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Fotografie:Die Unbehauste

Dem Neuen Sehen verpflichtet, genauso wie einer seltenen Aufmerksamkeit für Mensch und Ort: Besnyös „Strandbad Wannsee“, Berlin 1931.

(Foto: Eva Besnyö / MAI)

Das Kölner Käthe Kollwitz Museum zeigt das so präzise wie mitfühlende Werk der Fotografin Eva Besnyö. Eine späte Entdeckung.

Als die Wehrmacht im Mai des Jahres 1940 Rotterdam in Schutt und Asche legt, lebt Eva Besnyö schon in einem Versteck. Nicht allein wegen der Angriffe, die Fotografin ist Jüdin und weiß, was ihr bevorsteht, wenn die Deutschen einmarschieren. Trotzdem ist sie eine der ersten, die durch die menschenleeren Ruinen stolpern. Mit der Kamera hält sie die Zerstörung fest: Schuttberge, freistehende Fassadenreste, die grausame Weite einer Großstadt, die wie leergefegt dasteht. Besnyös Blick ist geschult an der Neuen Sachlichkeit, ihre Aufnahmen zeigen die Zerstörung in unerhörter Präzision - vom sanften Hellgrau des strahlenden Maihimmels bis in das Schwarz der Fensterschluchten.

Eva Besnyö liebte die Niederlande, die großformatigen Vintage-Abzüge, die jetzt im Zentrum einer Werkschau im Käthe Kollwitz Museum in Köln großzügig gehängt sind, dokumentieren das. Die im Jahr 1910 in Budapest geborene Fotografin, die nach einer Ausbildung in ihrer Heimat Anfang der Dreißigerjahre nach Berlin gegangen war, emigrierte kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und heiratete den Niederländer John Fernhout, mit dem sie Kurse an der Agfa-Fotoschule in Berlin besucht hatte.

Ihr Œuvre ist genauso dem Neuen Sehen und dem Bauhaus verpflichtet, wie einer seltenen Aufmerksamkeit und Zuneigung für Menschen und Orte: In Berlin fotografiert sie mitfühlend Arbeiterkinder in den Hinterhöfen und die ungezwungene Nähe junger Badegäste im "Strandbad Wannsee". Gleichzeitig verdient sie sich mit Architekturaufnahmen ihren Unterhalt und muss künstlerisch zum Umfeld von Bauhaus-Größen wie László Moholy-Nagy gerechnet werden.

Die Fotografin, die nur dank eines fingierten Stammbaums den Holocaust überlebte, knüpfte in der Nachkriegszeit an ihr Werk an und wurde auch in so bedeutenden Publikationen wie Edward Steichens "The Family of Man" gewürdigt und auf der Biennale für Fotografie in Venedig mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Trotzdem ist die im Jahr 2003 verstorbene Eva Besnyö, die mit engagierten Aufnahmen die Frauenbewegung "Dolle Mina" begleitete, bislang nicht verankert in der internationalen Geschichte der Fotografie, in Deutschland ist sie fast unbekannt.

Und so ist es engagierten Kuratoren und Wissenschaftlern - wie dem Verborgenen Museum in Berlin - zu verdanken, dass sie auch jenseits von Spezialausstellungen wie der Schau "Ungarische Avantgarden" in Kassel wieder entdeckt wird. Ihr Werk muss als doppelt diskreditiert gelten: Einerseits, weil die Arbeit von Künstlerinnen meist erst verspätet in die Kunstgeschichte eingeht. Zum anderen, weil sich häufig niemand für die Nachlässe von Emigranten zuständig fühlt. Auch in der international vernetzten Kunst- und Fotografieszene bleiben viele zwischen Geburts- und Wirkungsort unbehaust.

Eva Besnyö. Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam . Käthe Kollwitz Museum, Köln. Bis 9. Dezember. Der Katalog kostet 18 Euro.