Film Krieg der Bilder

Orson Welles (links) bei den Dreharbeiten zu „The Other Side of the Wind".

(Foto: José María Castellví/Netflix; Verleih)

Gespensterkunst: Das Spätwerk von Orson Welles bei Netflix - ein Wahrheitsspiegelkabinett.

Von JULIANE LIEBERT

Ein junger Mann mit ausgeprägter Zornesfalte und wütend weisem Blick. Die Wangen ein wenig zu rund, die Mundpartie expressiv, fast wie gemeißelt. Das Haar zurückgekämmt. Diese Überblendung von frühreifem, hochbegabtem Draufgänger und klugem, aber weltwundem Baby ist das ikonische Bild von Orson Welles. Mit seiner Hörspielversion von "Der Krieg der Welten" hat er angeblich Massenpaniken ausgelöst. Und mit gerade einmal sechsundzwanzig Jahren drehte er "Citizen Kane", wobei er die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Medientycoons in Bildern erzählte, die so schief waren wie die Machtverhältnisse und doch von solcher Schärfentiefe, dass man noch heute, fast achtzig Jahre später, durch sie hindurch den Kern der Dinge zu schauen meint.

Auf späteren Fotografien ist ein noch immer attraktiver, aber massiger Mann zu sehen. Er trägt Hemingwaybart und eine Zigarre im Mund. Doch die herausfordernden, kindlichen Augen sind noch da. Es scheint evident, dass dieser Mann nur im Scheitern alles erreichen konnte, weil sein Blick auf das Leben hochauflösender, wahrhaftiger war als jedes Medium, jede Technik, jede künstlerische Form.

Natürlich ist das Projektion. Doch das Kino ist nichts anderes — und eben darin menschlich. Insofern ist es nicht die geringste Pointe in Welles' Wirkungsgeschichte, wenn sich nun das Streamingportal Netflix seines letzten unvollendet gebliebenen Werkes annimmt. Es ist ein Prestigeprojekt für das rasant wachsende Unternehmen. Mit einem Stück sensationstauglicher Filmhistorie soll das eigene Portfolio ein wenig aufpoliert werden. Aber implizit formuliert Netflix auch einen weiterreichenden Anspruch: Wir sind die würdigen, traditionsbewussten Erben des Kinos. Wir knipsen ihm seine Seele, den Bildstrahl im dunklen Raum, nicht aus. Wir laden sie nur in die Cloud.

Mit "The Other Side of the Wind" wollte Welles - wieder einmal - alles und noch mehr: Sein triumphales Comeback in Hollywood sollte der Film werden, nachdem 1958 "Touch Of Evil" so zusammengekürzt worden war, dass der Regisseur die Traumfabrik wohl nur noch als Traumverbrennungsanlage empfunden und ihr frustriert den Rücken gekehrt hatte. Gleichzeitig sollte sich genau diese Frustration im Comeback spiegeln, und es sollte ein Meta- und Metametafilm werden. Avantgardistisch, von Verweisen überquellend. Ein Wahrheitsspiegelkabinett.

Welles' Protagonist ist der Großregisseur Jake Hannaford, der während der Arbeiten an seinem neuen Film, den niemand versteht, auf seiner Geburtstagsparty verstirbt. Diesen windigen Patriarchen spielt John Huston, der 1941 die "Spur des Falken" gedreht hatte - den Ur-Noir mit Humphrey Bogart als Privatdetektiv Sam Spade. Als wäre John Huston also nicht schon personifizierte Metaebene genug, verkleidete er sich für seine Rolle auch noch als Ernest Hemingway.

Gedreht wurde von 1970 bis 1976. Angeblich entstanden insgesamt mehr als hundert Stunden Material. Schon nach den ersten zehn Minuten der Netflix-Version, die in minutiöser Arbeit unter Mitwirkung damals Beteiligter wie Peter Bogdanovich entstand, versteht man, warum dieser Film scheitern musste - scheitert man doch selbst an ihm. In schnellen Schnitten prasseln Szenen aus einem Filmstudio auf einen ein. Gegengeschnitten sind alle möglichen Filmfuzzis, die sich auf dem Weg zur letzten Party des Meisters befinden. Die Bilder, Szenen und Filmgeschichtszitate sind so rauschig bunt ineinander verwoben, wie das wohl nur die Siebziger waren. Nicht nur das Größenwahnsinniger-Regisseur-im-Film-Motiv, sondern auch dieser Trubel erinnern zudem an Fellinis "8 1/2". Und auch hier ist es eine feine Ironie der Geschichte, dass Fellini sich mit seiner Autofiktion damals freifilmte, während Welles sehenden Auges in sein Waterloo rannte.

Es ist zweifellos faszinierend, nun Einblick in das Material jener Jahre zu erhalten. Andererseits sind die zwei Stunden verhindertes Kino, die Netflix zur Verfügung stellt, vor allem verwirrend. Zumal nur schwer zu beurteilen ist, wie viel sie tatsächlich mit Welles' Vorstellungen zu tun haben. Vielleicht wäre es ehrlicher gewesen, das Material nebst Dokumenten zur Entstehung hochzuladen und beschlagene Cineasten aufzufordern, sich ihr eigenes definitives Orson-Welles-Spätwerk zu kreieren. Oder - wenn es hier schon um das Erbe des Kinos geht, also um die Frage: pflegen oder fleddern? - warum nicht gleich eine künstliche Intelligenz bemühen?

Das ist eine gruselige Vorstellung. Aber vielleicht wäre das auch nur folgerichtig. Als ein weiterer Akt in dem Menschheitsdrama shakespearscher Dimensionen, das Welles' Leben und Werk und ihre Rezeption bilden. Der alte Film, vom gleißenden Licht durch den Raum geworfen, kommt immer aus dem Jenseits. Er ist Gespensterkunst. Wie in "Macbeth" wissen wir nicht, ob die Hexen und Gespenster unser Schicksal bestimmen oder es nur verkörpern. Wir wissen nur: Sie sind in den Maschinen.