Fotograf Stefan Moses Das Auge und die Welt

Ein Fotograf mit sozialem Talent: Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt die Fotoreportagen von Stefan Moses. "In einem exotischen Land" muss man gesehen haben.

Von Lothar Müller

Ein Feuer lodert, Rauchwolken hüllen den Sockel des gestürzten Stalin-Denkmals ein. Tote liegen in offenen Särgen auf einem kahlen Flur, mit Schuhen und in Alltagskleidung, Männer und Frauen suchen unter ihnen nach Angehörigen. Ein Straßenkämpfer zeigt sein Maschinengewehr. Anfang November 1956 war der Fotograf Stefan Moses nach Budapest gereist, die Illustrierte Revue , in deren Auftrag er unterwegs war, druckte am Ende nur eine der vielen Aufnahmen aus der Ungarischen Revolution, die während seines kurzen Aufenthaltes entstanden. Aber in das Archiv des Fotografen gingen die Bilder ein.

Stefan Moses war damals 28 Jahre alt. Im August 1928 im niederschlesischen Liegnitz geboren, hatte er bereits als Kind die Plattenkamera seines bei einer Kanufahrt tödlich verunglückten Vaters entdeckt, in Breslau, wo er aufwuchs, eine Fotoausbildung begonnen und gelernt, mit der Kleinbildkamera Leica umzugehen. Nach der Flucht aus einem Zwangsarbeiterlager, in das er als "Halbjude" gesteckt worden war, hatte er sich nach Erfurt durchgeschlagen und wurde nach Kriegsende, 1947, als Fotograf am Nationaltheater in Weimar eingestellt. 1950 ging er nach München und blieb dort zeitlebens. Er starb Anfang Februar 2018.

Nun, ein Jahr nach seinem Tod, widmet ihm das Deutsche Historische Museum in Berlin eine große, gut 200 Schwarz-Weiß-Fotografien umfassende Ausstellung unter dem Titel "Das exotische Land". Damit ist Deutschland gemeint, in Anknüpfung an seinen Ruf als Porträtist der Deutschen und eines seiner häufig zitierten Bonmots: "Für mich ist Deutschland genau so exotisch wie Afghanistan oder Paraguay, überall unerforschte Gebiete."

Aus den großen Serien über die Deutschen sind hier manche Fotografien zu sehen, aber der Besuch der Ausstellung lohnt nicht zuletzt deshalb, weil sie den Anfängen und den Auslandsreisen des Fotoreporters so viel Aufmerksamkeit zuwendet. Denn so wird das Fundament sichtbar, auf dem Stefan Moses sein Werk errichtete.

Dieses Fundament ist das entschlossene Bündnis mit den Bildmedien der jungen Bundesrepublik. Die Neue Zeitung in München, von der amerikanischen Besatzungsbehörde ins Leben gerufen, druckte in ihrer Wochenendbeilage seine noch in Thüringen entstandenen Bilder von Betriebsversammlungen, Straßenszenen und FDJ-Aufmärschen in Erfurt und versah seine Bilderstrecke "Die Wartburg-Stadt heute" mit dem Vermerk: "Photobericht eines Reporters, der aus der Ostzone geflohen ist und aus begreiflichen Gründen nicht namentlich genannt werden kann."

Die gängige, von ihm selbst beförderte Lesart des Werkes von Stefan Moses besagt, dass er in dem Maß zum autonomen, frei arbeitenden Fotokünstler wurde, in dem er die Zwänge der Auftragsarbeiten hinter sich ließ. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Wochenillustrierte Revue machte viel zu wenig aus seinen Budapest-Fotografien, aber sie hatte ihm 1954 die Reise nach Amerika finanziert, an Bord der Berlin, der früheren schwedischen Gripsholm, des ersten deutschen Passagierschiffes, das nach dem Weltkrieg unter deutscher Flagge nach New York fuhr.

Verleger der Revue war Helmut Kindler. Seine Bedeutung für den jungen Stefan Moses war groß. 1955 schickte er ihn und den aus dem englischen Exil zurückgekehrten Schauspieler und Autor Walter Rilla auf eine mehrmonatige Reise durch Europa. Daraus entstand das mit einem Vers aus Goethes "Faust" betitelte Buch "Herrlich wie am ersten Tag" (1957), zum Text von Rilla steuerte Moses 130 Fotografien bei. Einige sind hier zu sehen: Ein Junge lehnt versonnen an einem Schaufenster in Venedig, Nonnen sind über den Beginenhof in Brügge verstreut, eine Aristokratin im Madrid Francos zelebriert sich selbst, Schuster auf der Galatabrücke in Istanbul gehen ihrem Handwerk nach, Touristen in Florenz kehren dem David den Rücken.

Stets fotografierte Stefan Moses sehr viel mehr, als dann in der Revue gedruckt wurde. Bei Dwight D. Eisenhowers Staatsbesuch in Bonn im August 1959 nahm sie die offiziös wirkenden Bilder, man kann nun auch die ungedruckten sehen.

Ob winkende Kinder am Straßenrand, ob eine Fahr im offenen Mercedes durch Bonn, ob eine Straßenszene in La Paz oder ein Junge vor einer Mauer mit einem Raketen-Graffito und einem abgeblätterten bolivianischen Politiker im Jahr 1959, in den bei Auftragsarbeiten entstandenen Bildern steckt die Weltaneignung des Fotografen, und leicht kommt man auf den Gedanken, dass in den internationalen Welterkundungen eine der Voraussetzungen für die berühmte spätere Wahrnehmung Deutschlands als eines "exotischen Landes" durch den Fotografen Stefan Moses steckt.

Der soziologisch-ethnologische Blick prägte die Bilder der Wagner-Gemeinde in Bayreuth, der Gäste bei der Philharmonieeröffnung in Berlin, des Münchner Publikums, das Tänzern aus Afrika zuschaut.

1960 - ein Selbstporträt mit Kameras aus diesem Jahr eröffnet die Ausstellung - holte Henri Nannen Stefan Moses zum Stern. Da ist die Bundesrepublik schon ganz bei sich. Es fällt aber nicht nur Konrad Adenauer auf, der wie ein Pate mit Sonnenbrille beim Schlesiertreffen sitzt, in einem gewissen Abstand zu Willy Brandt, sondern auch die Frau, die in der Serie zur Religion in Deutschland bei der Fronleichnamsprozession am Straßenrand niederkniet.

Es fällt in allen Reportagen ein Element auf, das nichts mit der Fotografie im technischen Sinne zu tun hat, mit Brennweiten, Belichtungszeiten oder Kontrasten. Man könnte dieses Element das soziale Talent des Stefan Moses nennen, seine Fähigkeit, Personen zu Gruppenporträts zu versammeln. Es führt zur virtuellen Anwesenheit des Fotografen im Bild. Man sieht, dass die Dargestellten ihn sehen, die Kinder, die für die Großbritannien-Reportage 1962 in Ilford posieren, die Kinder in Chile 1959 mit ihrem Hund und auch die vier Männer in Budapest, von denen drei auf die Leiche eines Gelynchten blicken, während einer, die Zigarette in der rechten Hand, direkt auf den Fotografen schaut.

Der Blick zurück muss ihn fasziniert haben, man sieht das etwa an der jungen, selbstbewusst schönen Zeugin Jehovas, die er 1962 in Berlin mit ihrem Wachtturm gleich dreimal ins Bild nimmt. Und weil das Einverständnis der Porträtierten im Bild festgehalten ist, fällt auf, wenn es ausbleibt, wie bei den auf einer der Israel-Reisen entstandenen Fotografien orthodoxer Juden, die ihre Gesichter verbergen, um dem Bilderverbot zu genügen.

Zu den Grundüberzeugungen von Stefan Moses gehörte, dass es den "moment decisif" Cartier-Bressons, den entscheidenden Moment, den es zu erhaschen gelte, nicht gibt. Er ersetzte diesen einen imaginären Moment, der sich meist mit der Vorstellung des unsichtbaren Fotografen verbindet, der Situationen erfasst, die von ihm nichts wissen, nicht lediglich durch die Sequenz flüchtiger Momente. Er setzte ihm auch das kalkulierte Arrangement gegenüber. So in den "Spiegelbildern", in denen er den Porträtierten - etwa Theodor W. Adorno - selbst den Auslöser in die Hand drückte.

Der berühmte graue Filzvorhang, vor den er für seine Serien über die Deutschen die Porträtierten setzte, isolierte sie aus ihren lebensweltlichen Kontexten, machte sie zu Repräsentanten ihrer Tätigkeiten: die Hauer der Zeche "Amalie" mit ihren schwarzen Gesichtern, die Rollmopspackerinnen und die Parlamentsdiener, die dem 19. Jahrhundert entsprungen scheinen. Stefan Moses hat behauptet, keine entscheidenden Anregungen von August Sander empfangen zu haben. Seine Fotografien dementieren dieses Dementi.

Das exotische Land. Fotoreportagen von Stefan Moses. Bis 12. Mai. Deutsches Historisches Museum, Berlin.

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