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Film:Die ultimative Verdammung

Zwei Männer mit Blasenproblemen, Gicht und Plauze: Woody Harrelson und Kevin Costner (rechts) auf der Jagd.

(Foto: Courtesy of Netflix)

Aus der Zeit gefallen und leer geballert: Die Netflix-Produktion "The Highwaymen" erzählt von der Jagd auf Bonnie und Clyde - und vom Hass auf die Gegenwart.

Als in der Ferne Mündungsfeuer aufblitzt, fällt dem alten Bauern vor Schreck der Milcheimer aus der Hand. Er wird Zeuge einer grauenvollen Szene: Zwei Highway-Cops auf Motorrädern hatten sich einem geparkten Ford auf einem Feldweg genähert, jetzt liegen sie niedergestreckt im Gras. Aus dem Wagen aber steigt eine Frau im roten Kleid. Sie trägt eine Maschinenpistole und humpelt zu einem der verwundeten Polizisten. Mit der Schuhspitze dreht sie seinen Körper, bis sie dem Mann ins Gesicht sieht. Dann ein Schuss in den Kopf. Der Wind trägt ihr kurzes Auflachen herüber.

So zeigt John Lee Hancock den Tod von zwei Cops nahe Grapevine, Texas, am Ostersonntag 1934, in seinem für Netflix produzierten Film "The Highwaymen". Es ist eine Schlüsselszene in der Geschichte des Gangsterpärchens Bonnie und Clyde. Die beiden hatten zu diesem Zeitpunkt schon ungezählte Überfälle, Feuergefechte und Fluchten hinter sich, Polizisten und Zivilisten waren dabei umgekommen, und die Medien berichteten wie besessen von ihren Taten und ihrem Glamour. Die Szene aber, die der Bauer den Zeitungsreportern an jenem Tag so drastisch beschrieb, drehte die öffentliche Meinung. Aus der verruchten und bewunderten Gangsterbraut Bonnie Parker wurde eine psychopathische Killerin - eine Frau, die nun ihrerseits zum Abschuss freigegeben war.

So weit, so dramatisch. Es gibt nur ein Problem: In den historischen Quellen über Bonnie und Clyde, dargelegt etwa von Jeff Guinn in seinem Buch "Go Down Together", gilt dieser Zeuge vom Bauernhof längst als diskreditiert. Andere Augenzeugen widersprachen ihm schon damals, und seine Farm war eigentlich zu weit entfernt, um das Geschehen zu beobachten. Plausiblere Quellen berichten, dass Bonnie Parker zum Zeitpunkt des Gefechts auf dem Rücksitz des Fords schlief, es schossen Clyde Barrow und ein zweiter Mann im Wagen. John Fusco, der Drehbuchautor von "The Highwaymen", muss das wissen.

Das ist ihm aber gleichgültig. Denn dieser Film will, dass man Bonnie und Clyde hasst. Er will ihr schreckliches Ende - ihr Wagen wird in weniger als zwanzig Sekunden von 167 Einschüssen durchsiebt - als folgerichtig und notwendig darstellen, als brutale, aber gerechtfertigte Antwort eines herausgeforderten Staates. Und: Damit man sie noch besser hassen kann, sieht man sie kaum. Höchstens mal so von Ferne wie der Milchbauer. Ihr Hauptverbrechen, neben ihrer Brutalität, sind ihre hysterischen Fans. Man soll sie hassen wie Menschen, die Abermillionen Follower auf Instagram haben, ohne jeden Grund.

Der Showdown sieht so aus: Pensionärsplauze gegen Kardashian

Das ist schon verdammt interessant, wenn man Arthur Penns New-Hollywood-Klassiker "Bonnie und Clyde" aus dem Jahr 1967 zum Vergleich heranzieht. Dieser Film ist fast immer bei Bonnie und Clyde, also bei Faye Dunaway und Warren Beatty. Wenn sie töten, dann töten sie in Feuergefechten. Sie schießen nicht auf Cops, die schon am Boden liegen. Ansonsten sind sie neurotisch und kompliziert und naiv und ein bisschen verplant und irgendwie, passend zur Drehzeit, hippiesk. Manche Härten werden ausgeblendet, etwa Bonnies schreckliche Beinverbrennung, die sie am Ende humpeln ließ. Die Ostersonntags-Szene zeigt Penn gar nicht. Die Cops, die auch mal gefangen genommen, erniedrigt und dann wieder freigelassen werden, sind lange Zeit eher Rand- und Witzfiguren.

"The Highwaymen" stellt nun aber, so ändern sich die Zeiten, die Hüter des Gesetzes in den Mittelpunkt. Es geht um jene zwei Männer, die auf dem Höhepunkt der Hysterie beauftragt wurden, das angegriffene Gewaltmonopol der Regierung wiederherzustellen und das Paar zur Strecke zu bringen. Was sie dann auch taten. Frank Hamer und Maney Gault waren Texas Rangers, Teil der damals schießfreudigsten Polizeitruppe der USA - Hamers offizielle Akte verzeichnete 53 getötete Gegner. Damit war er selbst ein Medienstar, und er arbeitete nur noch, wenn er dazu Lust hatte.

Als Hamer die Verfolgung des Gangsterduos und seiner Komplizen aufnahm, war er fünfzig Jahre alt. Der Film macht nun ein unheimliches Gewese darum, was für ein alter, eingerosteter, überhaupt nicht mehr fitter Sack er war, eigentlich längst in Rente. Und deshalb wurde wohl auch Kevin Costner, 64, für die Rolle angeheuert, von dem man zuletzt wirklich nicht mehr wusste, ob er noch arbeitet. Er spielt Hamer mit Pokerface und Pensionärsplauze, und ihm zur Seite steht ein auf alt geschminkter und von der Gicht geplagter Woody Harrelson.

Nur warum? Die beiden müssen so alt und aus der Zeit gefallen erscheinen, weil sie moderne Hysterien - wie die um Bonnie und Clyde - nicht mehr verstehen. Schießfreudige Gangster sind für sie einfach schießfreudige Gangster, und die knallt man ab, bevor man selbst getroffen wird. Damit repräsentieren sie auch die Filmemacher, die soziale Medien offenbar hassen, dazu aktuelle Massenbewegungen, ja, überhaupt das Volk in seiner Neigung zu Hysterien und Exzessen. "Bonnie and Clyde hätten heute mehr Instagram-Follower als die die Kardashians", sagt der Regisseur John Lee Hancock, 62, der gern wahre Geschichten verfilmt ("The Blind Side", "The Founder"). Er meint das als ultimative Verdammung.

Ganz ungebrochen ist das Verhältnis des Films zur Polizeigewalt dann aber doch nicht. Besonders Woody Harrelsons Gault ist von Albträumen geplagt, weil er als junger Texas Ranger mit Hamer zusammen an einem Massaker beteiligt war, bei dem sie eine ganze Banditenbande an der mexikanischen Grenze einfach im Schlaf erschossen haben. Ja, es ist alles schrecklich, und es ist alles furchtbar blutig. Am Ende sieht man Bonnie und Clyde ein einziges Mal direkt in die jungen, kalten Gesichter. Im nächsten Moment tanzen ihre Körper schon im Kugelhagel. In diesem Kugelhagel in Zeitlupe, und wirklich nur da, kommt der neue Film dann auch mit dem alten zur Deckung.

Und das alles soll irgendwie vom Karma gewollt sein - ernsthaft?

Was damals aber absurd und lächerlich exzessiv war, mit dem Staat als beleidigter Leberwurst und großem fiesem Spielverderber, soll heute nun trotz aller Grausamkeit schicksalhaft und irgendwie vom Karma gewollt sein. Ernsthaft? Man muss als Künstler schon wirklich aufpassen mit seinem Hass auf die Gegenwart. Am Ende wird er so stark, dass man sich gichtige Männer mit Blasenproblemen zurückwünscht, die gar keine großen Worte mehr machen, sondern lieber gleich ihr ganzes Magazin leer ballern.

The Highwaymen, USA 2019 - Regie: John Lee Hancock. Buch: John Fusco. Kamera: John Schwartzman. Mit Kevin Costner, Woody Harrelson, Kim Dickens, Emily Brobst, Kathy Bates. Auf Netflix.