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Filmfestival Venedig:Hoffnungslosigkeit aus der Illusionsmaschine

Joaquin Phoenix in "Joker", dem Hauptgewinner der diesjährigen Filmfestspiele von Venedig.

(Foto: AP)

Der amerikanische Regisseur Todd Phillips gewinnt beim Festival von Venedig für "Joker" den Goldenen Löwen für den besten Film, sein Hauptdarsteller Joaquin Phoenix geht leer aus.

Das Plakat hing das ganze Festival über an prominenter Stelle, jeder, der in Venedig über den roten Teppich ging, musste es sehen. Es zeigte die libanesische Schauspielerin und Regisseurin Nadine Labaki, die sehr ernst in die Kamera schaut und in großen Lettern eine Erkenntnis mitteilt: "Das Kino ist eines der mächtigsten Werkzeuge, um Wandel herbeizuführen." Platziert wurde es von einem Sponsor, der Labaki als Botschafterin des Wandels an den Lido geholt hat, obwohl sie in das sonstige Festivalgeschehen gar nicht involviert war.

Fünfzig Meter weiter hatte ein anderer Sponsor einen Pavillon aufgebaut, mit Dachterrasse, und dort konnte man den italienischen Regisseur Paolo Sorrentino treffen. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, sonnte sich im längst noch nicht verblassten Glanz seines Oscars für "La Grande Bellezza" und warb für die zweite Staffel seiner Papstserie mit Jude Law in der Hauptrolle, aus der man nicht recht herauslesen kann, was er nun wirklich über die katholische Kirche denkt.

Der Mann hat auch schon Filme über die Politiker Andreotti und Berlusconi gemacht, und auch er brachte eine sehr klare Botschaft mit: "Ich urteile nie. Immer wenn ich spüre, dass ein Film eine Agenda hat, schalte ich ab."

Das sind nicht nur zwei unvereinbare Positionen der Filmkunst, sondern fundamentale Denkrichtungen, die im Grunde schon um die Vorherrschaft kämpfen, seit die ersten Höhlenmaler ihre Griffel spitzten. Aktuell wirkt die Auseinandersetzung aber doch recht intensiv, mit all den Appellen an die Verbesserung der Welt, all den Werken, die das Bewusstsein der Zuschauer in eine wünschenswerte Richtung lenken sollen. Hat die Werkzeug-Fraktion also endgültig gesiegt? Immer dann, wenn es so aussieht, gibt es Preisverleihungen und Juryentscheidungen und Publikumserfolge, die zeigen, dass die Gegenkräfte im Moment zwar stiller sind, aber noch immer sehr wirkmächtig.

Wie sich die Preise von Venedig, die am Samstagabend vergeben wurden, in dieses Ringen einfügen, ist gar nicht so einfach zu sagen. Todd Phillips' "Joker", den Hauptgewinner des Goldenen Löwen, kann man an der Oberfläche als Statement für den Wandel lesen - er erzählt eine klare Geschichte von der Arroganz der Reichen und Mächtigen in der Metropolis Gotham City, wo soziale Dienste für Arme und Kranke gnadenlos gestrichen werden, wo die Wut und Unruhe in den Straßen wächst. Vor allem aber gehört der Film zum "Batman"-Kosmos und zerlegt doch dessen paranoide Grundidee - dass das Böse und Gemeine so tief in der menschlichen Natur verwurzelt sei, dass nur zu allem entschlossene Vigilanten es eindämmen können.

Die Europäer sind gewillt, im Fall Polanski zwischen dessen Kunst und Verfehlungen zu trennen

Ganz und gar nicht, sagt dieser Film, der am 10. Oktober in den deutschen Kinos startet. Was eines Tages als das Böse erscheinen mag, entsteht aus Jahren von Armut, Qual, Ausbeutung und Missachtung. Phillips folgt diesem Weg mit seiner Hauptfigur Arthur Fleck, dessen psychische Erkrankung als Gefahr ernst genommen wird und dessen Traum, Komiker zu werden, in jeder Sekunde aussichtslos ist - selbst die Tröstung durch eine schöne Nachbarin existiert nur als Schimäre. Dahinter steckt nun aber keine positive Idee, keine Befreiung, kein Aufbruch, nicht einmal wirklich die suizidale Lust am Chaos, die Krawalle am Ende werden nur neues Leid und Tod bringen. Die Anerkennung absoluter Hoffnungslosigkeit, mitten im Herzen der Illusionsmaschine Hollywoods - vielleicht ist es das, was hier so hoch prämiert wurde. Und man stellt sich vor, dass sowohl Nadine Labaki als auch Paolo Sorrentino an diesem Gewinner etwas finden könnten.

Joaquin Phoenix wurde für seine irrsinnige Performance als "Joker" nicht noch mal extra belohnt, da dachte die Jury wohl, dass noch genügend Preise auf ihn warten und dass man auch den Italienern etwas geben müsse. Als Hauptdarsteller gewann der charismatische Luca Marinelli aus dem Film "Martin Eden" (Regie: Pietro Marcello).

Marinelli spielt den gleichnamigen Protagonisten von Jack London, der schreibend der Unterschicht entkommen will und der hier nach Neapel verpflanzt wurde. Bei den Schauspielerinnen gewann die ebenfalls charismatische Ariane Ascaride, was aber wohl eher als Anerkennung ihres Gesamtwerks zu verstehen ist, denn in "Gloria Mundi" (Regie: Robert Guédiguian) ist sie nur kleiner Teil eines starken Ensembles.

Ein Silberner Löwe ging an den Film "About Endlessness" des Schweden Roy Andersson, da gewann ein Kino, das bewusst auf jede Agenda verzichtet. Anderssons Blick auf menschliches Elend und Niedertracht, von Hitler im zerbröselnden Führerbunker bis zum Heulanfall im voll besetzten Vorstadtbus, hatte sich von allen irdischen Ambitionen bereits Richtung Ewigkeit davongemacht, getragen von einer scheinbar interesselosen, jede denkbare Zukunft bereits umfassenden Melancholie, dazu winzige Einsprengsel von Wärme und Hoffnung. Beim Großen Preis der Jury für Roman Polanskis "J'accuse", seine packende Rekonstruktion des tiefen, judenfeindlich-faschistoiden französischen Überwachungsstaats zur Zeit der Dreyfus-Affäre, ist die Agenda wiederum ganz klar. Es geht darum, aktuellen Hetzern entgegenzutreten und den Glauben an den Rechtsstaat um jeden Preis hochzuhalten, und das tut der 86-jährige Polanski mit fast jugendlicher Energie. Einmal mehr zeigen die Europäer den Amerikanern damit auch, dass sie immer noch gewillt sind, die Kunst von den früheren Verfehlungen des Künstlers Polanski zu trennen.

Das große Ringen um die Vorherrschaft zwischen der Werkzeug-Fraktion und der Anti-Agenda-Fraktion, es bleibt also irgendwie unentschieden und weiterhin spannend. Die Frage danach stellt man dann natürlich auch Steven Soderbergh, der in seinem nicht prämierten Panama-Papers-Film "The Laundromat" vielleicht am klarsten zu einem konkreten Wandel aufgerufen hatte, zur Beendigung der internationalen Steuerflucht via Angriff auf das amerikanische Lobby- und Wahlkampf-Finanzierungssystem. Wäre ihm nicht unwohl dabei, im Blick der Geschichte am Ende bei den Werkzeugen einsortiert zu werden, jenen verstaubten Objekten in den Heimat- und Völkerkundemuseen, die heute zu niemandem mehr sprechen? Und was wurde aus dem Traum, eher im Flügel mit der Mona Lisa zu hängen, bei den ewig faszinierenden, schillernden, endlos neu lesbaren Rätselwerken der Kunst? "Zu diesem Gedanken", sagt Soderbergh ohne eine Sekunde des Zögerns, "fällt mir spontan nur ein Wort ein: Dekadenz."