bedeckt München 17°

Kulturgeschichte des In-Flaschen-Pinkelns:Wer muss, der muss

Pissoir, Urinal, Stockholm

Wenn die Natur ruft, hat der Mensch zu folgen. Was aber, wenn kein so hübsches Klohäuschen in der Nähe ist?

(Foto: Alamy / Luigi Apogeo/mauritius images)

Wenn keine Zeit für Pinkelpausen ist, kann man zur Flasche greifen. Das mag eine Notlösung sein, aber auch ein emanzipatorischer Akt. Eine kleine kulturgeschichtliche Einordnung.

Von Kathrin Müller-Lancé

Es ist eine Schande, was da gerade über Amazon bekannt wurde: Weil der Zeitdruck so groß ist, urinieren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des weltgrößten Internethändlers in Flaschen. Der Konzern selbst räumte das in einer Mitteilung ein. Keine Zeit für Toilettenpausen: Das steht für unmenschliche Arbeitsbedingungen, gerade in Zeiten, in denen zu viel Stress auch gern mal ein Statussymbol ist. Die Kritik an dem Konzern ist mehr als berechtigt, die Situation dieser Menschen gehört schleunigst verbessert.

Bei aller Verwerflichkeit ist das aber doch Anlass, einen Schritt zurückzutreten und das Phänomen des Kreativ- und Flaschenpinkelns kulturgeschichtlich zu betrachten. Denn manchmal entspringt diese Tätigkeit ganz anderen Gründen, bisweilen handelt es sich gar um einen Akt der Befreiung.

Das Grundproblem kennt jede und jeder, und im Moment besonders: keine Toilette in der Nähe. Die Pandemie macht dieses Problem, pardon, noch einmal dringlicher. Früher ist man schnell in ein Restaurant, Hotel oder einen Museumsvorraum gehuscht. Jetzt: alles zu. Oder zumindest: streng überwacht. Das zwingt zu ungewöhnlichen Lösungen.

Die Natur ruft jeden. Aber wehe, sie ruft zur falschen Zeit

Aber von vorne. Wie so viele seltsame Praktiken ist auch das Urinieren außerhalb des Urinals schon früh zu finden in der Menschheitsgeschichte, genauer gesagt in der Bibel. Zwar wird bei Luther noch nicht in die Flasche gepinkelt, dafür aber "an die Wand [ge]pisst" (zum Beispiel 1. Samuel 25:22, 1. Könige 21:21). Auch ist die Rede von Männern, die "ihren Harn saufen" (Jesaja 36:12).

Ein wenig zeitgenössischer wird es bei Robert Gernhardt, der die vielleicht schönste Pipi-Prosa der jüngeren deutschen Literaturgeschichte verfasst hat. Protagonist seiner Erzählung ist ein deutscher Kulturtourist in der Toskana. Gernhardt schreibt: "Mi chiama la natura, mich ruft die Natur [...]. Doch wehe, sie ruft zur falschen Zeit." Der Deutsche besucht den Palio di Siena, das weltberühmte Pferderennen. Irgendwann zeigt der Vernaccia di San Gimignano seine Wirkung. Der Mann nutzt die Ablenkung durch den Startschuss und greift zur halbvollen Limonadenflasche. Als seine Begleitung Durst verspürt, kommt er in Bedrängnis - und schleudert die Flasche in die Menge hinein. "Ich kann nur hoffen", lässt Gernhardt ihn sagen, "dass der Verschluss, den ich unmittelbar nach vollbrachter Tat so fest wie möglich aufgeschraubt hatte, dem Aufprall Widerstand geleistet hat."

Gernhardts Band "Kippfigur", in dem diese Anekdote verewigt ist, stammt aus dem Jahr 1986. Acht Jahre später holt Jim Carrey den Topos auf die Kinoleinwand. In "Dumm und Dümmer" leistet er sich gerade eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, als ihn das Bedürfnis ereilt. Es gibt leere Bierflaschen im Auto. Gleich mehrere davon füllt Carrey. Nur: der ihn bald einholende Polizist will den Inhalt der Flaschen probieren, offener Alkohol ist nämlich verboten im Bundesstaat Pennsylvania. Der Polizist spricht's und trinkt, verzieht sehr komisch das Gesicht, und bekommt hinterher ein Tic Tac angeboten.

Urinbeutel für Männer, die Urinella für Frauen: Es gibt allerlei Hilfsmittel fürs Pinkeln

Das Phänomen des Pullen-Pullerns ist aber nicht nur in der Fiktion anzutreffen. Der Schauspieler Gérard Depardieu, immerhin Ritter der Ehrenlegion, soll vor ein paar Jahren tatsächlich in eine Flasche gepinkelt haben, an Bord eines Flugzeugs. Angeblich wollte er nicht warten, bis die Toiletten nach dem Abflug geöffnet wurden. "Wenn ich pissen will, will ich pissen", soll er einer Mitpassagierin zufolge gesagt haben. Bleibt festzuhalten: Was im einen Fall aus Hilflosigkeit passiert, kann im nächsten schon pubertäres, wenn nicht gar animalisches Dominanzgehabe sein.

Der US-amerikanische Komiker David Sedaris geht noch einen Schritt weiter - und sinniert in einer seiner Nummern über die Zweckmäßigkeit eines Urinbeutels. Die Vorteile: Der Beutel könne wiederverwendet werden und ermögliche theoretisch fünf Gläser Eistee vor einer Lesung. Die Nachteile: Irgendwann fange der Beutel an zu riechen, und das Abziehen des Urinalkondoms komme einer Beschneidung gleich.

"War das männlich?", fragt Sedaris und antwortet sich selbst: "Ja, wissend, dass keine sensible Frau freiwillig in ihre Hose pinkeln würde." À propos Frauen. Ein Accessoire von geradezu emanzipatorischem Wert ist die Urinella, ein trichterförmiges Plastikteil, das es auch Menschen ohne Penis ermöglicht, im Stehen zu pinkeln. Soll die Treffgenauigkeit erhöhen und die Hygiene auf öffentlichen Toiletten verbessern. Mit ein bisschen Übung trifft man damit auch in eine Flasche.

© SZ/clu
Zur SZ-Startseite
Pressebild Porsche Patina Paint_(c) Porsche

Rostiger Autolack
:Scherz beiseite

"Patina Paint ist der Inbegriff von Exklusivität": Warum ein künstlich gealterter Porsche dringend ernst zu nehmen ist.

Von Gerhard Matzig

Lesen Sie mehr zum Thema