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Film:Die schönsten Jahre eines Lebens

Die schönsten Jahre eines Lebens
(Foto: Wild Bunch)

Von Susan Vahabzadeh

Claude Lelouch ist der romantischste aller Filmemacher. 1976 montierte er an einem Sommermorgen eine Kamera auf der Motorhaube seines Autos und rauschte durchs schlafende Paris bis zum Montmartre; den Kurzfilm, der daraus wurde, nannte er "C'était un rendezvous". Warum sonst die Eile, wenn nicht der Liebe wegen?

Dieser legendäre Kurzfilm kommt in Ausschnitten in seinem neuen Film vor, "Die schönsten Jahre eines Lebens", der seinerseits ein Rendezvous hat, mit der Vergangenheit. Die beiden aus "Ein Mann und eine Frau" von 1966, Anne (Anouk Aimée) und Jean-Louis (Jean-LouisTrintignant) begegnen sich noch einmal in "Die schönsten Jahre eines Lebens". Anne ist noch ganz fit, sie führt einen Laden mit ihrer Tochter - die, die im alten Film ein Kind war und mit dem Sohn von Jean-Louis in Deauville zur Schule ging. Dieser Sohn bittet nun Anne in das Pflegeheim, in dem Jean-Louis untergebracht ist. Er, der Ex-Rennfahrer, sitzt im Rollstuhl, und die Erinnerung entgleitet ihm - nur Anne kriegt er nicht aus dem Kopf, obwohl ja gar nichts aus ihnen wurde am Ende des alten Films. Oder gerade deswegen.

Den Titel hat Claude Lelouch einem Zitat von Victor Hugo entliehen: Die schönsten Jahre eines Lebens sind die, die man noch nicht gelebt hat. Jean-Louis, der nur noch wenig Zukunft übrig hat, verlagert die schönste Zeit ins Reich der Fantasie. Annes Besuche verschwimmen mit seinen Tagträumen.

"Ein Mann und eine Frau", mit zwei Oscars und der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet, war Lelouchs größter Erfolg - und als er begann, mit seinen beiden Stars noch einmal zu drehen, sagte er, war es eher als Liebhaberei für ein paar Eingeweihte gedacht. Ein bisschen so wirkt nun auch das Ergebnis - aber die Wiederbegegnung von Anne und Jean-Louis ist dennoch auch melancholisch schön. Ein Abschluss.

Das Kino ist der einzige Ort, an dem immer alles gut ausgeht, heißt es einmal in diesem Film - und damit meint Lelouch nicht das klassische Happy End, sondern das Gefühl, dass die Dinge so enden, wie sie sollen. Anne und Jean-Louis gehören zwar irgendwie zusammen - aber nicht auf die Art, die sie sich selber vorgestellt haben, als sie zusammen von Deauville nach Paris fuhren, damals, als sie noch jung waren.

© SZ vom 11.07.2020

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