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Elif Shafaks Roman "Schau mich an":Träume aus Erdbeerpudding

Elif Shafak Lisbon 02 03 2015 The Turkish writer Elif Shafak photographed this afternoon at the

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak lebt in der Umgebung von London.

(Foto: imago stock&people/imago/GlobalImagens)

Was Blicke anrichten können und wie man sich davor schützt, erzählt Elif Shafak in ihrem frühen Roman "Schau mich an". Jetzt gibt es ihn endlich auf Deutsch.

Von Laura Weißmüller

Der Titel sagt schon alles: Elif Shafaks Roman "Schau mich an" kreist um die Blicke der anderen. Was bedeuten sie für den, der angeschaut wird? Was lösen sie aus? Die türkische Schriftstellerin beschäftigt sich mit einem der wichtigsten Sinne des Menschen, zu sehen, zu spüren, wie man gesehen wird. Und dabei stellt sich heraus, dass sich, über die Jahrhunderte hinweg, seine durchaus zerstörerische Kraft nicht groß verändert hat. Auf Türkisch ist das Buch bereits 1999 erschienen, jetzt erst hat Gerhard Meier es ins Deutsche übersetzt, und heute, im komplett digitalisierten, von Instagram durchdrungenen Zeitalter, bekommt das Thema noch mehr Dringlichkeit.

Shafaks erzählerische Technik gleicht der eines Kaleidoskops. Die Schriftstellerin, die in Straßburg geboren wurde, nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter zur Großmutter nach Ankara zog und heute mit ihrer Familie in London lebt, baut ihren Roman aus vielen bunten Steinchen auf. Alle paar Seiten zerfällt das Bild in seine Einzelteile und setzt sich neu zusammen, aus anderen Orten, Protagonisten und Zeitschichten. Vom Istanbul der späten Neunzigerjahre geht es nach Sibirien zu Zeiten des Zaren Alexei, zurück nach Pera - einem Stadtteil Konstantinopels, des heutigen Istanbuls - und ins Frankreich des Ende des 19. Jahrhunderts. Es treten, neben der zentralen Hauptfigur, unter anderem Zobelmenschen - halb Tier, halb Mensch - , ein Mann mit wächsernem Gesicht und die "Schönheit in Person" auf. Dazwischen gibt es Einschübe aus dem fiktiven "Lexikon der Blicke", an dem der Freund der Hauptfigur arbeitet.

Eine Metapher reicht ihr meistens nicht

Das ist, bis sich das zentrale Thema herauskristallisiert, schon mal verwirrend, manchmal auch ein klein wenig quälend, weil man dem ein oder anderen Strang gerne etwas länger gefolgt wäre, aber tatsächlich erinnert es nicht nur an die Erzählstruktur arabischer Märchen, sondern passt auch zum Sujet - denn was tut das menschliche Auge anderes, als herumzustromern, mal hier an einer Außergewöhnlichkeit hängen zu bleiben, dann dort eine besonders grelle Farbe zu fixieren und schließlich schnell die Bewegung einzufangen, die sich am äußerst rechten Sichtfeld ereignet? Dem Auge ist da eine gewisse Ruhelosigkeit zueigen, wie der Erzählung, und nicht zuletzt eine zweifelhafte Neigung für Aufregung: "Da begriff ich, dass jeder Streit auf der Straße von denen angefacht wird, die sich daran ergötzen wollen. Es sind die Zuschauer, die ihn vom Zaun brechen."

Shafaks Sprache reflektiert den Dauer-Scanprozess so genau, dass am Anfang gar nicht auffällt, wie gut das zusammengeht. Ihre Sprache ist derart satt, farbig und voller Metaphern, dass man als Leser schon mal das Gefühl hat, die Autorin würde einen mit zu einem Ausflug in den Großen Basar von Istanbul nehmen - natürlich bevor der Markt durch Anschläge und Corona halb leer gefegt wurde. Da sind die Frauen, die "aus den Buchstaben der Angst Pullover strickten". Da ist die Hauptfigur, die angesichts ihrer enormen Körperfülle "wie ein mit Träumen aus Erdbeerpudding gefüllter riesiger Ballon" alles abfedert, was um sie herum vorgeht. Oder die alte Tante, die, während sie eintritt, "schon die Hälfte ihrer Kraft am Türklopfer" hängen lässt.

Diese bildhafte Sprache erinnert an ein Auge, das fortwährend Parallelen zu dem sucht, was es gerade sieht. Eine Metapher reicht der Autorin meistens nicht, lieber reiht sie eine Handvoll aneinander und stattet auch noch Dinge mit menschlichen Eigenschaften aus, damit es plastischer wird: "Sibirien kümmerte nicht, was da vorfiel. Es war ohnehin von Geburt an taub und hörte nur, was direkt an sein Trommelfell drang. Sibirien wusste nicht einmal, dass der Himmel hoch und der Zar weit war. Es brutzelte in seinem eigenen Fett, spielte seine eigenen Spiele, und das mit gezinkten Würfeln aus Mammutzahn."

Zwei Außenseiter, durch liebevolle Blicke verbunden

Die zentrale Hauptfigur von "Schau mich an" ist eine namenlose Ich-Erzählerin, die im Istanbul der Neunzigerjahre extrem unter ihrer Körperfülle leidet und dadurch unfreiwillig die Blicke der anderen auf sich zieht. Das tut sie seit ihrer Kindheit: "Meine Korpulenz war wie ein Amulett, das man aus Versehen nicht an meine Wiege, sondern an meinen Körper geheftet hatte." Jeder ihrer Schritte wird beobachtet und gewertet, weswegen sie die Öffentlichkeit und deren lästige Blicke scheut und sich nur zu Hause bei ihrem ungleichen Partner wohlfühlt. Denn während sie groß und massig ist, ist er kleinwüchsig. Der Kitt, der die beiden Außenseiter zusammenhält, ist der liebevolle Blick auf den anderen.

Dass ein Blick aber nicht nur lästig oder liebevoll sein, sondern auch einen echten Schutz darstellen kann, das wird am Ende dieses Buchs deutlich: Denn tatsächlich gab es eine Zeit, in der die Protagonistin sehr wohl gesehen werden wollte, und zwar, um das größte Unheil zu verhindern. Nachdem es sie ereilt hatte, versuchte sie, es in ihren Schutzmauern aus körperlicher Masse verzweifelt abzuwehren.

Elif Shafak: Schau mich an. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Kein & Aber, Zürich 2020. 397 Seiten, 24 Euro.

© SZ
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