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Frankfurter Buchmesse:Träumende Kronprinzessin, geschasste Verlegerinnen

Crown Prince And Crown Princess Of Norway Visit The Frankfurt Book Fair

Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse, ein Gedicht rezitierend.

(Foto: Getty Images)

Die Frankfurter Buchmesse ist eröffnet und zeigt, dass das Buchgeschäft ein Fall für Profis und Marathonläufer ist.

Am Tag vor der Eröffnung geht es in den Messehallen noch einmal zu wie 1986. Bierflaschen auf den Tresen, Zigaretten in den Mundwinkeln, stattliche Bäuche in den Gängen, hin und wieder vereinzelt: eine Frau. Das sind die Stunden der Wahrheit, in denen die Stände aufgebaut, Auslegeware verlegt und Mythen von empfindlichen Feuermeldern widerlegt werden. Ab Mittwoch dann hängen die Poster an den Wänden, die von geschäftlichen Möglichkeiten in autoritär geführten Ländern künden, von permanentem Wandel und kontinuierlichem Wachstum, vibrierenden Märkten und Content. Es ist wieder das Jahr 2019 und das Buchgeschäft ein Fall für Profis und Marathonläufer.

In den abgeschiedenen Fluren sieht man hinter den Fenstern also schlanke, austrainierte Agenten und Lektoren von allen Kontinenten, die einander umarmen, Küsschen verteilen, sich gegenseitig Lizenzen verkaufen oder vorenthalten, Deals abschließen oder ablehnen, beides später wahrscheinlich bereuen, und hin und wieder fällt ein Verleger oder eine Verlegerin erschöpft aus dem Karussell und in den Innenhof. 7450 Aussteller aus 104 Ländern sind dabei.

Am besten darin, die Kritik an ihrem eigenen leer laufenden Elitismus zur Veredelung des eigenen Brandings zu integrieren, waren immer schon die Franzosen. In Frankreich ist die Kritik an der Vermengung von Kultur und Konzerninteressen auf Kosten der Armen zu einem eigenen literarischen Genre herangereift. Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis gehören heute zu den große Exporterfolgen der französischen Literatur. Schöner Kommentar in diesem Zusammenhang: Am Eingang zum Stand der französischen Verlage hat die Verlagsgruppe Flammarion ein großes Dior-Plakat aufgehängt, auf dem fünf umwerfend gekleidete Models einen Moment der Ausgelassenheit teilen.

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Im Vorfeld hatten auch die rechten Verlage wieder eine E-Mail verschickt, in der sie sich über irgendetwas beschwert haben, aber eigentlich nur halbherzig. Die Rechte braucht die Frankfurter Buchmesse nicht mehr als Aufmerksamkeitsverstärker, darüber ist sie lange hinaus. Sie hat jetzt die Parlamente. Die Konfliktlinien sind in diesen Tagen andere. Vor der Halle, in denen die internationalen Buchverbände ihre jeweiligen Länder vorstellen, parkt ein Mannschaftswagen der Polizei, offenbar erwartet man Einsatzmöglichkeiten. Besonders gewagt ist die Prognose nicht, schließlich hat auch die Türkei hier einen großen Stand. Dort herrscht in den ersten Stunden der Messe gespenstische Ruhe.

Wie 2018 wurde auch in diesem Jahr wieder kurz vor der Messe eine renommierte deutsche Verlegerin auf eine Weise von ihrem Posten entfernt, die von außen kaum anders denn als unehrenhafte Entlassung verstanden werden kann. Im vergangenen Jahr war die Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz betroffen, in diesem Jahr die Hoffmann-und-Campe-Verlegerin Birgit Schmitz. In beiden Fällen hatten die Entscheidungen offene Briefe bekannter Autoren zur Folge, die sich mit ihren Verlegerinnen solidarisierten und Protest gegen deren Demissionen einlegten. Und in beiden Fällen fragte sich kurz danach die versammelte Branche in Frankfurt, wie es kommt, dass ausgerechnet die Buchbranche nicht in der Lage zu sein scheint, Arbeitsverhältnisse so zu beenden, dass die Beteiligten trotzdem ihre Würde bewahren.

Auf auffallend vielen Bühnen ist von Natur, Klimawandel und Achtsamkeit die Rede

Ansonsten ist vieles beim Alten: Der spanische Anagrama-Verlag verkündet stolz, in fünf Jahren drei Nobelpreise eingestrichen zu haben, für Patrick Modiano, Kazuo Ishiguro und jetzt Olga Tokarczuk. Joachim Gauck sitzt auf verschiedenfarbigen Sofas und erklärt, dass man nicht von allen Deutschen die gleiche Toleranz erwarten könne, aber wenn es keine Ausländer gebe, wer pflege dann unsere Großeltern und pflücke unsere Erdbeeren? Und auf auffallend vielen Bühnen ist von Natur, Klimawandel und Achtsamkeit die Rede, als bestehe da ein Zusammenhang. Vielleicht ist ja doch etwas dran an dem Verdacht, dass sich die meisten Probleme am Ende einfach wegmassieren lassen.

Dass die Messe insgesamt versöhnlich gestimmt ist, hat vielleicht auch mit der Ankunft des norwegischen Kronprinzenpaares Haakon und Mette-Marit zu tun, das die Autoren des Gastlandes persönlich im ICE nach Frankfurt gebracht hat. Großes Aufsehen bei der Ankunft des "Literaturzuges" am Hauptbahnhof, die Norweger stiegen aus, Minister und Direktoren überreichten Blumensträuße, die Lokalpresse interviewte überwiegend ergriffene Passanten.

Später, auf der Eröffnungsveranstaltung, trug die Kronprinzessin ein Gedicht vor ("Wir tragen einen Traum mit uns"), in dem sich Türen öffneten und alles gut war. Heiko Maas warnte vor der Gefahr von rechts, Karl Ove Knausgård zitierte Hölderlin. Und irgendwo in der Ferne brach Peter Handke ein Interview ab.

Handke steht für den Konflikt zwischen Literatur und Journalismus. Die tunesische Journalistin Hanène Zbiss hat andere Sorgen und kennt wahrscheinlich abgebrochene Interviews aus der anderen Perspektive. Sie arbeitet als Investigativreporterin in Tunis und kannte schon das Regime des Autokraten Zine el-Abidine Ben Ali, der 2011, im Arabischen Frühling, gestürzt wurde. Nun beklagt sie, dass viele Medien in ihrem Land von Unternehmern oder Politikern gekauft worden sind. Ihr Ziel: "Ich will enthüllen, wer dafür verantwortlich ist, dass wir die Früchte unserer Revolution noch nicht geerntet haben."

Hanène Zbiss ist am Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Raif-Badawi-Preis für mutigen Journalismus ausgezeichnet worden. Der Preis, mit dem die Friedrich-Naumann-Stiftung Journalistinnen und Journalisten aus dem Nahen Osten und Nordafrika auszeichnet, ist nach dem inhaftierten saudischen Blogger Raif Badawi benannt, der wegen seiner Texte 2012 verhaftet und 2014 zu 1000 Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilt wurde.

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