Fotoserie: Potency:Das Böse im Baby

Ein Säugling mit Hitler-Bärtchen und in Mini-SS-Uniform: Die Künstlerin Nina Maria Kleivan hat ihre Tochter in Despoten-Kostümen fotografiert - ist das Kunst oder reine Provokation? Die Bilder.

Johanna Bruckner

7 Bilder

Nina Maria Kleivan, Potency, Adolf Hitler

Quelle: SZ

1 / 7

Ein Säugling mit Hitler-Bärtchen und in Mini-SS-Uniform: Die Künstlerin Nina Maria Kleivan hat ihre Tochter in Despoten-Kostümen fotografiert - ist das Kunst oder Provokation?

Große Augen, rosige Wangen: Kleine Kinder gelten als Inbegriff von Unschuld und Wehrlosigkeit. Die dänisch-norwegische Künstlerin Nina Maria Kleivan führt das Kindchenschema mit ihrer Fotoreihe Potency (deutsch: Macht) ad absurdum. Neun Babybilder umfasst die Strecke, jedes zeigt einen Säugling in einem anderen charakteristischen Tyrannenkostüm: Adolf Hitler, Benito Mussolini, Josef Stalin, Ayatollah Khomeini, Saddam Hussein, Mao, Idi Amin, Augusto Pinochet und Slobodan Milosevic - alle internationalen Despoten des vergangenen Jahrhunderts sind in Miniatur vertreten.

Text: Johanna Bruckner/kar/bgr

Foto: Nina Maria Kleivan/Adolf Hitler/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Saddam Hussein

Quelle: SZ

2 / 7

Modell stehen beziehungsweise liegen musste Kleivans eigene Tochter, damals wenige Monate alt. Die Fotos entstanden bereits vor zehn Jahren; 2001 wurde Potency in verschiedenen Museen in Göteborg, Kopenhagen und auf der Berliner Kunstmesse gezeigt - doch erst in den vergangenen Monaten haben die Bilder mediale Aufmerksamkeit erregt. In Kleivans 2010 erschienem Kunstband Enigma (deutsch: Mysterium) sind auch die Mini-Diktatoren abgedruckt.

Wer Nina Maria Kleivan persönlich zu Potency befragen will, wird enttäuscht: Die Künstlerin gibt keine Interviews mehr, Fragen werden nur schriftlich beantwortet. Das Medienecho sei teilweise "sehr unerfreulich" gewesen, lässt ihre Agentin ausrichten.

Foto: Nina Maria Kleivan/Saddam Hussein/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Idi Amin

Quelle: SZ

3 / 7

Gerade die englischsprachigen Medien haben sich auf die Bilder der bösen Babys gestürzt: Die New York Daily News ließen ihre Leser online abstimmen: "Finden Sie Baby-Hitler anstößig?" Drei Antworten stellte die Zeitung zur Auswahl: "Ja. Es ist furchtbar, einem Baby so etwas anzutun."; "Nein. Das ist ein harmloser Ausdruck von Kunst."; "Ich bin nicht sicher."

Eben in diesem Spannungsfeld liegt das Konfliktpotential von Potency: Sind die Bilder der 49-jährigen Kleivan Kunst? Oder ist ein "Baby-Hitler" pure und plumpe Provokation - auf Kosten eines Kindes?

Foto: Nina Maria Kleivan/Idi Amin/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Stalin

Quelle: SZ

4 / 7

"Wir alle tragen das Böse in uns", sagte Kleivan Haaretz online. Mitte März gab die Künstlerin der israelischen Zeitung noch ein ausführliches persönliches Interview. Obwohl ihre Fotos durchaus ein komisches Moment hätten, seien die Bilder nicht allein zur Belustigung der Betrachter gedacht. "Man soll über sie nachdenken - und sich fragen, woher das Böse kommt."

Die Frage nach dem Ursprung des Bösen ist nicht neu: Gibt es eine dunkle Seite der menschlichen Natur, die bei einigen Individuen ausgeprägter ist als bei anderen? Ist "das Böse" angeboren - und kann demzufolge bereits ein Baby böse sein? Oder wird ein Mensch erst im Laufe seines Lebens bösartig, sind menschliche Grausamkeiten Produkt von Erziehung und Sozialisation?

Foto: Nina Maria Kleivan/Josef Stalin/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Mussolini

Quelle: SZ

5 / 7

Doch Kleivans Fotos wollen nicht nur zum Nachdenken über die Herkunft des individuell Bösen anregen, sondern zeigen, dass Diktatoren jeweils für ein ganzes Unrechtssystem stehen: Hinter dem für den Betrachter personifizierten Bösen gibt es ein Kollektiv des Bösen - Menschen, die den Tyrannen an die Macht gebracht haben und ihn dort halten.

Beim Anblick eines Hitler-Bildnisses sind auch immer diejenigen präsent, die dem Naziterror hilflos ausgeliefert waren. "Bei Potency konzentriere ich mich auf den Konflikt zwischen bekannten Symbolen der Macht, den Diktatoren dieser Welt, und dem Baby als dem Symbol des ultimativ Machtlosen und Unschuldigen", sagte Kleivan, deren Vater selbst Gefangener in einem Konzentrationslager war, zu sueddeutsche.de. "Ich möchte, dass der Betrachter über die zentralen Gegensätze des Lebens nachdenkt: Schuld versus Unschuld, Macht versus Ohnmacht (Hilflosigkeit); das Leere und Nackte gegenüber dem überwältigenden Wissen der Geschichte."

Die Frage nach der Intention ihrer Fotos ...

Foto: Nina Maria Kleivan/Benito Mussolini/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Mao

Quelle: SZ

6 / 7

... ist eine der wenigen, die die Künstlerin auch anderthalb Monate nach Beginn des Medienrummels um ihre Babybilder bereitwillig beantwortet.

Doch Nina Maria Kleivan ist wohl nicht ganz unschuldig an dem entrüsteten medialen Aufschrei, der zumeist von der Frage begleitet wird, wie eine Mutter ihre wenige Monate alte Tochter als Hitler porträtieren kann. Sie selbst machte die Identität ihres Modells öffentlich - und befeuerte eine ohnehin schon emotionalisierte Rabenmutter-Debatte mit ihren Aussagen: "Selbst meine Tochter könnte Dänemark irgendwann mit eiserner Hand regieren", sagte sie Haaretz.

Foto: Nina Maria Kleivan/Mao/Potency

Nina Maria Kleivan, Potency, Pinochet

Quelle: SZ

7 / 7

Die Künstlerin Kleivan wird wohl um das Konfliktpotential ihrer Inszenierungen gewusst haben. Die ethische Grenzwertigkeit der Bilder scheint der Mutter Kleivan aber offenbar erst spät bewusst geworden zu sein.

Der Name der Tochter darf mittlerweile nicht mehr genannt werden. Auf die Frage, was die heute Zehnjährige über die Fotos denkt, reagiert die Künstlerin gereizt: "In der Fotoserie geht es nicht um mein Kind - es geht um den Gegensatz zwischen Unschuld und Macht. Das Baby verkörpert die Unschuld, die Uniformen symolisieren Macht. Ich wurde so oft falsch zitiert und missinterpretiert, dass ich dazu nichts weiter sagen möchte."

Foto: Nina Maria Kleivan/Augusto Pinochet/Potency

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB