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Gedichte:Durch Lichter gehen

Kinder- und Jugendliteratur 
Freitag 11. Mai

Illustration aus Michael Hammerschmid und Rotraut Susanne Berner: "Schlaraffenbauch. Gedichte."

Gedichte des Autors Michael Hammerschmid, mit Illustrationen von Rotraut Susanne Berner.

Von Nico Bleutge

Auf einem Poster, das diesem schönen Bändchen beigefügt ist, kann man einen Wunsch lesen: "ich würde gerne hören", heißt es da in großen Buchstaben, "stundenlang hören / mit den füßen in der / luft nichts sonst / ja?" Und man kann nur mit einem großen "Ja!" antworten, denn Michael Hammerschmids Gedichte leben vom Klang und von einem ganz eigenen Rhythmus, dem man stundenlang zuhören möchte.

Wobei man beim Lesen das Tempo selbst bestimmen kann, hier schneller, dort langsamer durch die Verse wandert. Das passt sehr gut zu den vielen Dingen, die einem auf den Seiten begegnen: Bälle, Uhren, Leoparden, Vulkane, aber auch Schnecken, die unheimlich genau sein können. Michael Hammerschmid, der 1972 in Salzburg geboren wurde, ist nicht nur t Autor, er unterrichtet das Schreiben auch. Glücklicherweise haben seine Gedichte überhaupt nichts Didaktisches an sich. Mit versteckten Reimen und Assonanzen führt er uns durch alle Situationen, die ein Kinderherz (und das eines Erwachsenen auch) tagein, tagaus bewegen: Aufstehen, Einschlafen, Glück haben, Kranksein.

Oft geht es dabei um die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Hinschauen und genau hören, aber auch spüren, was einem etwa im Wald alles nah ist: "durch lichter / gehen und / farben / tauchen / in diesem / wald / fast ohne / weg / und wie schnell / der abend kommt." Noch schöner ist es vermutlich im Schwimmbad oder am Meer. Wenn die Sonne in jeder Haarspitze kitzelt, gibt es nur einen Wunsch: "baden schwimmen / im wasser / schatten sammeln / an diesem tag / voller sonne / voller wasser / so machen wir's / d'accord?!"

Aber sicher. Und was wir sonst noch machen? Wir lassen uns von einem Wort zum nächsten gleiten, angetrieben nur vom Klang und von der Einbildungskraft: "denkst du an eis / denkst du an flocke / denkst du an flocke / denkst du an locke / denkst du an locke / denkst du an kopf." So geht das noch fast zehn flockige Verse weiter. Nebenbei erfahren wir etwas über Gedanken, Gefühle und die vielen unbekannten Sachen, die einen immerzu umtreiben. Was eine Zuckerkugel ist zum Beispiel und was ein Schlaraffenbauch - es sei hier nicht verraten. Auch der Kummer fehlt nicht, mitsamt dem Schluchzen und den Tränen. Doch die Traurigkeit hält gar nicht lange an. Schon ist der Tag wieder hell, alles "warm und angenehm". Und die nächste Frage lautet: "was machen wir nun?"

Rotraut Susanne Berner hat zu den Gedichten Bilder angefertigt, die wie Verwandlungen der Verse in Figuren und Farben sind. Mal laufen die Zeichnungen unterhalb der Gedichte entlang, mal wachsen sie als Blüten, Vögel und Fledermäuse quer über die Seiten. Besonders intensiv sind kleine Motive wie Sonne oder Mond, Augen oder Eulen, die mehrfach erscheinen. Wenn man auf der letzten Seite angelangt ist, möchte man am liebsten zurückblättern und noch einmal eintauchen in die vielen Farben und Verse, mit den Füßen in der Luft.

Michael Hammerschmid: Schlaraffenbauch. Gedichte. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner. Tolles Heft 49. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien und Zürich 2018. 32 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 11.05.2018
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