Gabriele Tergit:Mein Leben in Berlin, das hat mich lebenslänglich geprägt

Gabriele Tergit: Die Reporterin und Schriftstellerin Gabriele Tergit (1894- 1982).

Die Reporterin und Schriftstellerin Gabriele Tergit (1894- 1982).

(Foto: Schöffling Verlag)

Was bedeutet Exil? Die Bücher der Feuilletonistin Gabriele Tergit werden gerade begeistert wiederentdeckt. Die Zeitschrift "Text + Kritik" beschäftigt sich mit ihrem Leben nach 1933.

Von Marie Schmidt

Kurz vor dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 war Gabriele Tergit in der Redaktion der Weltbühne zu Besuch und sagte zu Carl von Ossietzky: "Selbstverständlich bleibe ich in Berlin. Man will doch der Historie zusehen." Sie war ja die aufregendste Feuilletonistin der Stadt, hatte sie mit ihrer Reihe "Berliner Existenzen" erforscht, in Gerichtsreportagen ihre privaten und politischen Konflikte aufgezeichnet, und dabei bemerkt, wie die Stimmung aggressiver wurde. Tergits Roman aus dem Zeitungsviertel, "Käsebier erobert den Kurfürstendamm", war 1931 ein Erfolg.

Tergit war bekannt, und die Nazis verfolgten die liberale jüdische Schriftstellerin, sobald sie an der Macht waren. Am 4. März 1933 trommelte um fünf Uhr morgens die SA an ihre Wohnungstür, Tergits Mann, der Architekt Heinz Reifenberg, bekam durch den Türspalt den Haftbefehl gegen seine Frau mitgeteilt: "Direkt von Reichsminister Göring". Sie rief einen Journalistenkollegen und einen Staatsanwalt an, den sie aus dem Gericht kannte. Die "zwei Nazis" halfen ihr mit dem Rat, die Polizei zu rufen, die Wohnung wurde durchsucht, aber Tergit entging der Verhaftung. Illusionen machte sich die erfahrene Reporterin da keine mehr, sie musste ins Exil, zuerst in die Tschechoslowakei, dann nach Tel Aviv und London.

Die großen Berliner Texte von Gabriele Tergit sind in den vergangenen Jahren von Nicole Henneberg im Schöffling-Verlag neu herausgegeben worden, der "Käsebier", der erst 1951 erschienene Familienroman "Effingers", zuletzt die Gerichtsreportagen. Die Zeitschrift Text + Kritik gibt mit ihrer aktuellen Ausgabe (Nummer 228; X/20. 24 Euro) über Gabriele Tergit einen Ausblick auf die zweite Hälfte ihres Lebens, auf eine weniger emanzipierte, überfliegerische, ironische Autorin. Und wie Tergit mit ihrer Wiederentdeckung ihren rechtmäßigen Platz zwischen Kurt Tucholsky und Irmgard Keun, Erich Kästner und Vicki Baum einnimmt, gehört dieser Teil ihres Werks unbedingt zur Exilgeschichte der deutschen Literatur: ihre Auseinandersetzung mit dem Zionismus in den Dreißigerjahren und der "Exilsituation in England", die zur Gründung eines PEN-Clubs deutschsprachiger Autoren im Ausland führte. Als dessen Sekretärin hatte sie wieder eigene Konflikte auszufechten. Ihr "Buch über England", der Text über den Fluchthelfer Varian Fry mit dem Titel "Der Engel von New York", ihr dritter Roman "So war's eben" warten noch auf ihre Neuauflagen.

Als Journalistin drang sie in London nicht so recht durch

Die Texte, in denen sie die Verhältnisse kritisierte, die sie in Palästina vorfand, wollte sie nach dem Krieg nicht publiziert wissen. Einer findet sich aber doch in diesem Text+Kritik-Band. Wie das zionistische Ideal aus den intellektuellen, in ihren Berufen spezialisierten europäischen Juden "kraftvolle Menschen" machen wolle, "die in Luft und Sonne den Acker bebauen", erschien Tergit als eine zu harte "Umschichtung" von Lebenszielen und Menschenmöglichkeiten: "Die geistigen Kräfte von jungen Menschen, die in dritter Generation Ärzte sind, brachliegen zu lassen und als Traktorenführer zu verwenden, ist ein Raub."

1938 verließ Tergit mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn Palästina und zog nach London. Entlang eines großen biografischen Interviews, das Tergit 1979 Henri Jacob Hempel gegeben hat, beschreibt der Kulturhistoriker Joachim Schlör, wie Tergit im Exil weiter an Berlin festhielt. An dem, was sie sich dort an journalistischen Formen, an Kontakten und auch an liberaler Haltung gegen den Jargon der Ideologien erarbeitet hatte. "Man kann nicht solche Bücher schreiben wie ich und all dies dann wie eine Jacke ausziehen, wenn man das Land verläßt. Mein Leben in Berlin, das hat mich lebenslänglich geprägt", sagt sie da. Als Journalistin sei ihr deshalb in der englischsprachigen Welt nicht mehr viel gelungen, kommentiert Schlör. Und Tergit scheint sich wenig Illusionen gemacht zu haben: "Ich war Ende dreißig, als ich von Berlin wegging. Da war doch die Hauptentwicklungszeit für mich zu Ende." 1982 ist sie in London gestorben. Nach dem Krieg fuhr sie oft zu Besuch nach Berlin zurück. Aber die längere Zeit ihres Lebens hat sie im Exil verbracht.

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