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George Saunders: "Fuchs 8":Libe Mänschen

Fuchs vorm Regierungspalast

Fuchs vor dem Regierungspalast in Helsinki, Finnland, gleich bei der Haltestelle.

(Foto: dpa)

"Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe": George Saunders erzählt aus der Perspektive eines Fuchses. Das ist bei diesem Autor wieder aberwitzig, andererseits aber auch konsequent.

Wie über ein Buch schreiben, das in der Form eines Briefes auftritt, den ein Fuchs an die Menschen schreibt, nachdem dieser Fuchs unsere Sprache gelernt hat - oder das, was er dafür hält: "Mänschisch"?

Der Held dieses Briefromans heißt "Fuks 8" und seinen Brief an die Menschen beginnt er mit dem Satz: "Libe Leserinen und Leser: Zuers möchte ich sagen, Entschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe." Fuks 8 hat die menschliche Sprache an einem Kinderzimmerfenster gelernt, nachdem dort seine Leidenschaft für die "Musikwörter" entfacht worden ist. Was das bringen soll, verstehen die anderen Füchse nicht wirklich. Dann aber wird in den Wald hinein eine Mall gebaut.

In einer Mischung aus Verzweiflung und Neugierde zieht Fuks 8 irgendwann los - begleitet von seinem Kumpel Fuks 7 - und besucht die "Mool". Was sich dann so liest: "Der Boden ist wi Glas. Oder Eis. Und was wir da geseen haben, Froinde!" Nämlich: "Zobedaf, mit gefangenen Kazzen!", "ein klein Flus, der flos zwar, aber roch nich richtig", dazu noch "falsche Fälsen", "Boime" und natürlich eine lange "Fressmaile". Fuks 8 und 7 haben die Konsumhölle der Menschen betreten, eine Glitzerwelt, die sie zunächst auch unglaublich interessiert. Die Verstimmungen beginnen später, als ein Fuchs sterben muss, und der Auszug aus dem Paradies beginnt. Doch bis dahin: Staunen, Wundern, kindliche Freude, als wäre Fuks 8 kein Fuchs, sondern ein Fünfjähriger bei seinem ersten Besuch in der "Mall of Berlin".

Der Fuchs schreibt, um wieder Hoffnung zu finden, als eine Art Schreibtherapie

Der Autor dieses dünnen, aber anrührend schönen Buchs ist George Saunders, der für den Roman "Lincoln im Bardo" vor zwei Jahren den Man Booker Prize bekommen hat. Saunders wird zuweilen mit Kafka verglichen, vielen gilt er als der aufregendste amerikanische Schriftsteller der Gegenwart, aber wenn man ihn darauf anspricht, sagt Saunders ohne zu zögern: "großer Blödsinn".

Was trotzdem nicht von der Hand zu weisen ist: Saunders' Wille zu erzählerischer Innovation ist beachtlich. Seine Erzählungen zu lesen, bedeutete schon immer, in die Köpfe (und damit in das Denken, die Sprache) von Friseuren ohne Zehen versetzt zu werden, übergewichtigen Kindern, Psychopathen, zuletzt selbst Toten. Dass er sich jetzt einen Fuchs für seine Erzählmethode erwählt hat, ist also wieder aberwitzig, andererseits aber auch konsequent. Tatsächlich erschien die Fuchs-Geschichte 2013 in den USA schon als E-Book, wirkt aber jetzt, da sie gebunden vorliegt, wie der vorläufige Höhepunkt der Kunst des George Saunders.

Diese Kunst funktionierte seit seinem allerersten Erzählband ("BürgerKriegsLand fast am Ende", auf Deutsch 1997 erschienen) so, dass Saunders die absonderlichsten Kreaturen in Plots verwebte, an deren Ende kein moralisches Fazit stand, aber doch ein Gefühl von Empathie mit den Kreaturen. Man lernte bei Saunders den Blick des Idioten, des Losers, des nervenden Typen, des dicken Jungen, der asozialen Nachbarin kennen und damit auch: zu mögen. Jetzt versetzt Saunders seine Leser in den Kopf eines Fuchses, um freie Sicht auf den Menschen als solchen zu haben.

An dieser Stelle ist unvermeidlich, den Namen Frank Heibert zu nennen, der seit Jahren George Saunders ins Deutsche übersetzt - und das so treffend, dass ihm sein Platz im Übersetzungshimmel jetzt schon sicher ist, und zwar direkt neben Ulrich Blumenbach, dem anderen deutschsprachigen Extremisten der Übersetzungskunst.

Fuks 8 schreibt seinen Brief übrigens an die Menschen, um nach der Tragödie seines Fuchslebens wieder Hoffnung und Freude schöpfen zu können, er macht also eine Schreibtherapie, ein Motiv, an dem Philologen ihre Freude haben werden. Genauso wie an der Tatsache, dass sich Saunders mit seiner Erzählung in die europäische Tradition der Fuchsdichtung einsortiert, lebendig spätestens seit dem 12. Jahrhundert in Frankreich und bekannt durch Goethes "Reineke Fuchs". Eine interessante Pointe, aber es ist nicht das Zentrum dieser Geschichte. Denn Fuks 8 ist wilder und verstörender als jeder Reineke Fuchs. Und vor allem viel lustiger.

George Saunders: Fuchs 8. Roman. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Luchterhand, München 2019. 56 Seiten, 12 Euro.

© SZ vom 09.12.2019
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