Gefahren der Digitalisierung:Immer mehr Kenner der digitalen Revolution äußern sich nachdenklich

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Doch längst heißt "Internetkritik" nicht mehr Opposition gegen das Netz, sondern Kritik des Internets. So wie Gesellschaftskritik, von ein paar wenigen radikalen Fällen abgesehen, auch nicht bedeutet, dass man die Gesellschaft abschaffen will.

Und immer öfter kommen solche Analysen von Kennern, die die digitale Revolution früh und eng begleitet haben. Es sind nicht mehr nur so wuchtige Vorreiter wie der einstige Informatikpionier David Gelernter, es sind auch nicht mehr einzelne kritische Hofnarren, die sich der digitale Medien- und Ideenzirkus hält, um sich mitten im Milliardengeschäft mal eine nachdenkliche Verschnaufpause zu gönnen.

Es mehren sich kundige Erklärungsversuche: Was tut sich da eigentlich seit ein paar Jahren zwischen Technik, Geschäftsmodellen und Online-Lebensführung? Wie kann man all das beschreiben, ohne dass man beim Zuhören meint, entweder bei einer Sekte gelandet oder mit den Jungs vom IT-Support verbunden worden zu sein?

Ein Beispiel ist der Jurist Tim Wu mit seinem jüngsten Buch "The Attention Merchants", das die großen Netzfirmen als unentrinnbare "Aufmerksamkeitshändler" untersucht; ein anderes der Germanist und frühe Digitalenthusiast Roberto Simanowski mit seinem "Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien".

Und jetzt eben der Amerikaner Adam Greenfield, der sich "die Kolonisierung des täglichen Lebens" in dem Buch "Radical Technologies" (Verso Books, 2017) vornimmt.

Greenfield nimmt als linker Aufklärer links klingende Netz-Utopien auseinander

Der Mann weiß, wovon er spricht, er hat für die Digitalmarketing-Agentur Razorfish in Japan und für Nokia in Finnland gearbeitet. Greenfield kennt den frühen Netz-Enthusiasmus und die linke Popkultur, er hat sich in die technische Entwicklung ebenso hineingegraben wie in die Gesellschaftstheorie.

Schon 2013 hat er ein Buch mit dem Titel "Against the Smart City" vorgelegt, als noch kaum absehbar war, was die Verwandlung des öffentlichen Raums in ein kommerzielles Sensor-System genau bedeutet. Das macht Stimmen wie die von Adam Greenfield so interessant: Er nimmt als linker Aufklärer links klingende Netz-Utopien auseinander.

Das "Internet der Dinge" macht das Leben leichter? Es basiert auf der ständigen Übertragung von demografischen und persönlichen Daten und Verhaltensweisen, auf der Verknüpfung von Bewegungen im Raum, Surfgeschichte, Konsumvorlieben, Familien- und Finanzverhältnissen, Fitnessdaten und so weiter. "Sind die Einschränkungen, die uns das Leben in der nicht vernetzten Welt abfordert, wirklich so beschwerlich? Ist es wirklich so schwierig zu warten, bis man nach Hause kommt, um dann seinen Ofen vorzuheizen? Und ist es wirklich wert, sich so sehr zu entäußern, nur um dies von ferne tun zu können?"

Adam Greenfield greift die Programmierer an, die makellose, unparteiische, klare Klassifizierungen und Operationalisierungen verheißen - dieses Versprechen stehe nicht nur im Widerspruch zum viel chaotischeren, komplexeren sozialen Gefüge der Menschen, sondern auch zum tatsächlichen Durcheinander aller komplexen Datenverarbeitung.

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