Fotografie Die unerhörte Farbigkeit der Welt

Diesen deutsch-kanadischen Fotografen gilt es hierzulande zu entdecken: Fred Herzog erschließt das urbane Leben im stärksten Kontrast zwischen künstlicher Leuchtkraft und kühler Naturvision.

Von Catrin Lorch

So einer wie Fred Herzog, schreibt der kanadische Künstler Jeff Wall, so ein Fotograf, der sei "heute nicht mehr möglich". Nicht etwa, dass ein so "liebevolles Auge" nicht mehr existiere. "Das Problem ist, dass die Objekte seiner Zuneigung nicht mehr existieren." Vancouver, so klingt es, sei weg.

Die Aufnahmen des 1930 bei Stuttgart als Ulrich Herzog geborenen Fotografen, die Ende 2016 in einem mehr als dreihundert Seiten starken Bildband erschienen sind, stellen darum nicht nur die erste Gelegenheit dar, das Werk dieses Fotografen kennenzulernen - es wirkt zugleich auch schon wie ein in aller Farbfrische konserviertes Panorama. Das einem aber unheimlich bekannt vorkommt.

Street Photography ist ein klassisches Genre, eine Disziplin, die sich nach der Erfindung einer handlichen Kameratechnik in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts herausbildete. Wobei der Blick von Fred Herzog auf Vancouver einerseits neugierig ist wie der eines Fremden - und gleichzeitig mit der Stadt zutiefst vertraut zu sein scheint.

Seine Aufnahmen sind mehr als nur die Erinnerungen eines "liebevollen Auges"

Herzog hatte Deutschland wenige Jahre nach Kriegsende verlassen und war 1952 nach Kanada gekommen, wo er auf Frachtschiffen arbeitete. Als Autodidakt entdeckte er Ende der Fünfzigerjahre die amerikanischen Kollegen Walker Evans und Robert Frank, weswegen sein Werk von Anfang an nicht nur den dokumentarischen Stil von Evans zitiert, sondern auch die Sujets der Kollegen aufgreift: Schaufenster, Friseurgeschäfte, Cadillacs, Chinatown, Hot-Dog-Läden, Hotels, das Glücksrad auf dem Rummel.

Motive, die er noch leuchtender zeigt, als sie im Neonlicht der Werbeschriften oder der rot glühenden Rücklichter der Straßenkreuzer ohnehin erscheinen: Herzog lässt rosabestrumpfte Beine wie zwei Ausrufezeichen auf dem Pflaster stehen, ein orangefarbener Filzhut leuchtet bei ihm wie ein Sonnenball, und bauchige Limonadenflaschen sind vom Tageslicht in grünlichem Gelb aufgeheizt. Herzog setzt so nicht nur Akzente, er strukturiert seine Bilder mit Farbe.

Das Sentiment, das Jeff Wall so entzückt hat, ist zudem keine knurrige Nähe, es fehlen die offensichtlich anrührenden Szenen. Die Straße ist ein Ort, an dem gearbeitet wird, gehandelt und geworben. Man flaniert und trifft sich - aber Herzog versucht nie, in die Szenen, die er entdeckt, einzudringen. Es gibt zudem kaum Interieurs oder private Situationen. Wer frontal abgelichtet wird, der hat dem Objektiv auch etwas anzubieten. Dieses Dabeisein vermeidet jede Sensation, jedes Spektakel. Entzieht sich den offiziellen Anlässen und ihren Gegenbewegungen. Herzog ist aber klug genug, "Martin Luther King" (1971) als kleines Gemälde zu zeigen, als Porträt, das auf der zitronengelben Wand eines Geschäfts zwischen ein Jesusbild und das Hochzeitsfoto gehängt wurde.

Es sind solche Momente, in denen der Blick von Fred Herzog ganz eigen ist: Er fotografiert sozusagen die Medien in ihrem Habitat. Einen Zeitungsstand und die Auslagen billiger Antiquariate. Taschenbuchständer. Den Rahmen, in dem jemand die Schwarz-Weiß-Porträts der "Big Four" (1971) präsentiert: Churchill, Roosevelt, Stalin, Chiang Kai-shek. Und den Zettel auf dem jemand nach seiner Katze sucht, die auf dem "Cat Poster" trübe glotzt.

Die Fenster der "Chung Wah Co." sind gefüllt mit Gruppenfotos in Schwarz-Weiß, aber anders als dem Flaneur, der in einem grünkarierten Mantel so entspannt davor steht, als könne er jedes einzelne Gesicht zuordnen, erschließt sich dem Betrachter der Fotografie der Zusammenhang hier nicht. Und es ist wahrscheinlich eine fotohistorische Sensation, dass Herzog schon 1968 eine Auslage voller Fernsehmonitore fotografiert, in deren spiegelndem Glas sich die Bilder von Bowlingbahn, Nachrichtensprecher und Partys in ihren eigenen Reflexionen verlieren. Fred Herzogs Werk ist seit Ende der Sechzigerjahre in Vancouver durchaus bekannt. Allerdings war er nicht dabei, als Fotografen und Filmer wie Jeff Wall, Rodney Graham oder Stan Douglas die Kunstszene in Vancouver entscheidend prägten sollten. Doch sind seine Aufnahmen mehr als nur die Erinnerungen eines "liebevollen Auges".

Ein kulturelles Unwohlsein blitzt nicht nur in den Zwischentönen auf, die Herzog zelebriert, sondern gerade dort, wo er Natur in der Stadt zulässt. So erscheint der Grand Canyon, auf den die Touristin in blauer Bluse schaut, durch die grelle Farbigkeit des Vordergrunds völlig entrückt und wie das Wolkenpanorama über der grell blinkenden Einkaufsstraße als eine ferne, sanft und kühl getönte Vision.

Fred Herzog: Modern Color. Verlag Hatje Cantz, Berlin 2016. 320 Seiten, 38 Euro