösen Dinge passierten. Also gingen wir häufig runter.

Warhol versuchte, auch Sie zum Superstar zu machen?

Ich weiß nicht. Er bat mich, in einem Film mitzuspielen, in "Women in Revolt". Aber ich sollte da einen Einlauf verpasst kriegen von Jackie Curtis. Ich glaube, ich war da ein wenig zögerlich, und sie nahmen jemand anderen dafür.

Auf Ihrer Website findet sich ein Polaroid, "taken by Andy Warhol": Sie posieren da in Ihren Unterhosen für das Cover der Rolling-Stones-Platte "Sticky Fingers", die soeben noch einmal als De-Luxe-Version neuaufgelegt wurde.

So war es.

Aber am Ende, heißt es, war es Joe D'Allessandro, dessen Hüftpartie auf diesem berühmte Cover landete.

Nein, das war nicht Joe.

Es waren also Sie?

Ich bin auf der Innentasche. Ich bin der in der Unterwäsche, die man zu sehen bekommt, wenn man den Reißverschluss der Jeans auf dem Cover aufzieht.

Und der in der Jeans auf der Außenseite?

Eine Menge Leute haben das für sich beansprucht. Ich dachte immer, es wäre Jay Johnson gewesen, der Bruder von Andys Lebenspartner Jed. Aber heute glaube ich, es war ein Typ namens Corey Tippin. Andy hat vielleicht acht Leute fotografiert. Aber ich weiß, dass ich auf dem inneren Umschlag bin. Denn es ist meine Unterhose.

Haben Sie die noch? Eingerahmt?

Ich habe die noch irgendwo rumliegen. Ich erkannte auch meine Körperbehaarung wieder. Das war lustig. Das Foto wurde in dem kleinen Interview-Büro im 9. Stockwerk aufgenommen. Ich hatte meine Jeans runtergelassen bis zu den Knöcheln, und Andy kniete vor mir mit seiner Kamera. In dem Moment ging die Tür auf und diese Geschäftsleute kamen reinmarschiert: Oh, das hier ist gar nicht das Architekturbüro? Und wir: Nein.

Hübsche Geschichte.

Ja, das war gut.

Haben Sie die Platte denn oft gehört?

Oh, ich mochte die Platte. Die Rolling Stones waren oft da, Bob Dylan kam zur Factory, die Stones waren da, wir gingen zu Mick Jaggers Geburtstagsparty, das war eine interessante Zeit mit einer Menge interessanter Leute. Und dann war ich in dieses deutsche Mädchen verliebt, Uschi Obermayer. Die ging damals mit Keith Richards.

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