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Georg Schramm - Deutschlands erster Wutbürger:"Ein komisches Gefühl im Mund, so eine leichte Fäulnis"

Jetzt also holt er sich selbst von der Bühne. Neulich gab er beim Projekt "Schulen gegen Rassismus" den Paten für eine Abi-Klasse - und entschied sich auf der Hinfahrt, die Lesung nicht als Dombrowski zu machen. "Ich hatte Widerwillen, mich umzuziehen." Überhaupt, die eigenen Texte: schwierig. Zu Lesungen musste ihn seine Frau Isa zuletzt fast prügeln: "Das ist alles nix mehr. Ein komisches Gefühl im Mund, so eine leichte Fäulnis." Dafür entdeckt er die Texte anderer: Philip Roth zum Beispiel, "Portnoys Beschwerden": "Der schreibt nicht mehr, geht nicht mehr an die Öffentlichkeit. Das muss man jetzt beleben!" Also macht er Roth-Lesungen.

Schramm glaubt, etwas nachholen zu müssen: "Ich les' jetzt erst mal, will einfach noch mehr wissen." Von Fans bekommt er Buchtipps: Stefans Zweigs "Der Kampf mit dem Dämon", genau Dombrowskis Seelenlage. Schramm begeistert sich aber lieber für "Shakespeares ruhelose Welt". Jahrzehntelang hat er alles über das Gesundheitswesen gelesen, das war sein Thema in fast jedem Programm. Nun findet er es angenehm, sich dazu nicht mehr äußern zu müssen. "Wenn man sich lange genug raushält, fragt auch keiner mehr." Talkshows lehnt er ab: "Meine Frau sagt den TV-Redakteuren: 'Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie den einladen. Der wird schnell pampig und prollig und ruiniert Ihnen die Sendung.' Funktioniert prima."

Aktuelles Lexikon: Kabarett

"Begüterte Bürger erließen Einladungen nicht mehr bloß an die berühmten Heldentenöre der Oper, sondern auch an junge Künstler und Literaten, deren Darbietungen die Hörer nicht zwangen, ihre Ansprüche aus Schicklichkeitsgründen gewaltsam in die Höhe zu schrauben", schrieb Erich Mühsam, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kabarett und Brettlbühnen in Mode kamen. Es ging um Künstler, "die im saloppen Straßenanzug kamen und froh waren, außer einem guten Essen und reichlich Wein ein Zehn- oder Zwanzigmarkstück als Douceur zu bekommen". Zunächst in Berlin gab es eine solche Bühne, mit ihrem Pionier Ernst von Wolzogen, rasch verbreitete sich die Idee im deutschsprachigen Raum, München, Wien, Zürich, in Spelunken, Bohème-Ateliers und privaten Salons. In Paris waren "Cabarets" seit 1881 aufgekommen, laut Meyers Konversationslexikon "Kneipen, wo deklamatorische und musikalische Vorträge gehalten werden". Die Kleinkunst war nur in der Form klein, im Grunde aber hohe Kunst: eine Mischung aus Bildung und Kurzweil. Künstler trafen sich, probten Prosa und Einlagen, spontan, teils sozialkritisch. Unter dem Vorzeichen begann im Nachkriegsdeutschland eine Renaissance des Kabaretts. Georg Schramm, der nun seine Karriere beendet, pflegte die politische Note. Abseits von Mühsams Definition: "Ulkvorträge, Schnellmaler-Produktionen, Brettllieder zur Gitarre und Grotesktänze." Johann Osel

Schramm und das Fernsehen: eine schwierige Allianz. Natürlich wäre er ohne "Scheibenwischer" und "Neues aus der Anstalt" nie so bekannt geworden. Aber der Abschied vom Bildschirm hat gutgetan: "Seit ich das vom Hals habe, geht es mir besser. Ich war nur körperlich zu Hause, mit dem Kopf immer bei dieser verdammten Sendung. Für Urban ist das normal. Der lebt so. Sein Hamsterrad dreht sich doppelt so schnell wie meins." Wie Priol den letzten Satz des "Heute-Journals" für die Anmoderation der "Anstalt" nehmen? Unmöglich für Schramm. Die Generalprobe am Abend vor der Live-Sendung? Fast spürbar seine Qualen ob des noch nicht perfekten Textes.

Campingbus, Erdbeer-Daiquiri, PR von Bio-Bauernhöfen

Und jetzt? Altersmilde? Davor hat er Angst: "So wie Hanns Dieter Hüsch, der nur noch über Teebeutel in Hotels gesprochen hat." Man muss sich keine Sorgen machen, Schramm kann sich noch fabelhaft aufregen. Über undotierte Auszeichnungen zum Beispiel: "Claus Fussek, Thomas Gebauer: keinen Cent! Aber Dieter Nuhr bekommt für seine Pflege der deutschen Sprache 30 000 Euro - so ist die Welt! Ist doch scheiße!" Ihn treibt noch so einiges um. Nur: wohin damit? "Meiner Frau brauche ich es nicht zu erzählen. Und meinem 18-jährigen Sohn geht das sonst wo vorbei. Wenn der ein Referat machen muss, fragt er ganz vorsichtig, weil er weiß: Unter einer halben Stunde geht da nichts."

Der Rentner Schramm nutzt nun öfter den Campingbus, genießt es, in schlampiger Montur Zeitung zu lesen, geht mit dem Hund raus und kauft auf dem Markt ein, "damit wir am Abend Erdbeer-Daiquiri trinken können". Und sonst? "Wenn in einem Jahr eine kleine Firma sagen würde: 'Wir brauchen jemand für die PR-Arbeit von Bio-Bauernhöfen' - das würde ich machen!" Oder doch ein Buch: die TV-Texte, "in vernünftig redigierter Form". Oder noch mal Bühne: mit Jochen Malmsheimer. Es gibt eine vage Vereinbarung für ein Duo, eventuell 2016. "Nichts Politisches. Die sieben Todsünden oder irgendwas Grundlegendes." Das hätte Wucht! Schramms Verve mit Malmsheimers Fabulierkunst - ein rosiges Versprechen.

Derweil wird sein Garten daheim in Badenweiler im Markgräflerland wohl Zuwachs bekommen. Denn dort stellt Schramm seine vielen Trophäen auf. "Da stehen die gut", findet Schramm, wobei: "Der baden-württembergische Kleinkunstpreis ist ein Plexiglas-Scheibchen - damit verhunze ich den Garten nur." Platz gefunden haben der Bayerische Kabarettpreis ("Bronzefigur, macht sich sehr schön"), der "Gaul von Niedersachsen" ("halbes Pferd, ein bisschen eingegraben, so dass Beine und Schwanz rausgucken") sowie der Schweizer "Cornichon" ("wächst langsam zu"). Ein irritierendes Bild: Mister Furor sitzt still auf dem Gartenbänkchen und schaut der Welt beim Zuwuchern zu. Schont allerdings auch die Batterie.