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Freiluftbühne:Zahnräder der Zeit

Der Lebkuchenmann

Das Bergwaldtheater hat eine der größten Naturbühnen des Landes - gar nicht so einfach diese Dimensionen ästhetisch in den Griff zu bekommen.

(Foto: Antonia Rieger)

Das Bergwaldtheater in Weißenburg feiert sein 90-jähriges Bestehen mit dem Franzobel-Stück "Der Lebkuchenmann", inszeniert von Georg Schmiedleitner

Von Claudia Henzler

Das Bergwaldtheater in Weißenburg ist eine Bühne von enormen Ausmaßen: Mit 50 Meter Breite und bis zu 25 Meter Tiefe, mit all den Treppen und Bäumen, zählt der ehemalige Steinbruch zu den größten Naturbühnen im Land. Da besteht durchaus die Gefahr, dass die Darsteller verloren wirken. Wenn man aber den Regisseur Georg Schmiedleitner engagiert, schrumpft diese Gefahr zu einer nur theoretischen Möglichkeit zusammen. Der österreichische Theatermacher ist bekannt dafür, große Bilder zu entwerfen. In Weißenburg hat er diese Erwartung mit der Inszenierung des Franzobel-Stücks "Der Lebkuchenmann" mehr als eingelöst. Wie flammende Zahnräder der Zeit wirken die Konstruktionen, die ihm seine Kulissenbauer in den Wald gesetzt haben. Feuerrot sind auch die Kleider der Frauen, die am Ende mit Totenkopfmasken im Bergwald tanzen, während die Überlebenden unten durch ein Trümmerfeld aus Prothesen waten. Schaurig und poetisch zugleich.

Die Premiere wurde mit Spannung erwartet, sollte "Der Lebkuchenmann" für Weißenburg doch mehr als ein normales Theaterstück sein. Ein Jubiläumsprojekt, mit dem die Stadt zum 90-jährigen Bestehen ihres Bergwaldtheaters an dessen Anfangsjahre vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen will, als die Freiluftbühne überregional bekannt war für Inszenierungen mit Profischauspielern und Laien. Bevor sie dann eine von vielen Spielstädten wurde, die auf der sommerlichen Route der Tourneetheater stehen.

Das Konzept war anspruchsvoll: Erst gewann die 18 000-Einwohner-Stadt Franz Stefan Griebl alias Franzobel dafür, ein Stück über Weißenburg zu schreiben. Dann wurde Schmiedleitner engagiert, um es auf die Bühne zu bringen. Der ging das als künstlerisches Gesamtkonstrukt an, in das gefühlt die halbe Stadt einbezogen wurde. Offen war bis zum vergangenen Wochenende, ob das Ganze mehr geworden ist als ein Märchen über Weißenburgs Geschichte und ein verdienstvolles kunstpädagogisches Event für die Stadtgesellschaft.

In der ersten halben Stunde können daran Zweifel aufkommen: Schmiedleitner bringt möglichst schnell möglichst viele Darsteller und Weißenburger Vereine auf die Bühne. Im Vordergrund feiert eine Hochzeitsgesellschaft, während Bettina Brezinski (kurzfristig eingesprungen und trotzdem souverän) als durchgeknallte Elfe Phöbe Aufmerksamkeit einfordert. Sie hat den armen Paul (Sebastian Witt) in ihren Fängen, der die ganzen Handlung überhaupt erst ausgelöst hat: Der Weißenburger ist durch einen Autounfall aus der Gegenwart in einen Märchenwald geraten, in dem die finstere Stadtvergangenheit lebendig wird. Während dem Zuschauer noch nicht klar ist, was das alles soll, turnt links neben der Hochzeitsgesellschaft eine Akrobatikgruppe. Und am vorderen Bühnenrand bemühen sich Kinder eifrig, den Raum mit Seifenblasen noch weiter zu füllen. Da steigen vom Berghang auch schon Soldaten mit Hakenkreuzbinde herunter.

Das alles ist ein bisschen viel auf einmal - und vor allem ziemlich viel Laienspiel zu Beginn, während Profidarsteller Andreas Leopold Schadt, der die Titelfigur verkörpert, eine geschlagene halbe Stunde zum Schweigen verdammt ist. Als stummer Beobachter kauert und schleicht der Lebkuchenmann lange im Zuschauerraum umher, muss sich vor Phöbe und dem seltsamen Treiben auf der Bühne verstecken.

Der Zuschauer braucht ein bisschen Geduld, um sich einzulassen auf den Irrsinn, den Autor Franzobel da zu einem Stück mit zutiefst idealistischer Botschaft zusammengestrickt hat (Untertitel: "Ein deutscher SupersommernachtsGAU") und den Schmiedleitner in viele eindrucksvolle Bilder übersetzt. Wenn nicht jeder alle Anspielungen auf Weißenburgs Geschichte verstehen mag, ist das letztlich unerheblich. Denn die kleinen Schicksale, von denen hier die Rede ist, spiegeln die große Geschichte wider. Und so abgedreht die Inszenierung manchmal wirkt, steht dem die erschütternde Kenntnis gegenüber, dass dieser ganze Wahnsinn auf wahren Begebenheiten beruht. Spätestens nach der Pause ist es schwer, sich der Inszenierung zu entziehen, die im Dunkeln noch ein paar extra beeindruckende Effekte zu bieten hat. Selbst wenn Publikum und Ensemble die zweite Hälfte wie bei der Uraufführung in strömendem Regen und mit unzuverlässigen Mikrofonen absolvieren, entfaltet "Der Lebkuchenmann" Wirkung.

Der Lebkuchenmann; weitere Termine: 19., 20., 21. und 25. bis 28. Juli, Bergwaldtheater Weißenburg

© SZ vom 16.07.2019

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