bedeckt München 14°
vgwortpixel

Festival:Träumen von der Revolution

Fatzer

Hasenfuß oder Revolutionär? Mit Bert Brechts "Fatzer" eröffnet das diesjährige Brechtfestival.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Das Augsburger Brechtfestival ist mit dem Titel "Egoismus versus Solidarität" überschrieben. In seinem soliden Programm verzichtet Patrick Wengenroth weitgehend auf Experimente

Es gibt ein paar Dinge, die Patrick Wengenroth nicht besonders schätzt. Zumindest nicht für die Bühne. Und dafür findet der künstlerische Leiter des Augsburger Brechtfestivals gerne plastische Ausdrücke. "Wellness-Theater" ist so einer. Der andere: "click-and-buy-Festival". Beides Dinge, die Wengenroth offensichtlich etwas unterkomplex erscheinen und die er dem Augsburger Publikum nicht vorsetzen will. Das Festival soll es dem Zuschauer nicht allzu bequem machen mit den Werken von Bert Brecht. Und zugleich soll das Programm auch nicht mit Produktionen gefüllt werden, die anderen Ortes vielleicht hervorragend gelaufen sind, aber eben nicht ins Konzept passen.

Die Frage ist da natürlich, was einen von diesem Freitag an bis 4. März in Augsburg erwartet. Und um es gleich vorwegzunehmen: Es ist etwas Solides, Wohlsortiertes. Zum zweiten Mal hat Wengenroth das Programm vom Brechtfestival zusammengestellt. Im vergangenen Jahr hatte seine Herangehensweise nicht überall für Zustimmung gesorgt, stand sie doch dem bisweilen weihevollem Umgang mit Bert Brecht in den Jahren zuvor konträr gegenüber. "Ich war schon enttäuscht, dass manche Sachen nicht so voll waren", sagt Wengenroth rückblickend. Er hat darauf reagiert, hat umgestellt. "Ich finde es auch gut, wenn es jedes Jahr etwas Anderes ist."

Das Programm 2018, das mit dem Titel "Egoismus versus Solidarität" überschrieben ist, hat nun einen konservativeren Anstrich erhalten. Das liegt überwiegend an den großen Theaterproduktionen, die diesmal dabei sind. "Wir wollen Theater-Bundesliga zeigen", sagt Wengenroth. 2017 standen dem Festival dafür nicht die Spielstätten zur Verfügung. Das ist diesmal anders: die Ausweichspielstätte des Augsburger Stadttheaters im Martini-Park bietet den Platz. Dort wird an diesem Freitag das Festival eröffnet mit der Premiere "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" des Theaters Augsburg; Regie führt Christian von Treskow.

Brechts Fragment handelt von vier Deserteuren im Winter 1917/1918, die von der Revolution träumen. "Es ist einer meiner Lieblingstexte von Brecht, weil er so spröde und lyrisch ist", sagt Wengenroth. Als Fragment ist er wunderbares Rohmaterial für die Bühne und 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs zugleich sehr passend. Der spannende Kniff beim Brechtfestival ist nun, dass der "Fatzer" in zwei Versionen zu sehen sein wird: zunächst als Stadttheater-Produktion und dann in der Inszenierung des jungen, freien "theter ensembles" aus Augsburg unter dem Titel "Fatzernation" (Premiere am 28. Februar). "Ich wollte unbedingt, dass das ,theater ensemble' etwas beiträgt", sagt Wengenroth. "Es sind junge Leute, die einfach Bock auf Bühne haben, das aber noch nicht professionell machen." Im Idealfall spiegle die Inszenierung deren Lebensqualität wider. Dem "Fatzer" gegenüber, sozusagen als Gegenstück der Motto-Klammer, steht das Gastspiel des Theaters Bremen "Der gute Mensch von Sezuan" in der Regie von Alize Zandwijk. "Kulinarisches Theater", nennt Wengenroth das, eine großartige Ensembleleistung, in der die Regisseurin auf einen feministischen Zugang setzt.

Ergänzt werden die großen Produktionen durch weitere Inszenierungen, freiere Formen, klassische Konzerte und durch zwei Gastspiele des Berliner Gorki-Theaters: eine Brecht-Bearbeitung von Sebastian Baumgarten mit dem Titel "Dickicht" und "Winterreise", die Arbeit eines Exilensembles, bei der Yael Ronen Regie führte. Gestärkt hat Wengenroth diesmal das literarische Programm. Ein eigenes, vielversprechendes Format ist beispielsweise "Das ABC der Solidarität" (25. Februar). Die Autoren Kathrin Röggla, Stefanie Sargnagel und Bazon Brock haben jeweils ein eigenes Thesenpapier zum Verhältnis von Egoismus und Solidarität formuliert, das sie vorstellen und diskutieren.

Und als altbewährten Programmteil hat Wengenroth wieder die "Lange Brechtnacht" integriert, ein Abend der Pop-Konzerte, den nach wie vor Girisha Fernando kuratiert und an dem man hintereinander etwa die irische Singer-Songwriterin Wallis Bird, die US-Punk-und-Soul-und-Hip Hop-Band Algiers und die Polit-Rapper der Antilopen Gang anhören kann (24. Februar). Wer darauf gesetzt hat, 2018 wieder ein experimentelles Format von Wengenroth selbst zu sehen, muss sich indes mit der einmaligen Live-Adaption eines Hörspiels von Peter Licht zufrieden geben. Die nächste Chance ist 2019. Da wird Wengenroth zum dritten Mal das Festival gestalten. Und für diese Ausgabe, überlegt er, könnte er noch mal etwas Verrücktes machen. Aber natürlich nichts mit Wellness.

Brechtfestival Augsburg, Freitag, 23. Februar, bis 4. März, diverse Spielorte, www.brechtfestival.de