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Filmfestival Venedig:Götter des Gemetzels

76. Internationale Filmfestspiele Venedig - Wettbewerbsfilme

Szene aus dem Wettbewerbsbeitrag „The Painted Bird“.

(Foto: dpa)

Václav Marhoul zeigt beim Festival von Venedig seine Verfilmung des Holocaust-Horrorromans "Der bemalte Vogel".

Die Wut, die Aufregung, die Lust auf Kampf und radikalen Wandel, das alles kann sich an einem Ort wie dem Lido von Venedig nicht lange halten. Denn der Palast des Festivals blickt nun mal auf einen Ferienstrand, der seit Thomas Mann eine mythische Dimension hat, eine Aura von Verfall und Vergeblichkeit, der niemand so leicht entkommt.

Die Schauspieler und Filmemacher des Beginns mit ihren aufrührerischen Ideen - sie sind längst wieder abgereist, und die Spätsommersonne verliert nun jeden Tag ein wenig von ihrer Kraft. Die Filme der zweiten Festivalhälfte tragen zu dieser Stimmung bei. Da ist zum Beispiel "The Painted Bird" von dem tschechischen Filmemacher Václav Marhoul, der neun Jahre geschuftet hat mit dem unbedingten Willen, eines der grausamsten Bücher des 20. Jahrhunderts zu verfilmen. Es geht um Jerzy Kosińskis "Der bemalte Vogel" von 1965, die Odyssee eines sechsjährigen Jungen durch die östlichen Todeslandschaften, mitten im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust.

Bäuerlich und heidnisch ist die Welt dieses Films, von Angst und Aberglauben beherrscht, von deutschen und russischen Armeen überrollt, von Todesschwadronen heimgesucht und von Todeszügen durchfahren. Aber in gloriosem Schwarzweiß gefilmt, mit großem cineastischen Blick. Von den ersten Szene an, in der Kinder ein Eichhörnchen mit Benzin übergießen, anzünden und seinen Todesschreien lauschen, lässt man hier besser alle Hoffnung fahren, und dafür werden sogar die Gesetze der Natur verfremdet: Krähen bilden Exekutionskommandos, selbst Spatzen rotten sich zu tödlichen Mobs zusammen, und der mit Abstand grausamste Mord, nur einer von unzähligen, wird von Bauersfrauen an einer anderen Frau begangen, die halb verrückt in den Wäldern lebt, mit bedrohlich ungezügelter Sexualität.

Der Autor Kosiński hat lange suggeriert, das alles selbst erlebt zu haben, der Junge gewesen zu sein, der hier endlos gequält, versklavt, ausgebeutet und missbraucht wird, sich von einer Station der Grausamkeit zur nächsten schleppt. Diese Behauptung musste er irgendwann zurückziehen, schließlich brachte er sich um. Das alles gefilmt zu sehen, macht das Pathologische in dieser Erzählung noch vielfach deutlicher - der junge Hauptdarsteller Petr Kotlár darf den fertigen Film zur Wahrung seines Seelenheils nun nicht sehen.

Der schwedische Altmeister Roy Andersson schwelgt mal wieder in Grautönen

Aber warum die ungeheure Anstrengung, eine derartige Zumutung gegen alle Widerstände ins Kino zu bringen, gerade jetzt? Ist es ein Ausdruck tiefster Panik vor der Rückkehr einer Albtraumwelt, die alles Fremde sofort mit der Mistgabel durchbohrt? Oder doch eher die Arroganz eines Filmemachers, der selbst den grausamsten aller Götter spielen will? Es fühlt sich traurigerweise an... wie beides.

Traurig geht es auch bei dem kanadischen Filmemacher Atom Egoyan und seinem Drama "Guest of Honour" zu. Wie oft bei Egoyan sind bereits schlimme Dinge passiert, wenn es losgeht, Menschen ringen mit Traumata, die sie zu zerstören drohen, dann folgen Rückblenden in die Vergangenheit, zur Stunde Null der Katastrophe. Hier geht eine junge Dirigentin (Laysla De Oliveira) ins Gefängnis für eine Tat, die sie nicht begangen hat, um sich selbst für ein Ereignis in ihrer Kindheit zu bestrafen - und ihr Vater (David Thewlis) muss herausfinden, was sein Anteil daran war. Egoyans Weltsicht ist dabei nicht gänzlich düster, hier gibt es echte Liebe, und alle haben die besten Intentionen, und doch hat die Entscheidung, ein Geheimnis vor einem Kind zu bewahren, nicht wiedergutzumachende Konsequenzen.

Der Film, der die Spätsommerstimmung von Venedig schließlich am allerbesten einfängt, ist "About Endlessness" vom schwedischen Altmeister Roy Andersson. Eine Andersson-Szene erkennt man auf den ersten Blick - sie wirkt wie der Blick in ein gespenstisches gut aufgeräumtes Puppenhaus, in dem nur Grautöne und fahle Farben erlaubt sind, oft bevölkert von beinah reglosen Menschen mit hoffnungslosen, teigigen Gesichtern.

Wie immer bei ihm erleben sie Kleinlichkeit und Vergeblichkeit, Sinnlosigkeit und Absurdität - aber diesmal wird der Blick so weit, dass er keiner durchgehenden Geschichte mehr folgt. Ein verzweifelter Priester, der seinen Glauben verloren hat, ist die einzige wiederkehrende Figur, wie er sich in einem Albtraum als Jesus auf dem Kreuzweg imaginiert, oder jammernd an die Tür seines Psychiaters pocht, der seine Praxis gerade geschlossen hat.

Ansonsten reiht sich eine Vignette des Lebens an die nächste, viele sind hoffnungslos, aber nicht alle. Ein Vater bindet seiner Tochter die Schuhe im strömenden Regen, drei Mädchen tanzen zu Musik aus einem Café. Dazwischen taucht auch mal Hitler im Führerbunker auf, wo seine letzten Getreuen kaum mehr die Kraft zu einen "Sieg Heil" aufbringen.

Ein gottgleicher Blick auch hier, der alles gesehen hat, und auch dieser Gott ist kein freundlicher. Im Gedächtnis aber bleiben die Worte eines jungen Physikstudenten, der versucht, seiner desinteressierten Freundin ein Gesetz der Thermodynamik zu erklären - dass Energie niemals verloren gehe, sondern immer nur ihre Form verändere.

Und das ist dann die Idee, die bleibt, wenn man nach dieser konzisen, nur 76 Minuten langen Unendlichkeit wieder ins Freie kommt, auf den Lidostrand blickt und seinen diesigen, in der tief stehenden Sonne flirrenden Horizont.

So sehr einen nach diesen Filmen die Melancholie ergreifen mag, und so verloren die Menschen sein mögen, nicht nur im Kino des Roy Andersson - ihre Energie wird, in welcher Form auch immer, weiter bestehen. Vielleicht sogar als etwas Schönes.