Filmfestspiele Cannes Die Verhältnisse, sie sind halt so

Es war kein sehr starker Filmjahrgang in Cannes, und daran ist vielleicht der Zustand der Welt schuld. Statt das alles zuzuspitzen und zu emotionalisieren, sollte das Kino mehr differenzieren.

Von Tobias Kniebe

Auf die Kinos der Filmkunst kommt in diesem Jahr wenig Hoffnung zu - das ist die Botschaft des 70. Festivals von Cannes. Wem der Zustand der Welt tiefe Sorgenfalten in die Stirn gräbt, der darf sich nach diesem Festival sehr bestätigt fühlen - vielen Filmemacherinnen und Filmemachern geht es genauso. Ihre Analysen der Gegenwart, von Russland über Ungarn über die USA bis zu Deutschland, sind düster, oft hoffnungslos. Und ganz allgemein herrscht Ratlosigkeit, was genau dagegen zu tun wäre. Aber wo herrschte die nicht?

Wer etwa schon länger der Meinung ist, dass Materialismus und Egoismus der Fluch unserer Zeit sind, durfte sich bei dem Russen Andrej Swjaginzew und seinem Film "Nelyubov / Loveless" besonders zuhause fühlen. Ein Paar in den grauen Wohntürmen von Leningrad trennt sich, zwischen ihnen ist nur noch Hass - und ihre Diskussion eines Abends, bei wem ihr 12-jähriger Sohn dann bleiben soll, ist von solcher Herzenskälte, dass das heimlich lauschende Kind sich gewissermaßen in Tränen auflöst. Am nächsten Tag ist es spurlos verschwunden.

Warum aber zum Beispiel die Frau in dieser Konstellation ein solches Monster geworden ist, versteht man wiederum bei der Konfrontation mit ihrer eigenen Mutter sofort. Damit wurde Swjaginzew diesmal zu einem frühen Favoriten der Kritiker. Vor drei Jahren war er mit "Leviathan" in Cannes, in dem er sein Land als brutales Konglomerat aus orthodoxer Frömmelei und Lokalbonzentum beschrieb und dadurch in Russland unter politischen Druck geriet. Diesmal sucht er die Schuld mehr auf individueller Ebene, was aus russischer Sicht weniger gewagt erscheint. Versöhnlicher wird er dadurch keineswegs.

Aber ob ein besseres Leben überhaupt irgendwo möglich ist, zum Beispiel in den USA, dem "Land of the Free"? Da sollte man besser nicht drauf wetten, wenn eine Filmemacherin wie die Schottin Lynne Ramsay ans Werk geht. Ihr Wettbewerbsbeitrag "You Were Never Really Here" war eigentlich ein Genrefilm vom Typ "einsam-verstörter, unheimlich effektiver Auftragskiller" - aber Joaquin Phoenix, als innerlich wie äußerlich schwer vernarbter Kriegsveteran, ringt selbst so einer Rolle unberechenbare Dimensionen ab.

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Interessanter war aber noch die Prämisse: Dass US-Senatoren hier nicht nur Sex mit Kindern haben, sondern gleich selbst ein entsprechendes Bordell betreiben, hätte man bis vor Kurzem noch als ziemlich aberwitzige Idee betrachtet, selbst für einen Genrethriller - etwa im Jahr 2013, als die zugrunde liegende Short-Story von Jonathan Ames erschien. Inzwischen nimmt man dieses Element des Plots einfach hin, schulterzuckend. "Suspension of disbelief", die alte Forderung des Kinos, alle Zweifel mal ruhen zu lassen - was die Schweinereien betrifft, die man den Mächtigen in der Fiktion inzwischen zutraut, haben Trump & Co wirklich ganze Arbeit geleistet.

Ähnlich sieht es mit der Frage aus, welche Grausamkeit man in manchen Ländern in Flüchtlingsfragen inzwischen voraussetzen darf. In dieser Hinsicht war der ungarische Beitrag "Jupiter's Moon" von Kornél Mundruczó recht aufschlussreich. Er beginnt mit Schlauchbooten voller Muslime, die versuchen, einen Grenzfluss Richtung Ungarn zu überqueren. Wie nicht anders zu erwarten, flammen Scheinwerfer auf, bellen Hunde, brüllen Megafone. Dass aber dann scharf geschossen wird, dass Menschen sterben wie im Kriegsfilm - sollte man den ungarischen Grenzbeamten soviel Hass und Gewalt wirklich zutrauen? Na ja, weiteres Schulterzucken, warum nicht - wenn schon die heimischen Filmemacher es tun?

Kornél Mundruczó porträtiert Ungarn als ein mörderisches KZ für alle Fremden

Diese Art der Indifferenz, die politisches Kino einfach als Genrekino wahrnimmt, das hemmungslos fantasieren und übertreiben darf, und Genrekino als Form, um Aussagen über die politische Gegenwart zu machen - man sollte zumindest erwähnen, dass darin auch eine Gefahr liegt. Selbst in Ungarn gibt es ja Kräfte, die etwa versuchen, jeden Übergriff gegen Flüchtlinge zu dokumentieren und aufzuklären. Kornél Mundruczó wähnt sich sicherlich auf deren Seite, wenn er sein Land als kafkaeskes und mörderisches Konzentrationslager für alle Fremden porträtiert - aber indem seine Fiktion dabei sämtliche Unterschiede einebnet, lässt sie die mühsame Arbeit an der Differenzierung auch sinnlos erscheinen.

Exakt dasselbe Spannungsfeld umgibt "Aus dem Nichts", den deutschen Beitrag von Fatih Akin, der das Versagen der Strafverfolgungsbehörden in Sachen NSU-Morde zum Ausgangspunkt nimmt. Auch dieser Film möchte eigentlich ein Genrefilm sein - Typus "Verzweifelte Mutter rächt ermordeten Mann und Sohn" -, wogegen man höchstens einwenden könnte, dass solche Rachefilme halt immer simpel und etwas platt wirken. Weil aber Mann und Sohn durch eine von Neonazis gelegte Bombe starben, ist Akin von der Idee beseelt, auch politisch präzise zu sein.

Der längste Teil des Films handelt daher von einem Prozess, der vorgibt, einen genauen Blick auf das deutsche Rechtssystem zu werfen. Wollte Akin das tatsächlich tun, müsste er alle Genre-Ambitionen aufgeben, denn so schrecklich im Detail vieles sein mag, so funktioniert die Wirklichkeit eben nicht. Das will er aber nicht, also muss er wichtige Realitäten unterschlagen, und am Ende fragt man sich, ob das Kino so überhaupt noch eine geeignete Kunstform ist, mit der Gegenwart umzugehen.

Denn die Wahrheit ist, dass dieser Filmjahrgang in Cannes nicht besonders stark war. Es gab keinen Film, der sich am Ende als Favorit der Beobachter vorgedrängt oder mit wirklich neuen Ideen überrascht hätte. Und vielleicht liegt das wirklich am Zustand der Welt. Das Kino, ganz klar, liebt bleierne Zeiten und Verhältnisse, scheinbar in Stein gemeißelt, an denen es rütteln kann - in dem es sichtbar macht, zuspitzt, emotionalisiert, übertreibt und aufputscht. Wenn aber die Verhältnisse radikal im Fluss sind und Zuspitzer, Emotionalisierer, Übertreiber und Aufputscher nicht nur Unruhe stiften, sondern selbst überall an die Macht kommen, was dann?

Dann könnte es sein, dass die monumentale Aufgabe plötzlich Differenzierung ist - im Leben wie in der Kunst. Also die mühsame Arbeit, gerade den besten Geschichten nicht zu glauben, den größten Hysterien zu widersprechen, den stärksten Emotionen zu misstrauen und die eindeutigsten Schlussfolgerungen immer wieder in Zweifel zu ziehen. Niemand soll sagen, dass das Kino dazu nicht in der Lage sei - als seismisches Instrument ist es so präzise, dass es all das und mehr in einem einzigen Gesicht in Großaufnahme registrieren kann. Filmemacher aber, die diese Chance begriffen haben - die waren zumindest auf diesem Festival noch nicht zu sehen.