Filmfestival Venedig Zwergenaufstand

Liebling, ich habe den Kapitalismus geschrumpft: In "Downsizing" verkleinert Alexander Payne seinen Star Matt Damon auf Spielzeuggröße - zur Eröffnung der Filmfestspiele von Venedig.

Von Susan Vahabzadeh

Es könnte so einfach sein, wenn wir nur ein wenig kleiner wären. Im Schnitt so in etwa barbiepuppengroß. Die Kreuzfahrtschiffe, die durch die Lagune von Venedig schippern und ihr dabei langsam den Garaus machen, hätten dann eine handliche Vaporettogröße. Die Tauben auf dem Markusplatz könnte man mitschrumpfen, dann bekämen sie auch wieder was zu essen. Und der Dogenpalast wäre noch genauso schön, aber so überdimensioniert - die Touristenströme würden sich glatt darin verlieren. Auch für die Mostra, das Filmfestival auf dem Lido, wäre das ideal: Man könnte es in einer Strandhütte abhalten. Großbildfernseher rein - fertig ist das Kinoparadies.

Das ist die grandiose Grundidee von Alexander Paynes neuem Film "Downsizing", der die 74. Filmfestspiele von Venedig eröffnet hat. Eine norwegische Milliardärsfamilie mit schlechtem Gewissen hat, fast wie im richtigen Leben, in ein Institut investiert, in dem nach der Zukunft für die Menschheit geforscht wird. Professor Jorgen Asbjornsen findet die Lösung - es gelingt ihm, eine Maus zu schrumpfen. Fünf Jahre später wird der Schrumpfungspionier der Welt vorgestellt - er ist dabei selbst nur noch zehn Zentimeter groß, und in der bisher geheimgehaltenen Experimentier-Kolonie sind schon die ersten Kinder geboren. Ein Zwergenaufstand! Der Müll, den diese Kolonie während ihrer Existenz produziert hat, passt in eine Plastiktüte. Die Minimenschen brauchen keinen Platz, wenig Energie, wenig Rohstoffe.

"Downsizing" ist, zumindest zu zwei Dritteln, komisch und genial, denn der Film spielt, wie alle richtig gute Science-Fiction, in der Zukunft und meint die Gegenwart. Die Safraneks aus Omaha lernen verkleinerte Menschen auf einem Klassentreffen kennen und schauen sich dann Leisureland an, die erste amerikanische Kolonie. Dort ist alles anders als im richtigen Leben von Paul (Matt Damon) und Audrey Safranek (Kristen Wiig). In der normalen Welt arbeiten sie zwar dauernd, kommen aber auf keinen grünen Zweig. Paul hat, seiner kranken Mutter wegen, das Medizinstudium abgebrochen und ist Physiotherapeut; sie wohnen in seinem Elternhaus, inzwischen allein, und die 150 000 Dollar, die sie aufbringen können, reichen nicht für ein schöneres Heim. In Leisureland, wird ihnen erklärt, seien sie damit Millionäre. Die kleinen Häuser sind toll, aber günstig; und eine Diamanthalskette mit passenden Ohrringen kostet nur wenige Dollar - sind ja nur winzige Splitter. Paul redet sich ein, dass er die Verkleinerungsprozedur nicht nur auf sich nehmen würde, um Audrey glücklich zu machen - sondern vor allem, weil man so die Menschheit vor ihrem Untergang bewahren könnte. Umweltbelastung, Ressourcenknappheit, Hunger; dagegen helfen geschrumpfte Menschen, die geschrumpfte Kühe halten.

Klein, aber reich: Die Safraneks (Kristen Wiig, Matt Damon) zieht die Aussicht auf ein Luxusleben in eine Kolonie von Zwergmenschen.

(Foto: Festival Venedig)

Das Drehbuch hat Payne schon vor mehr als zehn Jahren geschrieben, zusammen mit Jim Taylor, seinem Co-Autor bei "Sideways" und "About Schmidt". Und es tut "Downsizing" vielleicht ganz gut, dass es dann erst einmal nicht geklappt hat mit der Verfilmung. Das Zusammenspiel von großen und kleinen Menschen, Miniwelt und großem Farn am Wegesrand - das hätte damals vielleicht noch nicht ganz so organisch ausgesehen, obwohl es doch nur digitale Spielerei ist.

Die Technik ist aber vor allem Transportmittel fürs Erzählen. "Downsizing" ist, vor allem am Anfang, ein Feuerwerk der absurden Kleinigkeiten: Draußen regt sich schon der Zwergenrassismus - die Kleinen kriegen, weil sie nichts verbrauchen, Steuererleichterungen. Die Großen neiden ihnen den Umzug in eine Welt, in der sich ganz normale Leute plötzlich ein Luxusleben leisten können. Was hieße das fürs ökonomische Gefüge, wenn sich plötzlich drei Prozent der Menschheit verkleinern lassen würden? Und ganz praktisch - vor dem Schrumpfen müssen natürlich die Füllungen raus aus den Zähnen.

Für Paul gibt es ein böses Erwachen, Audrey hat die Flucht ergriffen. Er lernt den Unterweltkönig der Kleinen kennen (Christoph Waltz), und findet bald heraus, dass das Problem der Menschheit nie ihre Größe war. Die Miniwelt ist wieder nur eine kapitalistische Gesellschaft, die ihre Ausgebeuteten braucht, um zu funktionieren. Selbst die Mauer, die Donald Trump unbedingt bauen will, ist schon da. Unterhaltsamer und geistreicher, als Payne es tut, kann man kaum von dem ganz großen Problem erzählen, das Erde plagt: Menschen.

(Foto: )

Die Verkleinerungsprozedur selbst ist ein schönes Beispiel für Paynes sehr eigenen Humor: Wenn die geschrumpften Menschen von den Riesenbetten, nackt und betäubt, mit einer Kuchenschaufel in die Servierwagen für die kleine Welt geschaufelt werden, dann ist plötzlich sonnenklar, wie wenig Würde übrig bleibt, wenn ein Mensch schutz- und hilflos ist. Es ist kein böser Scherz, den sich Payne da erlaubt - diese Winzlinge, in allen Farbschattierungen, sind irgendwie rührend.

Der Film verliert dann, leider, den Faden und nimmt einen anderen auf - er mutiert zur Romanze, die vom Sinn des Lebens an sich handelt und nicht annähernd so originell ist wie ihre Vorgeschichte. Macht aber fast nichts, in "Downsizing" steckt ein Meisterwerk. Man müsste den Film vielleicht nur ein wenig schrumpfen.