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Fotografie:Zuerst und zuletzt

Wenn Fensterscheiben dem Fotografen helfen, die Welt frontal vor sich zu ordnen: New Yorker Frauen in einem Diner 1947.

(Foto: Courtesy Sammlung Fotostiftung Schweiz, Winterthur)

Es war nicht nur die Woche, in der Robert Frank starb: Es war auch die, in der in Berlin eine beglückende Schau über selten gesehene Früh- und Nebenwerke des Fotografen eröffnete.

Als in dieser Woche die Nachrufe auf ihn fällig wurden, ist einer um ihn trauernden Welt oft genug auch dies hier noch einmal zu Bewusstsein gebracht worden: Dass der große Fotograf Robert Frank ja gar nicht Robbert Fränk hieß, auch wenn sich unter vielen Verehrern seiner Kunst irgendwann eine amerikanische Aussprache eingebürgert hatte. Dass also Robert Frank, deutsch ausgesprochen, sein berühmtes Fotobuch "The Americans" vielleicht auch deshalb gelang, weil er selbst eben keiner war, oder wenigstens damals noch nicht. Sondern ein Europäer, ein jüdischer Emigrant aus der Schweiz, um genau zu sein, der nach dem Krieg sein Land zu eng fand und ausgewandert ist, um mit dem unbefangenen Blick des Fremden zum stilbildenden Porträtisten der Nachkriegsamerikaner zu werden.

So weit die bekannte, berühmte, eigentlich schon legendäre Geschichte des Mannes, der am Montag in seinem Haus in Kanada verstorben ist. Nur ein paar Tage später stand nun im Fotografiehaus C/O Berlin ausgerechnet die Eröffnung einer lange geplanten Sonderausstellung an, die in gleich dreifacher Hinsicht von einer Heimkehr des Robert Frank erzählt.

Zunächst einmal ist es ganz formal so, dass am exakt gleichen Ort einst schon einmal Franks Amerika-Bilder gezeigt wurden. C/O Berlin residiert nun einmal im ehemaligen Amerika-Haus von Westberlin am Bahnhof Zoo, und dort wurde bereits am 3. Juni 1985 zu einer Robert-Frank-Ausstellung geladen: "Zur Eröffnung sprach F. C. Gundlach, Hamburg. Robert Frank ist anwesend." Fotos zeigen den damals Sechzigjährigen in genau den gleichen Räumen stehend, lässig die Jacke an einem Finger über die Schulter gehängt und mit einer Frisur wie die Freiheitsstatue in New York.

Wenn Fensterscheiben dem Fotografen helfen, die Welt frontal vor sich zu ordnen: New Yorker Frauen in einem Diner 1947.

(Foto: Courtesy Sammlung Fotostiftung Schweiz, Winterthur)

Zum anderen ist es so, dass Frank 1947 zwar in die USA ausgewandert war, aber auch davor schon fotografiert hatte und kurz darauf für Reportageaufenthalte nach Europa zurückgekehrt war. In Berlin zeigen sie deshalb nun einen Robert Frank, der einem vorkommt, als habe er ungefähr hundert Jahre vor dem Mann gelebt und gearbeitet, von dem man "The Americans" kennt, was ausdrücklich nicht an Robert Frank liegt, sondern an dem Europa jener Jahre. Vor der Porte de Clignancourt sieht man Kinder auf einem Acker mit einem müden Pferd spielen, nur im Dunst des Hintergrundes erahnt man die Mauern von Paris.

In Franks europäischem Frühwerk kann man einen Vorschein auf die Ästhetik der "Americans" erkennen

Rätselhaft und poetisch im Stadtraum herumstehendes Gestühl, dem Frank damals eine ganze Serie widmete, findet man in Paris zwar auch heute noch, etwa im Jardin du Luxembourg. Aber dafür stolzieren seine Londoner Bankiers durch den Nebel, als kämen sie direkt aus einem Roman von Charles Dickens, vorbei an Automobilen, die Kutschen ähneln, denen die Pferde davongelaufen sind.

Trotzdem kann man in diesem europäischen Frühwerk einen Vorschein auf die Ästhetik erkennen, mit der Frank dann Amerika fotografieren wird, mit seinen Straßenkreuzern, Diners, Müllhaufen, Highways und Menschen. Etwa, wenn er den Schemen eines Mannes in das Bild von Notre Dame rasen lässt, und so Jahrhunderte versteinerter Zeit mit der Dynamik des Jetzt kurzschließt. Oder wenn Prozessionen im katholischen Spanien formal schon auf die patriotischen Paraden der Amerikaner vorausweisen. Besonders bemerkenswert ist eine frühe Fotoreportage aus Franks Geburtsland, der Schweiz, in der er verfolgt, wie in Appenzell-Außerrhoden unter freiem Himmel eine Volksabstimmung abgehalten wird. Im irgendwie sowohl Hochamtlichen als auch etwas Knöchernen der demokratischen Ritualien wird hier die Schweiz zum phänomenologischen Vorläufer jenes Amerikas, das Frank später bei Paraden fotografieren wird. Man meint auch, in einigen der kinnbärtigen Appenzeller direkte Verwandte der Honoratioren von Hoboken in New Jersey zu erkennen, die da auf ihrer Tribüne stehen wie die Steinfiguren von der Osterinsel, der letzte in der Reihe sogar mit süß geschürzten Lippen. Vielleicht liegt das nicht nur an der Struktur des Sujets. Vielleicht liegt das auch daran, dass in diesen frühen Bildern schon alles anklingt, was Franks Ästhetik später so berühmt machen wird, von den stürzenden Linien bis zum teilnehmenden Blick auf die Hinterköpfe, die Fotografen wie Betrachter praktisch einreihen ins Geschehen.

Der Schemen eines Mannes läuft in das Bild von Notre Dame, Frank schließt Jahrhunderte versteinerter Zeit mit der Dynamik des Jetzt kurz: Paris im Jahr 1946.

(Foto: The Herbert Matter Estate / Fotostiftung Schweiz)

"Unseen" heißt die Ausstellung, weil diese Bilder tatsächlich noch nie oder zumindest so gut wie nie zu sehen waren bisher. Dass unter diesem Titel in Berlin dann aber auch eine ganze Menge Bilder gezeigt werden, die man schon oft gesehen hat, die man andererseits aber gar nicht oft genug sehen kann - das ist nur scheinbar eine Inkonsequenz. Denn ja: Da sind einige der berühmtesten Bilder aus "The Americans". Aber hier sind auch solche, die Robert Frank damals nicht mit in die enge Auswahl für das Buch genommen hatte, obwohl sie es vielleicht auch verdient hätten. "Menschen beim Betanken von Autos" erweist sich plötzlich als motivisches Themenfeld eigener Art, oder die Spiegelung von Hochhäusern und Himmel in Pfützen oder polierten Autodächern.

In Berlin sieht man jetzt endlich einmal nicht nur die berühmt und ikonisch gewordenen Aufnahmen, sondern auch solche, die unmittelbar davor und danach entstanden, die Nachbarn auf dem Film. Kontaktbögen zeigen, was geschah, bevor der Straßenbahnwagen in New Orleans so frontal vor der Kamera stand, dass Franks Bild von den sehr sinnbildhaft und formal im Stil klassischer Renaissanceporträts darin befangenen Insassen entstehen konnte, eines der berühmtesten und zwischenzeitlich auch teuersten Fotos der Geschichte. Und man sieht, wie viele Fotos Frank machen musste, bis die amerikanische Fahne vor dem etwas schäbigen Fenster in New Jersey exakt so weht, wie es dann auf der Einladungskarte zu Franks erster Berliner Ausstellung zu sehen war.

Dieses ist nun die letzte, deren Vorbereitung er zu Lebzeiten noch begleiten konnte. Die Auswahl der Bilder für die Presse habe er noch selbst vorgenommen, sagen die Kuratoren. Da das Auswählen aber bei diesem Mann ein mindestens so wichtiger Schritt war wie das Fotografieren selbst könnte man sagen: Was wir hier abbilden, ist Robert Franks letzte Arbeit.

Robert Frank: Unseen. C/O Berlin, bis 30. November, Info: www.co-berlin.org