Ausstellung über Beton in der Schweiz:Beton, mon amour

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Ausstellung über Beton in der Schweiz: Bauarbeiter tragen 1938 Spritzbeton auf Bewehrungsgitter auf.

Bauarbeiter tragen 1938 Spritzbeton auf Bewehrungsgitter auf.

(Foto: Hans Leuzinger/gta Archiv / ETH Zürich)

Der Baustoff ist in der Schweiz eine Erfolgsgeschichte. Eine Schau in Basel würdigt ihn - aber klammert seine desaströse Klimabilanz fast aus.

Von Kito Nedo

Sechs Jahre bevor Jean-Luc Godard mit "Außer Atem" weltberühmt wurde, drehte der französisch-schweizerische Regisseur einen 16-minütigen Dokumentarfilm über den Bau der Talsperre Grande Dixence in den Schweizer Alpen. "Opération Beton" (1954) ist eine Hymne auf den modernen Bau und seine Ingenieurstechnik. Untermalt von klassischer Streichermusik drehen sich die Räder und laufen die Fließbänder mit den Gesteinsbrocken unter dem Kameraauge hindurch. In Loren schwebt Frischbeton mittels Speziallift durch die erhabene Alpenlandschaft hinunter auf die Baustelle. Dort arbeiten lässige junge Männer, die Zigarette so cool im Mundwinkel wie später der junge Jean-Paul Belmondo. Der damals 24-jährige Godard lieferte seinen zufriedenen Auftraggebern eine filmgewordene Technikeuphorie, die zeigte, dass die "wunderbare Maschinerie" auf der damals größten Baustelle der Schweiz arbeitete wie ein riesiges Uhrwerk.

"Die Tatsache, daß man aus ihm praktisch jede Form herstellen kann, grenzt ans Wunderbare"

Dem italienischen Bauingenieur und Architekten Pier Luigi Nervi (1891-1979) galt Stahlbeton einst als der "beste Baustoff, den der Mensch bisher erfunden hat". Nervi schwärmte von der Entgrenzung der "schöpferischen Phantasie auf dem Gebiet des Bauwesens" und lobte: "Die Tatsache, daß man aus ihm praktisch jede Form herstellen kann und daß er jeder Beanspruchung standhält, grenzt ans Wunderbare." Ähnlich dachte womöglich auch der deutsch-schweizerische Künstler-Architekt Walter Jonas (1910-1979), der Anfang der Sechziger eine metabolistische, nach innen gewandte Stadt plante, die er "Intrapolis" nannte. Seine 100 Meter hohen, trichterförmigen Häuser sollten möglichst wenig Grundfläche verbrauchen. Die Grundstruktur der Türme erinnert auch ein wenig an Selbsthilfegruppen-Stuhlkreise. "Intrapolis" wurde jedoch nie gebaut.

Godards Beton-Hymne und Jonas' Stadtutopie liefern den Auftakt für die Beton-Ausstellung, die im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel zu sehen ist. Doch vom Optimismus der Fünfziger- und Sechzigerjahre ist heute nicht mehr viel übrig. Die Gegenwart ist von einer eher mindestens zwiespältigen Haltung gegenüber dem Baustoff geprägt. In Coffee-Table-Bildbänden wird heute zwar dem Internationalen Brutalismus gehuldigt, der sich unter anderem von Le Corbusiers "béton brut" ableitete. Gleichzeitig gilt Beton wegen seiner verheerenden Ökobilanz als nicht zukunftsfähig und wird doch mangels kostengünstiger Alternativen immer noch großflächig gebraucht und verbaut.

Ohne Beton wäre die Schweiz heute nicht das Land, das sie ist: Tunnel, Brücken, Bunker

Die Basler Schau wurde in Kooperation mit drei maßgeblichen universitären Schweizer Architekturarchiven - dem gta Archiv an der ETH Zürich, dem Archives de la construction moderne an der EPF Lausanne sowie dem Archivio del Moderno dell'Academia di Architettura an der Universität der italienischen Schweiz (USI) in Balerna - entwickelt. In neun thematischen Kapiteln wird die Geschichte des Betons in der Schweiz erzählt. Ohne Beton wäre die Alpenrepublik heute nicht das moderne, gut erschlossene Land, das sie ist. Diese Grundthese zieht sich wie ein roter Faden durch. Denn obwohl Beton der meistverwendete Baustoff weltweit ist, kommt ihm im Tunnel-, Brücken-, Bunker- und Bahnland Schweiz eine Art Sonderrolle zu. Ende der Fünfzigerjahre etwa übertraf der Pro-Kopf-Verbrauch von Zement in der Schweiz jedes andere Land der Erde. Doch mit der Ölkrise 1973 fand auch der Bauboom ein abruptes Ende. Heute gehört Sichtbeton zum ästhetischen Vokabular der "Swiss Box"-Architektur - so werden die minimalistischen Gebäude mittlerweile international genannt.

Ausstellung über Beton in der Schweiz: Plakat für die Volksinitiative "Stopp dem Beton" aus dem Jahr 1990.

Plakat für die Volksinitiative "Stopp dem Beton" aus dem Jahr 1990.

(Foto: Ivan Suta/Museum für Gestaltung Zürich / Plakatsammlung / Zürcher Hochschule der Künste)

In der Schweiz sei frühzeitig "durch die Betonung der Verbindung zwischen alpinen Felsen und Beton" ein "wirkmächtiges kulturelles Imaginäres" geschaffen worden, steht auf einer Ausstellungstafel geschrieben. Dennoch sei in der Schweiz die Verwendung von Beton im Bauwesen "eher pragmatisch als polemisch", schreibt die Architekturwissenschaftlerin und Architektin Sarah Nichols in einem Begleittext. Nichols' Forschungen bildeten die Grundlage für die Ausstellung. "Tiefbauarbeiten aus Beton fielen durch ihre Kühnheit auf und wurden mit einer besonderen 'Swissness' in Verbindung gebracht. Von den Brücken Maillarts bis zu den Haarnadelkurven der Alpenpässe vermittelten diese Projekte ein Knowhow in Sachen Beton, dass sich im Ausland gut verkaufen ließ, als schweizerische Bauunternehmer und Ingenieure im globalen Baugeschäft konkurrierten." Die schweizerische Beton-Expertise wurde also ebenso ein Schweizer Exportschlager wie Käse, Schokolade, Finanzdienstleistungen oder Uhren.

Obwohl die Geschichte des Baustoffs detailreich mit vielen Originalzeichnungen, Dokumenten, Objekten, Modellen und Fotografien ausgebreitet wird, hat die Schau jedoch einen überdimensional großen blinden Fleck. Denn über die kritischen Dimensionen des Betons, vor allem seiner desaströse Umweltbilanz, findet man hier zu wenig. Dabei ist die Klimaschädlichkeit von Beton in diesem Zusammenhang das wichtigste Thema der Gegenwart.

Vor nicht allzu langer Zeit haben die Schweizer Atommüll in Beton verpackt und im Atlantik versenkt

Aus der Systemrelevanz von Beton resultiert sein Dilemma. Beton kommt eine zentrale Rolle in der Versiegelung von Oberflächen oder der Begradigung, Kanalisierung und Stauung von Flussläufen zu. Zementwerke haben nicht nur einen hohen Kohlendioxid-Ausstoß. Weil in den letzten Jahren etwa in Deutschland zunehmend Kohle durch Haus- und Gewerbemüll ersetzt wurde, geben die Werke auch deutlich mehr Luftschadstoffe in die Umwelt ab. Und auch Zukunftsfragen werden nicht verhandelt, etwa die, welche Alternativen in eine Post-Stahlbeton-Ära führen könnten. Ist der Status Quo tatsächlich so alternativlos? Immerhin wird beispielsweise die bis Anfang der Achtziger gängige Schweizer Praxis dokumentiert, Fässer mit Atommüll in Beton zu gießen und anschließend im Nordatlantik zu versenken. Insgesamt 5321 Tonnen schweizerische Atomabfälle sollen auf diese Weise ihren Weg ins Meer gefunden haben.

Dass die Klimaschädlichkeit von Beton in der Ausstellung wenig Raum findet, dürfte vermutlich vor allem dem Hauptsponsor gefallen, dem international tätigen Baustoffkonzern Holcim mit Hauptsitz in Zug in der Schweiz. Der Zementkonzern möchte so gern, dass Beton grün ist. Ganze sieben Mal taucht das Adjektiv "grün" in der Holcim-Pressemitteilung auf. Viermal wird behauptet, Beton sei "green, circular and technology-driven", also "grün, kreislauffähig und technologiegetrieben". Soll hier etwa eine Ausstellung mit wissenschaftlichem Anspruch en passant zum Greenwashing eines Baustoffkonzerns benutzt werden? Yuma Shinohara, einer der Co-Kuratoren der Schau, verneint die Frage nach etwaigem Sponsoren-Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung der Schau. Stattdessen verweist Shinohara auf die Arbeit mit den Archivbeständen, die meist nur bis in die Achtziger reichten und auf das diskursive Begleitprogramm, in dem auch Beton-Kritik verhandelt werden wird, etwa eine Podiumsdiskussion zur Zukunft des Betons Ende Januar oder die Buchpräsentation des Konferenzbandes "Constructive Futures - Beyond Concrete" Anfang April. Dennoch wirkt die Delegierung der kritischen Stimmen in das Rahmenprogramm zumindest unglücklich. Klar, "Nouvelle Vague"-Godard war cool. Aber die Klimastreik-Kids von heute sind das auch.

Beton, Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 12. April. Das Begleitbuch zur Ausstellung, "Concrete in Switzerland", EPFL Press, kostet 40 Euro.

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