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Film-Streamingpremiere "Kopfplatzen":Kampf gegen die Triebe

Film Riemelt Kopfplatzen

"Viele Freunde, mit denen ich über 'Kopfplatzen' sprach, wollten mit dem Thema nichts zu tun haben", sagt Hauptdarsteller Max Riemelt.

(Foto: Salzgeber)

Wie erzählt man aus dem Leben eines Pädophilen, der mit seinen Neigungen ringt? Ein Treffen mit den Machern des Films "Kopfplatzen".

Kurz überlegt man sich, ob man ausnahmsweise mal den Schluss verraten soll. Einfach nur, weil die Vorstellung so exponentiell eklig ist, jemand könnte diesen Film ernsthaft wegen der Spannung anschauen, mit ähnlichem Suspense-Bedarf wie eine Folge "Sherlock" oder einen notdürftig lustigen Münster-"Tatort". In wenigen Sätzen: "Kopfplatzen", der Spielfilm, um den es hier geht, erzählt von einem jungen, pädophilen Mann. Er gerät in eine Beziehung zu einer Frau. Die Frau hat einen achtjährigen Sohn. Wird etwas Schlimmes passieren, wenn die Mutter nicht dabei ist? Oder kann der Protagonist das Grässliche abwenden, indem er die anderen vor sich und seiner Veranlagung schützt? Die Frage treibt die Handlung.

Wahrnehmungstechnisch ist ein Film zu diesem Thema also nicht nur, wie es sonst immer heißt, "ein Spagat", sondern ein fünfphasiger Flickflack mit Zusatzschraube. Ein mögliches Verbrechen schwebt im Raum, und es gehört zu den übelsten, die man sich vorstellen kann. Der potenzielle Täter ist die Hauptfigur, lenkt den Kinoblick, lässt uns in seine Wohnung, macht uns zu seinen Verbündeten. Und bemüht sich zugleich mit aller Kraft darum, die drohende Tat zu verhindern.

"Kopfplatzen", geschrieben und gedreht vom Kölner Regisseur Savaş Ceviz, kann man nun sehen, als erste reine Online-Premiere des Filmverleihs Salzgeber, der seine krisenbedingt abgesagten Kinostarts nun auf die Streamingplattform Salzgeber Club verlegt. Eine durch und durch unterstützenswerte Idee, für die man auch ein Dilemma ertragen kann: Selbst bei allergrößtem soziologischen Bildungsinteresse schauen wir Filme nun mal vor allem aus Kunstliebe, zur Unterhaltung, zur Katharsis. Dass Kino einen so voyeuristischen, dunklen Nukleus hat wie hier, spürt man selten. Zumindest sind wir inszenatorisch in sicheren Händen. "Kopfplatzen" zeigt Markus, 29, Architekt in Karlsruhe, bestens frisiert und modestreckentauglich gespielt von Max Riemelt. Die Kinderliebe ist sein Geheimnis. Er lehnt sie ab, lebt sie nicht aus, kämpft gegen sie an. Vermeidet unnötige und sogar nötige Sozialkontakte, um nicht in Versuchung zu kommen.

"Sie können zwar nichts für Ihre Neigung, aber Sie allein sind verantwortlich für Ihre Handlungen"

Wie ein derart isoliertes Leben aussieht, weiß das Publikum seit Kurzem selbst. In "Kopfplatzen" ist immer schlechtes Wetter, gibt es kaum Musik, kein schmieriges Bild, kein Schauerspiel. Mahlzeiten werden in zombiebleicher Stille eingenommen. Es wird Kampfsport betrieben, masturbiert statt Sex gehabt. Ein Arzt, dem Markus von seinem Problem erzählen will, schmeißt ihn angewidert aus der Praxis.

Ein Film, der dazu verdammt ist, zu großen Teilen hinter den Grundsatzdiskussionen zu verschwinden, die es um ihn gibt. "Es war wahnsinnig schwer, Leute zu finden, die das Projekt unterstützen und finanzieren wollten", sagt Regisseur Savaş Ceviz. Ein Interviewtreffen in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg, noch vor dem Kontaktsperregebot. Auch Riemelt ist da, wasserstoffblond, gefärbt für seine Rolle in "Matrix 4", für den er gerade drehte.

"Viele intelligente Freunde, mit denen ich während des Entscheidungsprozesses über 'Kopfplatzen' sprach, wollten mit dem Thema nichts zu tun haben", erzählt Riemelt. "Wie explosiv die Ablehnung teilweise war, hat mich verwundert." Der Film wurde schon 2006 konzipiert, und sein Grundimpuls, die Not eines ausweglos gegen die eigenen Triebe kämpfenden Pädophilen aus der schwurbeligen Abstraktion zu holen und in belastbare Bilder zu klopfen, leuchtet selbst beim flüchtigen Zuschauen ein. Allein in Deutschland lebt laut Forschung ein Prozent aller Männer mit der Neigung, rund eine Viertelmillion. "In den Schlagzeilen ist häufig von Monstern die Rede", sagt Ceviz, für den dies nach Dokus und Kurzformaten der erste lange Spielfilm als Regisseur ist. "Viele spüren: Sobald wir zugeben, dass das Menschen sind, könnte ihr Schicksal ja auch etwas mit uns zu tun haben."

Die Idee ist längst ein Kino-Topos, mit jeweils ähnlichen Begleitdebatten. 2004 spielte Kevin Bacon in "The Woodsman" einen geläuterten Kinderschänder, zwei Jahre später war Jürgen Vogel in "Der freie Wille" zu sehen, als getriebener Vergewaltiger, der mit ähnlichen Strategien gegen die Sucht kämpft wie Riemelts Architekt Markus. Der Unterschied ist, dass in "Kopfplatzen" nichts darauf hindeutet, dass der Protagonist jemals eine Tat begangen hat. "Sie können zwar nichts für Ihre Neigung", sagt ein Therapeut zu ihm, "aber Sie allein sind verantwortlich für Ihre Handlungen." Determinismus versus freier Wille, der große, alte Heldenkonflikt.

Wie wichtig ist es für den Film, dass wir die Hauptfigur als unschuldigen, sich ehrenwert mühenden Streiter gegen die Vorausbestimmung kennenlernen? Riemelt sagt: "Der Schmerz, mit dem er seine Liebe unterdrückt, lässt sich nur nachfühlen, wenn man weiß: Er hat Empathie für andere." Das ist allerdings genau das Paradox, das "Kopfplatzen" einiges an möglicher subversiver Kraft kostet. Dadurch, dass der Film seinen Problemcharakter eben nicht vorverurteilt, gibt er ihm umgekehrt schon wieder eine seltsame Art von erzählerischer Absolution. Und macht es dem Publikum fast schon wieder zu leicht, an seiner Seite zu stehen.

In den sogenannten Netzdebatten war zuletzt ja viel vom Stereotyp des "Incel" die Rede, vom einsam, enthaltsam und frustriert lebenden weißen Mann, der mitunter mit Schwarzpulverknall zum Täter wird. Der pädophile Schläfer passt nicht ganz in dieses Schema - aber am Ende zeigt sich die eigentliche Stärke eines Films wie "Kopfplatzen" gerade in diesem Kontext. Savaş Ceviz' Geschichte hat nämlich eine Figur aufzubieten, die ungeheuer wichtig fürs Ganze ist: Oscar, das achtjährige Kind der Nachbarsfrau, zu der Markus im Film eine schrecklich verzweifelte Beziehung knüpft. Der Sohn, das potenzielle Opfer. In einer ganz großartigen Szene im Schwimmbad nimmt dieser Oscar die Kamera, mit der der Protagonist eben ein paar unschuldig wirkende, im Kern sehnsüchtige Bilder von ihm gemacht hat. Das Kind ist am Auslöser, es fotografiert zurück. Wird vom Objekt zum Subjekt, vom Gesehenen zum Sehenden. Das klingt pathetisch, aber zum Schluss begreift man, warum hier der emotionale Kern der Geschichte liegt. Man sollte "Kopfplatzen" bis zu Ende gucken, so oder so.

Kopfplatzen ist bis 30. April für 4,90 Euro auf www.salzgeber.de zu sehen.

© SZ vom 07.04.2020/khil
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