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"Genug gesagt" im Kino:Showdown im Kinosessel

"Genug gesagt" von Nicole Holofcener

Fast ein ideales Paar - James Gandolfini und Julia Louis-Dreyfus als frischgebackenes Liebespaar. "Genug gesagt" war einer der letzten Filme, die der im Sommer verstorbene Gandolfini gedreht hat.

(Foto: dpa)

Wer kennt das nicht: Kleine Fehler, die am Anfang noch ganz harmlos aussehen und sich, weil man sie durchgehen ließ, zu Dramen auswachsen. In der Liebesgeschichte "Genug gesagt" mit dem in diesem Sommer verstorbenen James Gandolfini konfrontiert uns Nicole Holofcener vor allen Dingen mit uns selbst.

Dass Männer nicht reden oder beim Reden schweigen, das ist ein Thema, das im Kino Tradition hat. Dass Frauen so was, auf ihre Art, natürlich auch tun, kommt dagegen fast nie vor. Für kommunikationsgestörte Frauen, das Wahren von Fassaden, ist fast allein die amerikanische Regisseurin Nicole Holofcener zuständig, deren Filme seit mehr als einem Jahrzehnt um dieses Thema kreisen; als wäre nur ihr aufgefallen, dass es sozusagen einen weiblichen Gegenpart zum großen Schweiger gibt.

Mit "Friends with Money" hat sie schon einmal ein wenig Aufmerksamkeit jenseits der USA erregt, da spielte Jennifer Aniston eine Frau, die eigentlich putzen geht, ihr Leben nicht auf die Reihe bekommt und trotzdem versucht, sich in ihrem Freundeskreis zu halten. "Please Give" war vor drei Jahren im Berlinale-Wettbewerb. Nun kommt "Genug gesagt" - fast die Tragödie einer lächerlichen Frau. Aber eine richtige Tragödie wird dann doch nicht daraus.

Im Mittelpunkt steht diesmal Julia Louis-Dreyfus, die man kaum noch gesehen hat, seit es die Serie "Seinfeld" nicht mehr gibt, wo sie die ewige beste Freundin war.

Sie spielt die Massagetherapeutin Eva, alleinerziehend und ein wenig verloren im Leben. Im Herbst wird ihre Tochter aufs College gehen, und sie versucht nun, die drohende Leere zu füllen. Sie fängt an, die Freundin der Tochter zu bemuttern, und ein neuer Freund wäre natürlich auch ein angenehmer Zeitvertreib.

So kommt es, dass sie Freunde auf eine Party begleitet, auf der sie eigentlich niemanden kennt. Dort begegnet sie erst einer Frau, die sie maßlos bewundert: die Dichterin Marianne (Catherine Keener). Dann stellt man ihr einen Mann vor - Albert, ein bisschen übergewichtig, aber mit viel Sinn für Humor.

Entspannt

Mit ihm einigt sie sich gleich darauf, dass auf dieser Party eigentlich überhaupt niemand attraktiv sei. Auch er fürchtet sich ein wenig vor dem Herbst, wenn die Tochter aufs College geht. Also verabreden sie sich.

James Gandolfini, der im Juni gestorben ist, spielt diesen Mann - es ist ein wunderschöner Auftritt, den er hier noch einmal hat, der zweitletzte; ein weiterer Film kommt noch im nächsten Jahr.

Albert ist eigentlich einfach entspannt und mit sich selbst im Reinen. Die erste Verabredung läuft gut genug für eine zweite, und er lädt sie in sein Haus ein, zum Brunch. Die Tür öffnet er ihr in merkwürdigen Schlabberhosen - aber es ist doch schließlich Sonntag, sagt er - , die erst durch etwas stabilere Beinkleider ersetzt werden, als sie ihn über den Frühstückstisch hinweg informiert hat, was genau sie alles gerade sehen kann. Eine rührend komische Szene, die in gemeinsamem Gekicher endet. Was könnte eine bessere Basis sein für eine Beziehung?

Unzivilisiert

Nicole Holofcener hat ein untrügliches Gespür dafür, Hollywoods Romantik und Humor realistisch zu spiegeln, und deswegen geht dann auch bald alles schief. Denn Eva freundet sich mit Marianne an - Catherine Keener spielt in allen Filmen von Holofcener eine tragende Rolle - , die ihr von ihrem fürchterlichen Ex-Mann erzählt, der keinerlei Disziplin beim Essen hatte und ihr insgesamt zu unzivilisiert war. Albert hat Eva seine Tochter vorgestellt, und dann sieht Eva dieses Mädchen plötzlich bei Marianne: Albert ist der unmögliche Ex-Mann.

Und statt ihm davon zu erzählen oder sich Marianne zu entziehen, hört sie sich fasziniert die ganzen Klagen von Marianne an - hey, der Mann hatte nicht mal einen Nachttisch! - und lässt eine Solidarität mit dieser Frau zu, die ihr Albert immer mehr entfremdet.

"Genug gesagt" ist ein großartiges Stück über die Folgen kleiner Fehler, die am Anfang noch ganz harmlos ausgesehen haben und sich, weil man sie einfach so durchgehen lässt, zu großen Dramen auswachsen.

Angst vor dem Herbst

Eva macht das an vielen Stellen in ihrem Leben: kuschelt, statt mit ihrer Tochter über die Angst vor dem Herbst zu sprechen, mit deren Freundin auf dem Sofa, bis die Tochter vor Eifersucht die Wände hochgeht; sagt ihren Stammkunden bei der Massage nicht, was gar nicht geht, sagt Albert nicht, warum sie plötzlich, noch dazu vor anderen Leuten, Dinge an ihm kritisiert, die ihr wenige Wochen zuvor noch ganz egal waren.

Es gibt in "Genug gesagt" keine hysterischen Ausbrüche, keine Riesenkrise, keine großen Showdowns - der eigentliche Showdown findet im Kinosessel statt: Im Idealfall erkennt man in diesen Figuren, die Holofcener geschaffen hat, in ihrer verhaltenen Überheblichkeit, ihrem falschen Stolz, der Unfähigkeit, reinen Tisch zu machen, sich selbst.

Enough Said, USA 2013 - Regie und Buch: Nicole Holofcener. Kamera: Xavier Pérez Grobet. Mit: Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Catherine Keener, Toni Collette, Ben Falcone, Amy Landecker, Tracey Fairaway, Eve Hewson. Fox, 93 Minuten.

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