Ausstellung in Wien:Wittgenstein lächelt nicht

Lesezeit: 3 min

Ausstellung in Wien: Ludwig Wittgenstein bei der Verleihung des Trinity-College-Stipendiums im Jahr 1929. Fotograf war Moriz Nähr, ein Freund, mit dem der Philosoph in der neuen Technik experimentierte.

Ludwig Wittgenstein bei der Verleihung des Trinity-College-Stipendiums im Jahr 1929. Fotograf war Moriz Nähr, ein Freund, mit dem der Philosoph in der neuen Technik experimentierte.

(Foto: Klimt-Foundation, Wien)

Eine Ausstellung in Wien räumt mit einigen Mythen rund um die Fotografie des Philosophen auf,

Von Almuth Spiegler

Alle Augen auf den Eintretenden gerichtet, klar, hart, frontal, kein sanftes Eintauchen in diese Ausstellung ist möglich. Wie viele Augenpaare sind es? Ein Dutzend, zwei Dutzend? Großformatige Menschenporträts in Schwarzweiß starren einem von den Wänden entgegen, sie kommen einem seltsam vor, künstlich, verwaschen, auch wenn sie sichtlich von mehreren Autoren stammen. Am liebsten würde man wieder umdrehen. Noch dazu der Titel: "Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis". Angst.

Man sollte es dennoch wagen. Das Leopold Museum hat rund um ein abschreckend sperriges Thema eine sowohl zeitgenössisch wie historisch kontroverse, dabei ungemein ästhetische Schau konzipiert. Die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins (1989 bis 1951), sein Skeptizismus gegenüber allem, was zu leicht benannt werden kann, seine Aufforderung zu Reduktion, zu Schlichtheit wird seit den Anfängen der Konzeptkunst von Künstlern gerne zur theoretischen Bestärkung der eigenen Bedeutung angeführt. Wittgenstein klingt immer schwer gebildet, hält lästiges Nachfragen vom Leib, wer versteht das schon. Der Österreicher Franz West hat diese Karte gerne ausgespielt. Eine Studie in der Schriftenreihe des Documenta-Archivs beschäftigte sich dankenswerter Weise einmal mit dem konkreten Einfluss Wittgensteins auf die zeitgenössische Kunst und kam zum beruhigenden Ergebnis - er ist überschätzt.

Wittgenstein war nicht nur Bild-Theoretiker. Er hat auch eifrig produziert

Oft nur am Rande kommt bei all dem vor, dass Wittgenstein auch selbst Bildproduzent war, dass er vor allem von der Fotografie, von ihrer Ambivalenz zwischen Repräsentanz und Verfälschung der Wirklichkeit fasziniert war. Genau diesen Aspekt haben die Kuratoren Verena Gamper und Gregor Schmoll jetzt aufgenommen. In sehr eleganten Vitrinen zieht sich durch ein ganzes Museumsgeschoss das Wittgensteinsche Foto- und Archivmaterial.

Am Anfang steht das wohl spannendste Werk: Eine Kompositfotografie aus den frühen 1920er Jahren, bei der mehrere Porträtaufnahmen der Wittgenstein-Geschwister übereinander belichtet wurden und so eine Art Wittgenstein-Familientypus ergeben sollten. Bisher herrschte die Meinung vor, Wittgenstein selbst habe es gemeinsam mit dem befreundeten Moriz Nähr, dem bevorzugten Fotografen der Wiener Secessionisten, angefertigt, aus den Bildern seiner Schwestern und dem eigenen.

Ausstellung in Wien: "Belonging to L.W.", ein Bogen mit Fotografien, die Ludwig Wittgenstein mit mit der Pocket Camera von Ben Richards im Jahr 1936 aufnahm.

"Belonging to L.W.", ein Bogen mit Fotografien, die Ludwig Wittgenstein mit mit der Pocket Camera von Ben Richards im Jahr 1936 aufnahm.

(Foto: Wittgenstein Archive Cambridge/Leopold Museum, Wien)

Die Kuratoren stellen jetzt sowohl Originarität wie Autorschaft in Frage, zeigen etwa erstmals ein neu aufgetauchtes zweites solches Kompositbild aus einem anderen Zweig der Familie, mit anderen Dargestellten. Auch die tatsächliche Herkunft des heute im Wittgenstein-Archiv in Cambridge gelandete Foto wird als Argument verstanden: Es stammt nicht aus einem Nachlass, sondern dem der Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein. Die gesamte der Moderne auf vielerlei Weise, in Architektur, Musik, Kunst so verpflichtete Industriellen-Familie hat sich mit der neuen Fototechnik beschäftigt. Es war nicht Ludwigs alleiniges Interesse.

Was man weiß ist, dass Ludwig Wittgenstein sich erst 1929 zur Fotografie äußerte, da allerdings schon konkret zu besagter Galton'schen Technik, mit der seit den 1870er Jahren derartige Kompositfotografien zustande kamen: Durch die Überlagerung mehrerer Bilder wird das Gemeinsame sichtbar, die Unterschiede sorgen für die Unschärfe. Das wurde sowohl für anthropologische wie auch kriminalistische Zwecke genutzt, also für die Typisierung von "Rassen" genauso wie für die Herstellung eines erkennbar Individuellen bei Phantombildern.

Hebt man jetzt den Blick von der Vitrine, versteht man augenblicklich, was einem beim Eintreten so unheimlich erschien an der von den Wänden starrenden Gesichtern: An Thomas Ruffs Serie "anderes Porträt" (1994/95), die mithilfe der Gesichtsrekonstruktion entstand, an Katharina Sieverdings Symbiose ihres eigenen Gesichts mit dem ihres Partners ("Transformer", 1973/74). Keiner der 46 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler, die einem im Laufe dieser Schau begleiten, beziehen sich konkret auf Wittgensteins Überlegungen, der Respektabstand zu den Vitrinen wird nicht nur räumlich immer eingehalten.

Eine Aufnahme vom Sterbebett hatte sich der Philosoph selbst gewünscht

Doch die zeitgenössische Kunst belegt die Relevanz der Fragen, die den Philosophen beschäftigten: Die Überlagerung von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Das Interesse an Unschärfen. Die Selbstdarstellung. So inszenierte sich Wittgenstein selbst in einem der frühen Fotoautomaten, streng frontal, ohne Lächeln, ohne narrativen Firlefanz. Das Fotoalbum benutzte Wittgenstein dagegen als eine Art Gedanken- und Affektarchiv mit Fotos der weiblichen Familienmitglieder, seiner norwegischen Hütte, aber auch der Typen-Porträts des Personals am Familien-Landsitz. In diesen kleinen, beklebten Notizheften, die man per Screen auch durchblättern kann, sieht man Wittgenstein beim reflektierenden, experimentierenden Sehen zu, ganz nach seinem Prinzip: "Denk nicht, schau!". In dem Zusammenhang darf natürlich Gerhard Richters "Atlas" nicht fehlen. Oder Hanne Darbovens Serie der Mitarbeiter und Freunde, wie bei Wittgenstein mit liniertem Papier kombiniert.

Ausstellung in Wien: Ein Fotoalbum von Ludwig Wittgenstein: "Mit Gilbert Pattison in Skjolden (Norwegen), Juli 1931".

Ein Fotoalbum von Ludwig Wittgenstein: "Mit Gilbert Pattison in Skjolden (Norwegen), Juli 1931".

(Foto: Wittgenstein Archive Cambridge/Leopold Museum, Wien)

Zwei Stränge werden in dieser Ausstellung erzählt, die sich nicht gegenseitig bedingen, aber sich dennoch etwas erzählen, gelungen ist das. Am Ende kann man allerdings weder die Relevanz von Wittgensteins fotografischer Produktion in seiner eigenen Zeit einschätzen, noch den zumindest ja möglichen Einfluss auf die postmodernen Künstler. Inspirierend ist der Paarlauf dennoch. Im letzten Raum nur wird die Methodik gebrochen, hier hängt plötzlich ein Foto von Wittgenstein selbst an der Wand - die Aufnahme entstand am Sterbebett, wie er es sich gewünscht haben muss, angefertigt von seinem Lebensgefährten nach dem Vorbild eines Totenbilds, das eine Wittgenstein-Schwester einst von dem Hauskomponisten der Familie gezeichnet hatte, ein völlig aus der Zeit gefallenes Faktotum. Welch Ähnlichkeit. Welch Unterschied!

Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis im Wiener LeopoldMuseum bis zum 6. März. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

Zur SZ-Startseite

Ausstellung über Beton in der Schweiz
:Beton, mon amour

Der Baustoff ist in der Schweiz eine Erfolgsgeschichte. Eine Schau in Basel würdigt ihn - aber klammert seine desaströse Klimabilanz fast aus.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB