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Akademische Titel:Der lästige Doktor, wie ein Hund

German Minister for Family Affairs, Senior Citizens, Women and Youth, Franziska Giffey looks on during the weekly cabinet meeting

Eigentlich legte sie gar keinen Wert auf den Titel, aber sie hat ihn nun mal: Am Mittwoch ist Franziska Giffey deswegen zurückgetreten.

(Foto: Michele Tantussi/Reuters)

Akademische Titel haben längst nicht mehr Status und Funktion wie früher. Und doch können sie immer noch über Karrieren entscheiden. Vor allem in der Politik.

Von Lothar Müller

Vielleicht gibt es in Deutschland demnächst einen Doktortitel weniger. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die FU Berlin Franziska Giffey ihren Doktortitel aberkennt. Schon jetzt hat sie ihr Amt als Familienministerin niedergelegt. Die deutschen Universitäten produzieren zu viele Doktortitel, zumal in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern. Zu viel jedenfalls dann, wenn das aufwendige Verfahren einer Promotion im Bewusstsein der Beteiligten an die Vorstellung einer innerakademischen Karriere gebunden ist. Lange ging in das mühselige Verfassen einer Dissertation als Energiequelle die Hoffnung auf eine künftige Professur ein. Examina, die ihrerseits schon berufsqualifizierend sind, hat ja bereits abgelegt, wer eine Dissertation in Angriff nimmt. Die erfolgreiche Promotion, verstanden als Nachweis der Befähigung zu selbständiger Forschung, erschien vielen Beteiligten als Laufbahnschrift auf dem Weg zum Professorentitel, der freilich eine weitere Kraftanstrengung in Gestalt einer Habilitationsschrift verlangte.

In den jüngst vergangenen Jahrzehnten ist die Dissertation in den Geistes- und Sozialwissenschaften als innerakademische Laufbahnschrift in die Krise geraten. Die Universitäten sind bevölkert von schlecht bezahlten Forschenden und Lehrenden mit Doktortiteln und ohne Festanstellung. Irgendwann ist das Ende der Kette von Zeitverträgen, aber nicht eine Festanstellung erreicht. Die Hoffnung auf eine Professur in den Geistes- oder Sozialwissenschaften stirbt zuletzt. Aber angesichts der Vielzahl prekärer Existenzen musste sich die Dissertation mehr und mehr von der Fixierung auf die Universität lösen. Die Freie Universität Berlin kennt nicht mehr nur Studiengänge wie "Angewandte Literaturwissenschaft", deren Absolventen sich nach zahlreichen Praktika bei Verlagen oder Literaturhäusern bewerben, sie legen auch gerade für die Verfasserinnen und Verfasser sehr guter Dissertationen Kooperationsprogramme mit außeruniversitären Institutionen auf. So entstehen Karrieren, in denen eine Position in Stiftungen, im Veranstaltungswesen, in Museen oder wo auch immer an die Stelle der vormals ersehnten Professur treten. Die in der Dissertation unter Beweis gestellten Qualifikationen gehen in solche Karrieren ein. Doch sie gelingen nur, wenn sie sich mit Qualifikationen verschmelzen, die in der Universität allein nicht erworben werden können.

Ein Titel kann nur von der Institution aberkannt werden, die ihn vergeben hat

Eines der Felder, in denen man Leuten mit geistes- oder sozialwissenschaftlichen Doktortiteln begegnen kann, ist die Politik. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die nun zurückgetretene Familienministerin Franziska Giffey ihre politische Karriere nicht primär ihrem Doktortitel vedankt, sondern ihrem politischen Talent. Seit dem Beginn der Plagiatsaffäre um ihre Dissertation verkörpert sie ein interessantes Modell der Bewirtschaftung des Dreiecks von politischem Amt, wissenschaftlichem Titel und Person, die beides miteinander verknüpft. Nie hat sie einen Zweifel daran gelassen, dass ihr der Titel vergleichsweise wenig bedeutet und sie von sich aus auf ihn verzichten würde, wäre dies möglich. Er kann aber nun einmal nur von der Institution aberkannt werden, die ihn vergeben hat.

Warum aber konnte sie im vergangenen Jahr so leichthin ankündigen, den Titel künftig nicht mehr zu verwenden? "Wer ich bin, was ich kann, ist nicht abhängig von diesem Titel." Das klingt souverän, nach einer Person, die über jede Titelsucht erhaben ist. Doch ist die Rückseite des Satzes die Abspaltung der Dissertationsautorin, die sie einmal war, von der Person der Politikerin. Im Aufbau meiner Persönlichkeit spielt die Wissenschaft keine nennenswerte Rolle, gibt sie zu Protokoll.

Noch ist das Endurteil der Freien Universität zu den Plagiaten in ihrer Dissertation nicht öffentlich. Die Wissenschaftlerin, die sie einmal sein wollte, hat die Verfasserin schon jetzt verraten. Die Wissenschaft ist ihr samt ihren Standards zum inneren Ausland geworden. Das Ich, dem die Plagiatsvorwürfe gelten, ähnelt dem Ich, das in Hofmannsthals "Terzinen über Vergänglichkeit" aus der Vergangenheit aufsteigt, "mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd". Abschütteln lässt sich der Hund jedoch nicht. Nur auf Distanz halten. Falls die Freie Universität Franziska Giffey den Doktortitel aberkennt, trifft sie das als Person nicht. Und die Politikerin kandidiert ohnehin nicht für eine Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, sondern für das Rote Rathaus in Berlin.

© SZ/eye
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