Nachruf auf Designerin Elsa Peretti:"Stil bedeutet, einfach zu sein"

Lesezeit: 4 min

Elsa Peretti - sw

Elsa Peretti lebte nicht als Ikone der Frauenbefreiung, nicht als Dame der italienischen High Society und nicht als Helmut-Newton-Amazone. Sondern nur als Elsa.

(Foto: Elsa Peretti Holding AG/AP)

Elsa Peretti wurde als Model und später Schmuckdesignerin für Tiffany berühmt. Nun ist sie, der kaum etwas wichtiger war als Freiheit, mit 80 Jahren gestorben.

Von Julia Werner

Freiheit hat nicht notwendigerweise mit Geld zu tun, Freiheit ist immer eine Entscheidung. Wenn eine Frau sie rigoros getroffen hat, dann Elsa Peretti. Die Miterbin des italienischen Ölimperiums API überwarf sich als junge Frau lieber mit ihren Eltern und ging mittellos nach New York, als auf einen standesgemäßen Bräutigam zu warten. Status interessierte sie nie. Sie verliebte sich, in wen sie wollte - 23 Jahre lange lebte sie mit dem Lkw-Fahrer Stefano Magini zusammen ("Zehn davon waren gut") - und sie entwarf, was sie wollte, meistens diamantenfrei. Ihre Objekte und Schmuckstücke sind das Gegenteil von Bling-Bling. "Ich möchte Dingen keinen Status verleihen. Sondern Schönheit einen Preis", sagte sie einmal. Selbst ihr Status als wilde, kokainschnupfende Modelmuse des Designers Roy Halston Frowick, als Fixstern im legendären Studio 54 in New York war nichts, worüber sie später auch nur mit einem Anflug von Stolz redete.

Auf dem legendären Foto von Helmut Newton, in dem sie vor Wolkenkratzerkulisse posiert, wirkt sie unangreifbar. Aber es entstand nach einer Liebesnacht mit dem Fotografen morgens um 11, zu einer Zeit, wo Elsa selten nüchtern war. Das Bunnykostüm, das sie trägt, habe noch von einer vorangegangenen Nacht im Studio 54 in der Wohnung herumgelegen. Und ja, sie hasste das Modeln sogar. Es habe ihr Angst gemacht.

Aus einer Ruine im katalonischen Sant Martí Vell wurde ein ganzes Dorf. Und Peretti zog von einem Haus ins nächste

Genau deswegen hatte diese flamboyante Frau, über die legendäre Geschichten kursieren, in denen geschenkte Pelzmäntel im Kaminfeuer von Halston aufgehen, weil er sich um Mitternacht immer noch über Mode unterhalten wollte, immer einen Exitplan. Im Jahr 1974, als sie beim amerikanischen Juwelier Tiffany & Co. als Designerin anheuerte (nachdem sie für ihren Freund Halston Silberschmuck entworfen und damit Aufsehen erregt hatte), besaß sie längst eine Ruine im katalonischen Sant Martí Vell, gekauft von ein paar zusammengesparten Modelgagendollars. Die Ruine sollte in den darauffolgenden Jahren proportional zu den Gewinnen und dem Weltruhm, die sie dem bis dato stockkonservativen Diamantenhändler Tiffany bescherte, wachsen - zu einem ganzen Dorf. Bis zuletzt zog sie von einem fertig renovierten Haus ins nächste (immer in rosafarbenen Crocs). Peretti, geboren 1940 in Florenz, besaß Immobilien auf der ganzen Welt, in Barcelona, in Paris, außerdem einen repräsentativen Turm in Porto Ercole an der toskanischen Küste.

Elsa Peretti

Zum Beispiel dieser Luxusrasierer: ein Design Elsa Perettis für Tiffany.

(Foto: imago stock&people/imago/ZUMA Press)

Elsa Peretti war eine steinreiche Frau. Aber ihr Refugium in Spanien war von exquisiter Einfachheit. Mit Hunden, in der Natur. In der man natürlich trotzdem Seidenkaftan tragen kann.

Die Natur ist, so banal das klingt, zeitlebens ihre große Liebe und Inspiration gewesen. Ein Skorpion schlingt sich als Collier um den Hals und Schlangen um Finger - nicht figurativ, sondern als abstrakte Form. Der Kettenanhänger "Bottle" ist eine Minivase - die Idee dazu kam Peretti irgendwo in Süditalien am Meer, wo die Mädchen Gardenien im Haar trugen, "die aber ja so viel zu schnell verwelkten". Den legendären "Bone Cuff", einen sich organisch an Unterarme schmiegenden Reifen, verdanken wir der Tatsache, dass das wohlbehütete Mädchen Elsa mit dem Kindermädchen regelmäßig die Krypta einer Kirche in Rom besuchen musste - wo sie regelmäßig Knochen mitgehen ließ, die sie auf Befehl der Mutter stets zurückbringen musste. Dieser simple, massive Schmuck, am besten an beiden Handgelenken getragen, wirkt wie eine Superwoman-Rüstung, weswegen er Ende der Siebzigerjahre schnell zum Symbol für Female Empowerment stilisiert wurde.

Ihre Stücke sind Bestseller und haben von ihrer Modernität nichts verloren

Und ja, ihre Entwürfe waren eine Befreiung, in vielerlei Hinsicht. Es gab sie nicht nur in Gold, sondern - in den Siebzigerjahren eine Sensation - auch in Silber. Der Schmuck mit seiner ecken- und kantenlosen Haptik war endlich etwas, das in echte Frauenleben passte. Revolutionär war das, weil Juwelen jahrhundertelang starre Gebilde gewesen waren, deren Edelsteine von rigiden Gerüsten aus Gold gehalten wurden. Und weil sich plötzlich lange Schlangen vor den Filialen bildeten. Frauen kauften - zum ersten Mal - selbst Schmuck. "Diamond by the Yards" - lange, zarte Ketten mit Diamanten in ein paar Zentimetern Abstand - kann man schichten, kurz oder lang tragen und sich mit ihnen trotzdem frei bewegen. Und "Beans" - also Ohrringe oder Anhänger in runder, organischer Form -schmerzen nicht. "Ich habe es gehasst, immer den Ohrring vom Ohrläppchen ziehen zu müssen, nur weil das Telefon klingelte", so pragmatisch antwortete sie allerdings, wenn man das Gespräch irgendwie in Richtung Heldin der Frauenbewegung drehen wollte. Als Aktivistin verstand sie sich nie, noch nicht mal als Vorbild. Und sowieso war diese Frau viel zu elegant dafür, ihre eigene Geschichte marketingtechnisch auszuschlachten. Trotzdem haben ihre Stücke bis heute von ihrer Modernität nichts verloren. Wohl gerade weil ihre Inspirationsquelle nicht die Revolution ist. Sondern das harmonische Einfügen in das zeitloseste überhaupt.

Halston, Roy Halston Frowick, Elsa Peretti

Elsa Peretti mit Designer und Freund Roy Halston Frowick 1970 in New York.

(Foto: Marty Lederhandler/AP)

Das wohl berühmteste - und kommerziell erfolgreichste Peretti-Schmuckstück in den Achtzigerjahren - heißt "Open Heart". Wenn man Peretti nach diesem geschwungenen Herz fragte, antwortete sie trocken, die Inspiration dafür habe sie in der Kunst des Bildhauers Henry Moore gefunden. Symbolik war ihre Sache wirklich nicht, und es ist stark zu bezweifeln, dass sie mit der aktuellen Genderdebatte und deren modernen Symbolen irgendetwas hätte anfangen können. Sie sprach lieber darüber, dass sich natürliche Formen nicht kopieren, wohl aber umdeuten lassen. Sie war groß, imposant, immer mit einer Zigarette in der Hand, einer markanten Nase und sehr hässlichen Füßen, die sie an einem sehr kalten Abend in Madrid für ein Tiffany-Event einmal in sehr zarte flache Sandalen steckte - natürlich ohne die Bereitschaft, aus Höflichkeit zu lächeln. Eine freie Frau. Selbst in späteren Jahren wollte sie von Fotografen nie retuschiert werden ("Das bin ich!") - im Feminismusjargon nennt man das Body-Positivity.

"Stil bedeutet, einfach zu sein": Diesen Peretti-Aphorismus findet man, wenn man auf der Website von Tiffany, das gerade an den Massenstatussymbollieferanten LVMH verkauft worden ist, durch die 864 erhältlichen Objekte und Schmuckstücke der Designerin scrollt. Man kann das als leeres Marketing-Blabla abtun. Aber sie hat mit dieser Antwort auf die blödeste aller Modejournalistenfragen nur zusammengefasst, wie sie lebte: nicht als Ikone der Frauenbefreiung, nicht als Dame der italienischen High Society und nicht als Helmut-Newton-Amazone. Nur als Elsa. Am Donnerstag ist sie mit 80 Jahren in Sant Martí Vell gestorben.

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