Ehrenbürgerwürde für Herta Müller Nestwürde

Auch ohne Ehrenbürgerwürde werden die Werke von Herta Müller in Erinnerung bleiben.

(Foto: Robert Haas)

Soll Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller das Ehrenbürgerrecht erhalten? Der Berliner Senat ist sich nicht einig. Es ist nicht der erste Fall, wo ein Konsens lang nicht möglich war - dabei würde dieser Schritt für Berlin viel bedeuten.

Von Jens Bisky

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller braucht die Ehrenbürgerwürde nicht. "Niederungen", "Herztier", "Atemschaukel" wird man wohl auch dann noch lesen, wenn nur noch Archivare die Namen der derzeitigen Berliner Senatoren kennen. Bürger aber, denen ihre Stadt nicht gleichgültig ist, dürfen sich wundern, warum der Senat so lange schon zögert, Herta Müller das Ehrenbürgerrecht, die höchste Auszeichnung des "breitstraßigen Nests" (Rahel Varnhagen) zu verleihen.

Am Dienstag soll der Senat über die Ehrung beraten, diese abgelehnt und stattdessen beschlossen haben, Herta Müller die "Ernst-Reuter-Plakette" zu überreichen. So berichtet es wenigstens der CDU-Abgeordnete Michael Braun. Vor zwei Jahren, sagte er der SZ , schlugen Kulturschaffende die Ehrenbürgerwürde für Herta Müller vor. Er habe sich um Konsens unter den Parteien bemüht, der sei auch gegeben. Das ist buchenswert, da die Parteien in Berlin sich weniger programmatisch als durch innige Feindschaft gegenüber den jeweils anderen zu unterscheiden scheinen.

Um die Ehrenbürgerwürde für Wolf Biermann stritten sie lange und grimmig. Die Reuter-Plakette ist eine schöne Auszeichnung, benannt nach dem großartigen ersten Oberbürgermeister West-Berlins, zuletzt verliehen an den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, an Lech Wałęsa, an Daniel Barenboim. Michael Braun aber will eine bedeutendere Auszeichnung für Herta Müller. Das würde die Stadt schmücken.

Vertrauliche Ordensfragen

Der Sprecher des Regierenden Kulturbürgermeisters Klaus Wowereit wird von der Berliner Morgenpost mit der Auskunft zitiert, keine Auskunft geben zu wollen. Der SZ sagte er, es sei noch gar nichts geklärt, Ordensfragen seien vertraulich.

Auf der Berliner Ehrenbürgerliste stehen nur wenige Frauen und kein einziger Vertreter für jene große, stolze Gruppe der aus anderen Ländern Zugezogenen, keiner oder keine der vielen, die mit ihren Erfahrungen im sowjetisch beherrschten Osteuropa, mit ihrem Wissen über die postsowjetische Welt die Stadt - zu deren Glück - stark prägen.

Herta Müller lebt in Friedenau. Das ist nicht das Berlin der Clubs und Trendgehetzten, aber ein Viertel heiteren Lebens, ein Kiez freier Geister. Karl Schmidt-Rottluff, Erich Kästner und Günter Grass waren hier, hier fand Uwe Johnson eine Wohnung, die von der Kommune 1 besetzt wurde, hier ruht die beschämenderweise erst postum zur Ehrenbürgerin gemachte Marlene Dietrich. Dass der derzeitige Senat diese Tradition nicht versteht, kaum ahnt, was sie für Berlin bedeutet, wussten wir schon, egal wie die Sommerposse nun weitergehen wird.