bedeckt München 22°

Filmfestspiele Venedig:Die so viel schönere Maske

Vanessa Kirby muss in „Pieces of a woman“ den Verlust eines neugeborenen Kindes und zugleich ein recht seltsames Drehbuch meistern.

(Foto: Filmfestspiele Venedig)

Das erste Venedig-Wochenende zeigt: Die Filmfestspiele sind ziemlich geschrumpft. Und die Filme bisher düsterer als sonst.

Von Tobias Kniebe

Der Hauptzweck der italienischen Sprache ist ja doch der, den Dingen ihre Schärfe zu nehmen. Zum Beispiel das Wort mascherina, in der Mitte mit einem weichen K gesprochen. Die korrekte Übersetzung lautet Mund-Nase-Schutz, aber daran zu denken macht gleich ganz schlechte Laune. Man stellt sich also lieber vor, dass man etwas sehr Italienisches im Gesicht trägt, klangvoll, niedlich und irgendwie auch elegant - all das schwingt in dem Wort doch mit. Und schon lässt der Drang nach, die mascherina abzulegen und frei zu atmen. Was man hier nicht darf - weder im Kino noch auf den Terrassen und in den Gärten des Festivalgeländes.

Nach dem ersten Wochenende ist es allerdings nicht zu leugnen: Das Filmfest am Lido ist sehr geschrumpft in diesem Wir-ziehen-das-mutig-durch-Jahr. Es gibt Spätvorstellung nach dem Abendessen, früher der letzte Pflichttermin eines Kritikertages, da sitzt man mit fünfzehn Leuten in einem Riesensaal, Abstandsregelung de luxe. Und auf einmal fällt auf, wie wichtig doch die filmbegeisterten italienischen Studenten sind, für die Venedig seit jeher ein besonderes Akkreditierunsprogramm hat.

Denn diese Studenten sind auch in diesem Jahr da, sie füllen die Kinos und die Cafés mit Leben. Und so kommt man zum Beispiel auch mal mit einem jungen Scorsese-Fan ins Gespräch, dessen erste Begegnung mit dem Oueuvre des Meisters (und dem von Leonardo DiCaprio gleich mit) im Jahr 2010 stattfand - mit dem Film "Shutter Island". Da merkt man, dass das Kino sich offenbar für jede Generation neu beweisen muss - und zugleich, wie herrlich es sein kann, wenn es so viel Vergangenheit zu entdecken gibt.

Wenn nicht mal mehr der persische Kinderfilm seinen Zuschauern Hoffnung macht...

Filmemacher vom Kaliber Scorsese sind diesmal rar. Einige Abwesende schicken, wie Pedro Almodóvar, immerhin einen kurzen Gruß vorbei. Vor dem Abriss des Studiosets für seinen letzten Film, in dem er die eigene Madrider Wohnung hatte nachbauen lassen, kam der große Spanier offenbar auf die Idee, Tilda Swinton für einen Monolog einzuladen - frei nach Jean Cocteau. Das ist nun "The Human Voice", des Ende einer leidenschaftlichen Liebe per Telefon. Zwei Virtuosen zeigen, was sie können, das Künstliche gehört immer dazu, mehr will dieser Kurzfilm gar nicht sagen.

Die Ehrenpreisträgerin Tilda Swinton stellt er aber doch sehr schön ins Rampenlicht. Sie sorgte mit einer bewegenden Dankesrede schon zur Eröffnung für Glamour, und selten waren Botschaften zum seelischen Nährwert der Kunst und zur Wichtigkeit des Kinos so willkommen. Cate Blanchett, die Juryvorsitzende, ist der andere Star, der dieses standhafte Wir-sind-doch-da-Gefühl in die Welt hinausschickt. Unterstützt wird sie in der Jury unter anderem von Matt Dillon, Ludivine Sagnier und dem deutschen Regisseur Christian Petzold.

Die Filme des Wettbewerbs allerdings, die sind dann eher nicht für die positiven Botschaften zuständig. Im großen Gerangel darum, wer am Ende teilnehmen durfte (etwa 2700 Filme wurden trotz Pandemie-Bedingungen eingereicht) scheinen sich diesmal Werke durchgesetzt zu haben, die sehr viel wagen - unter anderem mit einem harten und besonders illusionslosen Blick auf die Welt. Und irgendwie liegt es in der Natur der Sache, das solche Wagnisse nicht immer aufgehen.

Da ist zum Beispiel "Quo Vadis, Aida?" aus Bosnien, von der Berlinale-Gewinnerin Jasmila Žbanić - ein filmischer Versuch, die dramatischen Tage von Srebrenica aus dem Juli 1995 nachzuerzählen. Man weiß, dass die Armee der Republika Srpska unter der Führung von Ratko Mladić am Ende mehr als 8000 männliche Bosniaken ermorden wird, praktisch vor den Augen der niederländischen UN-Soldaten, die damals eigentlich zum Schutz der Zivilisten vor Ort waren. Wie diesen von der westlichen Politik die Mittel verweigert werden, um ein unvorstellbares Kriegsverbrechen zu verhindern - das ist immer wieder zum Haareraufen und wird hier in aufwändigen Massenszenen gezeigt, während die bosnische Übersetzerin Aida (Jasna Đuričić) versucht, ihren Mann und ihre zwei Söhne vor den Serben zu retten.

Der Plan der Regisseurin, die bosnischen Männer als Opferlämmer zu zeigen, die ohne eine löwenhaft kämpfenden Frau verloren sind, wird allerdings von einer doch eher grausamen Dynamik des Kinos unterlaufen - es hat nun einmal eine inhäranten Hang zu den aktivsten Protagonisten. So ist dann gleich nach der Heldin plötzlich der Mördergeneral Mladić die spannendste und vitalste Figur, dicht gefolgt von einem ebenfalls sehr gefährlichen Unterkommandanten. Das war sicher nicht so bezweckt.

Ein besonderes Risiko geht auch der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó ein, der diesmal in englischer Sprache in Boston gedreht hat. In "Pieces of a Woman" schickt er eine junge Frau durch alle Freuden und Ängste einer Hausgeburt, ganz nah dran an ihrem Körper und dem was sie durchmacht - mächtige Rülpser sind da nur der Anfang. Dann aber lässt er das Baby nach den ersten Schreien blau anlaufen und sterben - so mutwillig muss man es sagen, denn natürlich ist alles Konstrukt. Vanessa Kirby hat einen tollen Part, wie sie den Verlust danach meistert - erkauft aber leider auf Kosten aller anderen Figuren, vom Muttermonster (Ellen Burstyn) bis zum Arschlochmann (Shia LaBeouf).

Noch düsterer auf die Welt blickt inzwischen der iranische Regisseur Majid Majidi mit "Khorshid/Sonnenkinder". Schon der Titel erinnert an seinen größten Erfolg "Kinder des Himmels", in dem es selbst in bitterster Armut Loyalität und Hoffnung gab. Auch diesmal sind seine Straßenkinder-Helden arm, auch diesmal versuchen sie rührend, zusammenzuhalten. Die Idee - sie müssen sich in einer gemeinnützigen Schule einschreiben, um dort im Auftrag eines Gangsters nach einem Schatz zu graben - hat sogar Züge ins Märchenhafte. Es kommt dann aber anders als gedacht, und sagen wir mal so: Wenn nicht einmal mehr der persische Kinderfilm seinen jungen Zuschauern Hoffnung machen will - wer bitteschön soll es dann noch tun?

So denkt man ernsthaft über den Untergang der Welt nach, während man im hellen Spätsommerlicht über den Strand des Lido spaziert, und nimmt den Rückweg über die Terrasse und Lobby des Grand Hotel Excelsior. Am Ausgang stellt man fest, dass man nicht auf die Straße darf, bis per Messpistole die Körpertemperatur ermittelt wurde. Was, per favore, könnte der Sinn dieser Maßnahme sein, wenn man eh schon drin war? Prompt malt man sich ein besonders heftiges Fieber aus, mit dem man zwangsweise dabehalten und gnadenlos in Quarantäne gesteckt wird. In der allerbesten Suite natürlich - mit Roomservice und Meerblick.

© SZ vom 07.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite