bedeckt München 21°

Geoengineering:Technisch wäre eine Art SO₂-Schutzschirm möglich

Kein Wunder, dass die Ingenieure und Wissenschaftler schon längst auf die Idee gekommen sind, den Vulkan-Effekt künstlich nachzuahmen. Paul Josef Crutzen ist einer davon. Der niederländische Meteorologe, der 1995 für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Atmosphärenchemie den Nobelpreis erhielt und der den Anthropozän-Begriff miterfunden hat, wollte etwa mit Hilfe Tausender von Ballons von den Tropen aus Schwefel in die Stratosphäre bringen. In zehn bis 50 Kilometer Höhe sollte das Gas freigesetzt und zu Schwefeldioxid, SO₂, verbrannt werden, woraus schließlich Sulfatpartikel entstünden, wie sie auch bei Vulkanausbrüchen entstehen. Rund eine Million Tonnen Schwefel jährlich, so Crutzens Kalkül, würde reichen, um die Erwärmung durch Treibhausgase halbwegs zu kompensieren.

Ulrike Niemeier vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg glaubt ebenfalls, dass schon heute eine Art SO₂-Schutzschirm "technisch möglich" ist. Allerdings: "Das System Klima ist so komplex, dass wir auch mit Modellrechnungen nicht vorhersagen können, ob es nicht unerwartete Nebenwirkungen gibt." Das ist aber der Punkt: Technisch möglich auf dem Gebiet des Geoengineering ist vieles - doch die Konsequenzen sind unklar. Es fehlt daher weder an Innovationsglaube noch, im Gegenteil, an Skeptizismus, sondern vor allem an neutraler Forschung.

Einige größere Feldversuche gibt es dennoch. In der Schweiz wurde etwa mit riesigen, fabrikgroßen "Saugern" schädliches CO₂ aus der Luft gefiltert. An sich ist das keine technologische Herausforderung, eher eine logistische. Denn Unmengen von Kohlenstoffdioxid müssten dann in der Erde gelagert werden - mit bislang unabsehbaren Folgen für die seismische Statik und das existenziell notwendige Grundwasser.

Interessant ist auch die Überlegung, wonach man mit gewaltigen Pumpen kaltes Wasser aus der Tiefsee nach oben schaufeln könnte. Kälteres Wasser kann mehr CO₂ binden als warmes. An der Meeresoberfläche könnte das kalte Wasser Kohlenstoffdioxid aufnehmen, um damit, da kaltes Wasser auch schwerer ist als warmes, wieder abzusinken. So würde man aus den Ozeanen allmählich gewaltige Speicherstätten für Kohlenstoffdioxid machen. Andreas Oschlies vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel schätzt, dass sich auf diese Weise etwa zehn Prozent der heutigen Emissionen kompensieren ließen. Technisch ist das machbar, sagt er, "die Frage ist aber: Wollen wir das?" Denn auch hier sind die Folgen bislang unabsehbar. Oschlies: "Für nur zehn Prozent Kompensation würden wir massiv in den Wasserhaushalt der Erde eingreifen." Letztlich weiß man einfach zu wenig über die Folgen theoretisch denkbarer Eingriffe. Solange man aber nicht weiß, wo man hinfährt, sollte man vielleicht nicht allzu sehr aufs Gaspedal drücken, sondern erst mal für Orientierung und gute Sichtverhältnisse sorgen.

Nachgedacht wurde auch schon über Unmengen von kleinen Spiegeln, die, in der Umlaufbahn stationiert, das Sonnenlicht reflektieren sollen. Und die Ozeane wollte man im gigantischen Maßstab mit Eisen düngen, weil Eisensulfat als Mikronährstoff eine enorme Algenblüte auslösen könnte. Algen nehmen CO₂ auf. Britische Forscher wiederum beschäftigen sich mit der gentechnischen Herstellung von stark reflektierenden Getreidesorten (Bio-Geoengineering). Dann gibt es auch die Idee, ganze Wüsten mit Plastikfolien abzudecken. Oder den bisweilen (etwa in Los Angeles) verwirklichten Plan, Dächer und Straßen weiß anzustreichen. Auch das zielt auf das "Sonnenstrahlungsmanagement", auf das Reflektieren von Licht.

Zeitgeist Mehret euch nicht!
Überbevölkerung

Mehret euch nicht!

Der Mensch ist das größte Umweltproblem. Deshalb fordern Antinatalisten das Ende der Fortpflanzung. Ein Besuch bei ihrem Vordenker Théophile de Giraud.   Von Alex Rühle

So viel Fantasie und Kühnheit gibt es, um mit viel zu viel CO₂ in der Atmosphäre fertig zu werden. Wie wäre es denn, nur mal so ins Blaue hineingedacht, wenn man erst mal gar nicht so viel von dem Zeug produzieren würde? Na gut, das ist natürlich eine dermaßen absurde Idee, dass es die kollektive Fantasie dann doch überfordert.

Die Technikgeschichte weiß um das grundsätzliche Dilemma der Ingenieure und Wissenschaftler: Ihre Hervorbringungen können die Welt besser machen - aber auch das Gegenteil bewirken. Die Technik ist etwas zwischen Goethes Zauberlehrling, Düsentriebs Helferlein und dem Golem, weshalb auch die gesellschaftliche Rezeption technologischer Evolution stets gewisse Muster zeigt: Die Reaktionen reichen von Euphorie bis Untergangsskeptizismus, von bedingungsloser Zustimmung bis vorverurteilender Ablehnung.

Die Debatte über die Möglichkeiten und Risiken des Geoengineering macht da keine Ausnahme. Viele warnen davor, überhaupt einzugreifen in den Organismus der Erde. Das aber tut der Mensch, seit er auf der Welt ist: Er verändert die Grundlagen seiner Existenz. Es geht daher längst nicht mehr darum, ob man eingreifen soll. Sondern wie.

Das Anthropozän - eine Serie

Der Mensch hat so radikal in die Natur eingegriffen, so glauben viele Wissenschaftler, dass wir von einem neuen Erdzeitalter sprechen müssen, dem Anthropozän. In einer Serie fragen wir nach den Konsequenzen für die Natur und für den Menschen, dessen Weltbild nun seine Gültigkeit verliert. Alle Texte lesen.