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Rostiger Autolack:Scherz beiseite

Pressebild Porsche Patina Paint_(c) Porsche

"Patina ohne zu warten": Porsches Rost-Look, der einerseits ein Aprilscherz ist - andererseits aber auch gut zur Gegenwart passt.

(Foto: Porsche)

"Patina Paint ist der Inbegriff von Exklusivität": Warum ein künstlich gealterter Porsche dringend ernst zu nehmen ist.

Von Gerhard Matzig

In der Menschenwelt gilt das Alter, die Ständige Impfkommission tickt immerhin anders, wenig. Anders ist das in der Dingwelt. Während einem das Magazin Gala Beautify auf dem Terrain des Menschlichen einen "modellierten Venushügel", eine "Hodenstraffung" oder genderneutral wenigstens die "Microdermabrasion" in Form von "frischerem Teint" (im Grunde: abschleifen wie altes Parkett) als eine Art Neojugendstil ans Herz legt, geht Porsche im Reich der schönen Dinge via Instagram einen anderen Weg. Kürzlich outete sich der sonst so zukunftsfrohe Autohersteller aus Zuffenhausen als Retro-Fabrikant mit einem verblüffend hintergründigen Sinn für das Ewiggestrige.

"Patina Paint", schreibt Porsche, "ist der Inbegriff von Exklusivität." Und weiter: "Es gab eine Zeit, in der die makellose Lackierung das Ziel aller Oldtimer-Besitzer war. Jetzt ist Patina - die Art und Weise, wie die Lackierung eines Fahrzeugs im Lauf der Zeit altert - der letzte Schrei. Aber was ist, wenn Sie ein neues Auto kaufen? Dann hat Porsche eine Hightech-Lösung für Sie" - nämlich "Patina ohne zu warten." Beziehungsweise den Instant-Rost-Look.

Auf Instagram ist vor dem Hintergrund rostender Container, die aus dem Suezkanal stammen könnten, ein nagelneuer Porsche zu sehen, der Rostflecken wie nach jahrzehntelanger, vor allem aber sträflicher Vernachlässigung aufweist. Kotflügel, Radkästen, Dach, Tür: Es ist ein bacchanalisches Fest für den delirierenden Rost, der sich vom Gelblichen über Orangetöne zum modernden Rostrot steigert. Früher wäre man bei diesem Anblick als jemand, der einen Porsche nicht nur als Auto (und, eh klar: Untergang der Menschheit), sondern auch als formschönes Sehnsuchtsversprechen begreift, in Tränen ausgebrochen. Man kennt seriöse Menschen, die feinste Lackirritationen mit monatelanger Pflege in der Garage beantworten.

Wollten wir die Dinge und Menschen wirklich altern lassen, müssten wir sie tatsächlich lieben

Im Netz ist die Abscheu groß. Einer fragt: "Aprilscherz?" Jemand fordert: "So was gehört verboten!" Allerding offenbarte Porsche bald: Die künstliche Alterung ist tatsächlich ein Aprilscherz. Allerdings einer, den man ernst nehmen darf. Der Joke passt in die Zeit. Kaum verwunderlich wäre es, müsste Porsche nun enthusiastische Käufer, die Rost als teures Extra ordern, massenweise abwimmeln.

Im Zweifel sind das die Leute, die von ihrer Jeans das behaupten, was die Werbung schon vor langer Zeit erfunden hat: "Mustang-Jeans gehen nicht kaputt, sie gehen dahin." Im dazugehörigen Spot ist eine Jeans zu sehen, die den Naturgewalten ausgesetzt ist und wie im Fast-forward-Modus verwittert. Das ist der Stoff, aus dem Geschichte wird. Der seinerzeit innovative Spot steht am Beginn einer Entwicklung, die in der Mode bald zum allgegenwärtigen "Used Look" führt, also zu besonderen Verfahren, die dafür sorgen, dass besonders neue Kleidung besonders alt aussieht. In der halb vergessenen TV-Serie "Der ganz normale Wahnsinn", die man schon aus Vintage-Gründen dringend mal wieder aufbügeln sollte, musste Helmut Fischer seine verräterisch neu aussehende Kleidung als Neureicher noch eigenhändig zerknittern, um nicht wie ein Idiot auszusehen.

In diesen Kontext gehören auch Löcher, Flicken, Risse und alles, was zum absurden, wohlhabenden Gesellschaften parodistisch vorbehaltenen "Destroyed Style" zu rechnen ist. In der Innenarchitektur kennt man die vergleichbaren Begriffe "Vintage-Stil", "Retro-Look" oder "Shabby-Chic". Gemeint ist immer das Gleiche: Was einen umhüllt, soll updatehaft neu sein - aber bitte so aussehen, als würden all die Dinge des Lebens auch bezeugen wollen, dass man eines hat, ein Leben.

Aber nicht, um das zu sein, was man in Wahrheit vielleicht tatsächlich ist, also alt geworden oder werdend, um demnächst dahin zu gehen, wo die Jeans schon wartet; sondern befindlich in scheinbar ewiger Jugend oder doch in angestrengter Alterslosigkeit, die umso flehentlicher den Trost von Authentizität und Identität ersehnt. Aber bitte auf Knopfdruck - easy to use. Die künstliche Hodenzerknitterung oder Vaginalverrostung würde einer solchen Gegenwart entsprechen, wird aber kaum nachgefragt.

Vor Jahren durfte man auf einer Baumesse vorpatinierte Kupferbleche bestaunen. Es geht um einen künstlich herbeigeführten, typischerweise grünlichen Schimmer, der sich auf Kupferblecheindeckungen nach Jahren der Alchemie einstellt und einen eigenen Zauber birgt. Der Porsche-Aprilscherz kürzt den Weg zur Magie hubraumstark ab und liefert die Pointe als Hupfanfare. Wir leben in einer Gesellschaft, die innerlich das Wegwerfen und Erneuern zum Lebensstil und in närrischer Konsequenz auch zu dessen ökonomischer Grundlage gemacht hat - während äußerlich alles für den Anschein vom Gegenteil zu unternehmen ist. Wollten wir die Dinge und Menschen altern lassen, wie es dem Lauf der Zeit entspricht, müssten wir sie jedoch: lieben. Die Paradoxie vom Rost-Look aus dem Autohaus und ein bisschen Microdermabrasion vom Beautyhändler ist zugegebenermaßen einfacher zu haben.

© SZ/hert
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