Neue Erzählungen von Gaito Gasdanow:Das Gesetz der logischen Unmöglichkeit

Gaito Gasdanow mit seiner Frau Faina in München (60er Jahre)

Leise Prosa ohne Sentimentalität: Gaito Gasdanow und seine Frau Faina in den Sechzigerjahren in München.

(Foto: privat/Hanser Verlag)

Gaito Gasdanow ist ein spät entdeckter Jahrhundertschriftsteller. Seine Erzählungen sind genauso brillant wie die Romane.

Von Juliane Liebert

Es gibt Bücher, denen man nur seine Liebe erklären kann. "Schwarze Schwäne" ist so ein Buch. Neun Erzählungen von Gaito Gasdanow finden sich darin, zwischen 1927 und 1960 zunächst auf Russisch erschienen, ausgewählt und mit feinem Gehör für ihre Musikalität übersetzt von Rosemarie Tietze. Die meisten sind kürzer als dreißig Seiten, jede einzelne ein Einbruch der Schönheit und des Menschlichen in die absurde Welt; und jede ein Prisma, das die grelle Lichtflut der zerschellenden Moderne in ihre Farben aufspaltet.

Dann wieder eine Linse, die sie verdichtet, bis eine versunkene Epoche in anfangs nur geträumten Hawaiigitarren widerhallt. Die erklingen am Ende der gleichnamigen Geschichte tatsächlich. Aus einem Grammophon in einem Salon, dessen Bücherschrank mit dunklen Romantikern und Phantasten von Gogol bis Huysmans bestückt ist. Der Salon gehört einer "vielleicht dreißigjährigen Dame", bei der man nach einer Beerdigung beisammensitzt. Auf dem Friedhof war es neblig und morastig, nun gibt es Champagner, "um zu vergessen". ",Champagner?', dachte ich. ,Wie absurd!'"

Die Schwester des Erzählers ist nach langem Siechtum gestorben. Seit Tagen schmerzen seine Füße von zu kleinen Schuhen. Sein Schwager und er dämmern betrunken vor sich hin. Die Worte eines Freundes, "ein ungewöhnlich begabter Künstler", kommen ihm in den Sinn, Erinnerungen und Sinneseindrücke flimmern wie Lichter, die im Blinzeln zu abstrakten Formen verschwimmen.

Die Zeit verläuft nicht mehr linear, aber sie ist auch nicht gebrochen. Sie scheint vielmehr kunstvoll gefaltet. Als blickte man auf den Punkt, von dem der Urknall aller Erinnerung ausgeht. Es ist eine sanfte, aber ungeheure Präsenz, die der todmüde Rausch und die "Luftschwankungen" der Fata-Morgana-haften Musik gebären. Die Gewalt der Vergänglichkeit steht einem vor Augen - eines Menschenlebens, des alten Russlands, eines ganzen Zeitalters.

In Paris war Gasdanow Taxifahrer und schrieb unermüdlich

Gasdanow hatte es 1923 ins Exil nach Paris verschlagen. In den Revolutionskriegen der entstehenden Sowjetunion war er, noch ein halbes Kind, Soldat der die Bolschewiki bekämpfenden Weißen Armee gewesen, konnte später in Bulgarien sein Abitur nachholen, bis er wie so viele russische Exilanten in der französischen Hauptstadt strandete. Er hielt sich mit allen möglichen Jobs über Wasser, studierte, fuhr nachts Taxi. Nebenher schrieb er unermüdlich.

Seine außergewöhnliche Begabung wurde früh erkannt. Mittlerweile sind mehrere seiner Romane im Hanser-Verlag erschienen. Trotzdem ist er, verglichen mit dem Superstar Nabokov, zumindest im deutschsprachigen Raum weiterhin ein Geheimtipp. Vielleicht, weil er auf Russisch schrieb. Vielleicht auch, weil die Intensität seiner Prosa oft eine leise ist. Sätze, melodiös wie die alten Romanzen, die in manchen der Geschichten gesungen werden, aber ohne deren Sentimentalität, stimmen den Ton einer warmherzigen Illusionslosigkeit und steter Reflexion an, niemals abgeklärt, immer teilnehmend, nur aus wechselnder Distanz.

Am tiefsten verstrickt in seine Träumereien ist wohl der Erzähler von "Hannah". Dieses rothaarige Mädchen, das eine einzigartige Stimme hat, beißt ihm eines Tages beim Ringen übermütig in die Schulter und entschuldigt sich mit einem Kuss. Wenig später trennen die Revolutionswirren das junge Paar. Es entwickelt sich eine abstrakte Fernbeziehung per Brief, während Hannah in den USA eine Karriere als Sängerin beginnt und weltberühmt wird.

Als sie zu ihrem Jugendfreund nach Paris reist, steht dem Happy Ending eigentlich nichts mehr im Weg. Doch die Beziehung bleibt ihm fremd. Er muss erkennen, dass er chronisch gegen die Wirklichkeit rebelliert: "Ich wusste, dass Gefühle in reiner Form, wie ich sie auf der Bühne gesehen oder von denen ich gelesen hatte, im gewöhnlichen Leben fast nie vorkommen, ebenso wie keine Vorstellung rein als solche entstehen kann, ohne dass neben ihr ein paar unnötige Gefährten auftauchen; dies war das Gesetz der logischen Unmöglichkeit, und gerade dagegen protestierte ich stillschweigend mit aller Kraft."

Es kommt ihm vor wie eine "Krankheit", denn Hannah liebt er unverändert. Gasdanow schildert damit auch die seelischen Verwerfungen von Menschen, die ihre Heimat verloren haben. Die eingelegten Pilze schmecken im Exil nicht mehr, selbst die Muttersprache klingt irgendwie falsch. Man flüchtet sich in absonderliche Obsessionen.

Am Leben reizt Pawlow nur die Möglichkeit, alles anders verstehen zu können

Wie Pawlow, den am Leben nichts mehr reizt außer den titelgebenden "schwarzen Schwänen", denn sie repräsentierten eine "andere Geschichte der Welt, das ist eine Möglichkeit, alles, was existiert, anders zu verstehen". In Australien soll es sie geben, doch ihm fehlen die Mittel, um auszuwandern. Er ist kein Spinner, sondern die personifizierte Gesundheit und Charakterstärke. Aber er "hatte wohl nie herausgefunden, wie er seine ungewöhnlichen Talente einsetzen könnte, und so blieben sie ungenutzt. Er hätte sich, glaube ich, als unübertrefflicher Schiffskapitän bewährt, doch nur unter der Voraussetzung, dass dem Schiff ständig Unfälle passiert wären".

Sein einziger Ausweg: Suizid. "Lieber Fedja," lautet der Abschiedsbrief an seinen Bruder, "das Leben hier ist schwer und uninteressant. Ich wünsche Dir alles Gute. Mutter habe ich geschrieben, ich sei nach Australien gereist." Und ja, diese radikale Sachlichkeit ist natürlich sehr lustig, weshalb man nicht weniger berührt um den wackeren Pawlow trauert. Gerade weil fast alle Protagonisten existentiell Verlorene sind, kann Gasdanow ihrer unmöglichen Situation zuweilen nur mit Komik beikommen.

Gasdanow wurde Mitglied der Résistance, nach dem Krieg lebte er in München

Und darin ist er verdammt gut. Er liebt die Anekdote, spitzt sie gerne zur Parabel zu. Seine pointierten Beschreibungen sind oft komisch, ebenso die ausgefeilte Motivik. Das können zu enge Schuhe sein oder ein Papagei: "Pas vrai!" (Gelogen!) kräht er unablässig, während die Helden auf Abwege geraten. "Genossin Brack" erzählt die Tragödie des revolutionären Mordens als abgründigen Schwank. Drei junge Männer verehren besagte Tatjana Brack, deren Nachname auch auf Russisch nicht ganz koscher klingt.

Sie ist die "außereheliche Tochter eines reichen jüdischen Bankiers" und hat ihren eigenen Kopf. Zu den dreien gehört Soikin, Spitzname "General", der über enorme Körperkraft verfügt, Gewalt aber verabscheut. So wie Ferdinand, der Stier, an seinen Blümchen riecht, möchte der General nur friedlich seine Mandoline spielen. Weil er sich - ungebeten - als Beschützer Tatjanas aufführt, wird er jedoch immer wieder in Handgreiflichkeiten verwickelt. Dass sie mit einem anarchistischen Pianisten durchbrennt und bald darauf standrechtlich erschossen wird, kann er trotzdem nicht verhindern. Es hatte sich abgezeichnet. "Ein außerordentlich mutiges junges Mädchen", stellt Soikins Freund Wila schon vor der verhängnisvollen Affäre fest: "Nicht einmal vor Geschlechtskrankheiten hat sie Angst."

"Eine Seelenmesse", der kürzeste und letzte Text des Bandes, spielt in einer Zeit, die Kategorien wie Glück kaum noch zu kennen scheint: "an einem Abend des grimmigen Winters 1942" und wenigen darauffolgenden Wochen im besetzten Paris. Gasdanow war Mitglied der Résistance. Nach dem Krieg lebte er als Redakteur von "Radio Liberty" auch in München, wo er 1971 starb. Elf Jahre zuvor wurde "Eine Seelenmesse" erstmals gedruckt.

Die Zeit beschleunigt sich, in der Rückschau ist alles nur noch eine Vision

Die Messe soll für den verstorbenen Grigori Timofejewitsch gehalten werden. Als Schwarzmarkthändler war dieser Grischa, wie ihn zu Lebzeiten alle bloß nannten, während der Besatzung schlagartig reich geworden, aber unglücklich geblieben. Die Deutschen kauften sämtliche Waren, die sich auftreiben ließen. Ein paar findige, zuvor bettelarme Russen verfügten über die nötigen Kontakte und Fähigkeiten. So auch Wolodja, der unverhofft davon profitierte, dass er sich Jahre zuvor aus reinem Interesse umfassende Kenntnisse der Metallurgie angeeignet hatte.

Ihm ist es gelungen, einen kleinen Chor für die Messe zu versammeln. Sie findet in der Wohnung des Verstorbenen statt. "Nirgends und niemals, weder davor noch danach, habe ich einen solchen Chor gehört. Nach einiger Zeit war die ganze Treppe in dem Haus, wo Grigori Timofejewitsch wohnte, voller Menschen, die dem Gesang lauschen wollten. Der heiseren und traurigen Stimme des Geistlichen respondierte der Chor, den Wolodja leitete." Der Erzähler zitiert die liturgischen Texte: "Alles verwelkt wie Gras, alles verwüstet", ist erschüttert von der unerwarteten Macht dieser Musik.

Dann beschleunigt er die Zeit ins Unermessliche: In der Rückschau sei alles nur noch eine Vision, vor den Augen des Lesers wird der Moment ins schwarze Loch der Ewigkeit gezogen, und während man das Echo der Choräle noch zu hören meint, assoziiert man plötzlich eine andere Musik, Schostakowitschs 8. Streichquartett, und begreift: Gaito Gasdanow hat den ungezählten Toten des Zweiten Weltkrieges eine Messe komponiert, auf wenige Seiten komprimiert - ihnen und unseren von der Geschichte verwüsteten Seelen.

Neue Erzählungen von Gaito Gasdanow: Gaito Gasdanow: Schwarze Schwäne. Erzählungen. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Carl Hanser Verlag, München 2021. 272 Seiten, 24 Euro.

Gaito Gasdanow: Schwarze Schwäne. Erzählungen. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Carl Hanser Verlag, München 2021. 272 Seiten, 24 Euro.

© SZ/fxs
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