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Kolumne "Mediaplayer": Neu auf DVD:Ihr wisst nicht, wozu eine Mutter fähig ist

Adios

Harter Thriller, neu auf DVD: Paco Cabezas' "Adiós - Die Clans von Sevilla".

(Foto: Verleih/Verleih)

Paco Cabezas' Thriller "Die Clans von Sevilla" zeigt die Unterwelt als Matriarchat - plus weitere Fundstücke aus den DVD-Neuerscheinungen.

Von Fritz Göttler

Eine Herrscherin im Exil, Mutter Santos und ihre Söhne in dem Film "Adiós - Die Clans von Sevilla". Einst bestimmte die Familie den Drogenhandel im Viertel Las 3000 Viviendas von Sevilla, als dann der Clan der Fortunatos übernahm, wurden die Santos aus dem Viertel vertrieben, hausen nun in den Baracken vor der Stadt. Die Mutter ist eine unnahbare, singuläre Person, selbst wenn sie sich abends zurücklehnt, bleibt der strenge Zug um ihren Mund, ein lauerndes Funkeln in den Augen. Der Clan als Matriarchat. Die Frauen sind stark wie Stahlblöcke, sagt Regisseur Paco Cabezas, die Männer sind gewalttätig und aggressiv, sie sind das Dunkel, die Frauen sind das Licht. Inspiriert wurde er für sein Kino von Lorca und von Shakespeare.

Cabezas ist für seinen neuen Film in die mean streets von Sevilla zurückgekehrt, er hat davor in Hollywood erfolgreich Filme gedreht, an Serien wie "Fear the Walking Dead" mitgearbeitet. Dass einer seiner amerikanischen Filme mit Nicolas Cage war, "Tokarev", hat ihm das Vertrauen eines Clanbosses und eine Drehgenehmigung für dessen Viertel eingebracht. Die Klagen der Flamencos durchziehen die Straßen des Films.

"Adiós" heißt er im Original, denn der Santos-Sohn Carlos und seine Frau müssen einen bitteren Abschied nehmen. Carlos verbüßt eine Gefängnisstrafe, für die Verbrechen des Clans, darf auf Freigang aber am Tag raus. Er muss erleben, wie auch die Polizisten der Stadt an den Drogengeschäften beteiligt sind. Der Abschied bedeutet Trauer, Rache, Verzweiflung, Missverständnisse, archaische Brutalität. Die verfallenden Häuser sind wie Höhlen, in denen grelle Feuer lodern. Ihr wisst nicht, erklärt die Mutter Santos einmal, wozu eine Mutter fähig ist. (MFA+)

Probleme mit korrupten Cops hat auch der Privatdetektiv in der nach ihm benannten Serie "Peter Gunn". Blake Edwards hat sie Ende der Fünfzigerjahre fürs Fernsehen geschaffen, mit Craig Stevens und Lola Albright. Ein klassischer Noir-Schnüffler, very sophisticated. 1989 hat Edwards die Figur wiederbeleben wollen, nun mit Peter Strauss, das macht den Film - das Noir-Genre ist immer nostalgisch - zur Ultra-Nostalgie. Die Serie stand zwischen den Edwards-Filmen "Unternehmen Petticoat" und "Frühstück bei Tiffany", der Film zwischen "Skin Deep" und "Switch". Edwards pur ist eine dicht gedrängte Szene in Gunns Apartment, mit drei attraktiven Frauen, von denen keine von der Anwesenheit der anderen wissen sollte, zwei Cops, plus: zwei Leichen im Schrank, von denen Peter Gunn nichts weiß. (Pidax)

Zwei Mütter in Südengland, in der Stadt Swindon, in der Mini-Serie "A Confession", Regie Paul Andrew Williams, Buch Jeff Pope, nach dem Bericht von Stephen Fulcher. Der wurde als Superintendent 2011 mit dem Verschwinden eines Mädchens konfrontiert. Ein Sexualverbrechen, das an ein weiteres erinnert, acht Jahre zuvor, in diesem Fall wurde nie eine Leiche gefunden. Die Mutter aber hofft immer noch, das Mädchen würde eines Tages zurückkommen. Fulcher entlockt dem Verdächtigen sein Wissen, unterlässt aber - das macht die Gültigkeit des Geständnisses problematisch - ihn über seine Rechte zu informieren.

Der Film bleibt nah dran an den Personen, lässt in keinem Augenblick Pathos entstehen, besonders Martin Freeman als Fulcher trägt mit seinem Knautschgesicht dazu bei. Die Wahrheit ist immer eine Frage der Taktik, schließlich folgt man ebenso atemlos wie Fulcher und seinen Kollegen am Ende dem Verhafteten vor Gericht, wie er - ein Narrativ würde man das heute nennen - seine Unschuld beschwört. Fulcher landet im Exil, muss den Dienst quittieren, berät schließlich in Libyen die Regierung bei der Polizeischulung. (Edel Motion)

Ein schönes Land für Trauerarbeit scheint Finnland zu sein. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die beiden kommen aus Shanghai, sie haben die Frau beziehungsweise Mutter verloren, bei einem Radunfall: "Meister Cheng in Pohjanjoki", von Mika Kaurismäki. Den Mann, den sie suchen, kennt keiner im Ort, aber Cheng darf kochen in Sirkkas kleinem Lokal, und tut das auf bekömmliche und heilsame Art. Später feiert das Dorf die Sonnenwende auf einem Tanzboden im Wald, eine Frau singt: "Wenn der Wind mir Flügel gäbe zum Fliegen, würde ich diese dunkle Erde hinter mir lassen..." Leider gibt's auch in Finnland beflissene junge Polizisten. Mal sehen, ob er gesucht wird, murmelt einer, als Cheng nach seinem Bekannten fragt. (MFA+)

Deutsche Filmgeschichte: "Der letzte Mann", 1955, von Harald Braun, ein Film zwischen gestern und morgen. Eine Vater-Tochter-Geschichte im Hotelmilieu. Hans Albers als Oberkellner Karl, Romy Schneider als die ihm von der Mutter anvertraute junge Hotelerbin. Er ist ein Speisesaal-Diktator, schlägt sich mit Joachim Fuchsberger rum, der für die Verwandtschaft intrigiert, die auf das Hotel scharf ist, und sich an Romy ranmacht. Karl wird degradiert, zum Toilettenmann. Der Film ist ein Remake des berühmten Murnau-Films der Zwanziger, die Szenen im Untergrund sind eins zu eins kopiert. (Filmjuwelen)

Zu Beginn des Jahres wieder neu herausgekommen auf DVD: "Die phantastische Reise", 1966, von Richard Fleischer. Die ultimative space odyssey, aber: Es geht in den inneren, nicht in den äußeren Raum, wir fahren durch Herz und Lunge und Augen. Ein paar Menschen werden verkleinert und in einem Mini-Submarine in die Blutbahn eines Mannes gespritzt, die lebensrettende Operation kann nur von innen durchgeführt werden. Die Pandemie verändert den Blick auch im Kino auf den Körper, mit fast heiterer Gelassenheit sehen wir, wie die Antikörperchen des Patienten wacker das eingedrungene U-Boot verschlingen mitsamt dem fiesen Saboteur, der den Körper gern zerfetzen würde. (Fox)

© SZ/kni
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