Géricaults "Floß der Medusa" Vom Schrecken des Schiffbruchs

Théodore Géricault malte Elend und Hoffnung auf dem "Floß der Medusa" im Jahr 1819.

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Géricaults Hauptwerk, das "Floß der Medusa", hängt heute im Louvre. Das Bild zeigt, dass sich menschliche Katastrophen nicht verdrängen lassen. Das gilt auch für die aktuellen Flüchtlingsunglücke im Mittelmeer.

Von Kia Vahland

Wieder ertranken Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer. Mehr als 700 Tote befürchteten die Behörden zunächst, ein Überlebender sprach anschließend sogar von 950 Menschen an Bord. Erst wenige Tage zuvor waren bei einem weiteren Unglück 400 Flüchtlige gestorben. In dieser Woche starben zudem zwölf Menschen, die auf einem der überfüllten Boote von Mitreisenden attackiert und umgebracht worden waren.

Schon einmal erschütterte eine menschliche Katastrophe auf hoher See die Europäer, als das französische Kriegsschiff Medusa im Jahr 1816 auf Grund lief. Frankreich hatte gerade Senegal zugesprochen bekommen, das Schiff war auf dem Weg nach Afrika. Weil der Platz auf den Rettungsbooten nicht reichte, baute die Besatzung aus den Masten ein Floß für 149 Menschen. Dann aber kappte jemand die Seile - und die Ausgesetzten gingen elendig zugrunde. Nur 15 überlebten, sie aßen die Leichen der anderen.

Vielleicht wäre dieser Skandal nach einer kurzen Aufregung in Paris vergessen worden. Doch dann nahm sich ein junger Maler der Sache an: Théodore Géricault. Der Sohn aus gutem Hause lechzte nach Intensität, nach Ausnahmesituationen - wenn schon nicht im Leben, dann in der Kunst. "Gewalttätig" nannte die Kritik seine realistische, wuchtige Malerei, die nichts mit den klassizistischen Idealen von harmonischer Schönheit zu tun haben wollte. Das "Floß der Medusa" wurde sein Hauptwerk.

Das Bild schockierte das Publikum in Paris nachhaltig

Der Maler studierte Leichen, sprach mit Ärzten, fertigte immer neue Skizzen an. Schließlich füllte er eine rund 35 Quadratmeter große Bildfläche mit Verzweifelten und Toten auf dem wogenumspültem Floß. Die Menschenleiber türmen sich zu einer Pyramide. Die Not gipfelt in einem Schimmer Hoffnung: Ganz oben winkt ein Mann um Hilfe, gestützt von Mitreisenden. Unten aber liegen die Leichen (und demonstrieren in ihren immer noch ansehnlichen Körperhaltungen, wie gut Géricault sich in Antike und Renaissance auskannte).

Trauer und Wut sind auf dem Gemälde zu sehen, Resignation und hektischer Aktionismus. Den Kannibalismus aber zeigt der Maler nicht, obwohl er dies erst vorhatte. Offenbar wollte er die Floßbewohner nicht der Abscheu des Publikums aussetzen - sondern im Gegenteil der Pariser Gesellschaft vorwerfen, die Augen zu verschließen vor den Folgen ihrer Kolonialpolitik. Tatsächlich gelang ihm eine Diskussion: Das schonungslose Bild schockierte das Publikum in Paris nachhaltig.

Heute hängt es im Louvre, ist Teil des französischen Selbstbildes wie die Mona Lisa oder der Eiffelturm. Auf Dauer lassen sich menschliche Katastrophen nicht verdrängen. Irgendwann wandern sie in die Identität auch derjenigen ein, die sie zuließen.

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