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Klassik:Götterdämmerung des Solitärs

Pressekonferenz Dresdner Semperoper

Christian Thielemann in der Semperoper in Dresden.

(Foto: Arno Burgi/picture alliance / dpa)

Sachsen lässt den Chefdirigenten der Semperoper, Christian Thielemann, ziehen. Über einen genialen Künstler, der plötzlich nicht mehr in die Zeit passt.

Von Reinhard J. Brembeck

Christian Thielemann ist ein genialer Dirigent. Deshalb ist es jetzt nicht bloß eine läppische Personalie, wenn die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch von der CDU verkündet, dass der Vertrag mit dem Dirigenten der Sächsischen Staatskapelle Dresden, einem der großen Traditionsorchester, nicht über das Jahr 2024 hinaus verlängert wird. Das ist ein Paukenschlag. Wie kann man solch einen weltberühmten und von seiner Anhängerschaft hagiografisch verehrten Dirigenten mit ein paar dürren Worten ziehen lassen?

Christian Thielemann ist 62 Jahre alt und ein Verehrer Herbert von Karajans, dessen Assistent er war und dessen klangsinnliche Zaubereien er fortführt. Thielemann debütierte zur Jahrtausendwende in Bayreuth mit "Die Meistersinger von Nürnberg". Das Stück beherrscht er besser als jeder andere, da kann man vor Begeisterung jauchzend auf die Knie fallen. Die deutsche Romantik ist Thielemanns Herrschaftsgebiet: Schumann, Bruckner, Brahms, Strauss - alles wundervoller Klangzauber.

Christian Thielemann ist aber offenbar auch ein manchmal schwieriger Partner. Deshalb kam es zu Reibereien in seiner Zeit bei den Münchner Philharmonikern, die mit seinem abrupten Wechsel nach Dresden endeten. Auch die Zeit an der Deutschen Oper Berlin endete abrupt, genauso sein Engagement in Nürnberg, es wurde von zu vielen Abwesenheiten gemunkelt.

Als Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker zurücktrat, galt Thielemann als der große Favorit. Er konnte sich aber nicht durchsetzen, Kirill Petrenko machte das Rennen. Bei den Salzburger Osterfestspielen, seit knapp zehn Jahren von der Dresdner Staatskapelle ausgerichtet, kam es zum Eklat, als die Politik den scheidenden Münchner Intendanten Nikolaus Bachler als neuen Intendanten berief, einen Mann des von Thielemann nicht besonders geschätzten modernen Theaters. Bachler setzte sich gegen Thielemann durch, die Salzburg-Präsenz der Dresdner endet im nächsten Jahr. Der Ende vergangenen Jahres ausgelaufene Vertrag mit den von Thielemann so geliebten Bayreuther Festspielen, wo er seit seinem Debüt fast jährlich auftrat, ist seltsamerweise noch immer nicht verlängert.

Öffentlich ausgetragene Streitereien

Als die Dresdner Semperoper, an dem die Staatskapelle regelmäßig spielt, mit Serge Dorny, ein ebenfalls der Moderne und der Erneuerung zugeneigter Manager, einen neuen Intendanten berief, kam es im Vorfeld am Haus zu solchen Verwerfungen, dass Dorny vor Amtsantritt gekündigt wurde, was Dresden teuer zu stehen kam. Inwiefern Thielemann in diese Querelen verwickelt war, ist offen.

Auch mit dem derzeitigen Intendanten Peter Theiler gab es teilweise öffentlich ausgetragene Streitereien. Mit Thielemann muss auch Theiler 2024 gehen, die Politik wünscht eine vage formulierte "Perspektive Semper 2030". Kulturministerin Barbara Klepsch hat das so versucht zu präzisieren: "Wir sehen dabei das, was heute gut ist und denken trotzdem an das Übermorgen der Oper. Und eine Oper in zehn Jahren wird eine andere als die Oper von heute sein: Sie wird teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen."

Publikum in Trance

Das heißt also, dass die Politik Thielemann eine Oper von morgen oder gar von übermorgen nicht zutraut. Zugegeben: Thielemann ist kein genuin der Moderne zugewandter Dirigent. Sein Reich ist die deutsche Romantik, Experimente auf der Bühne sind ihm ein Gräuel, mit der historischen Aufführungspraxis hat er genauso wenig im Sinn wie mit modern nüchternen Auffassungen von Künstlertum und Dirigieren.

Sein Repertoire ist so überschaubar wie die Zahl seiner Auftritte. Aber wenn er auftritt, dann versetzt er mit sorgfältig ausgewählten wenigen Stücken sein Publikum in Trance. Das ist mehr als jeder andere Dirigent vermag. Vielleicht wünscht sich Thielemann deshalb die Verehrung, die ihm von seinem Publikum entgegenrauscht, auch von seinen Mitarbeitern und den Politikern.

Die aber sind zunehmend nicht mehr gewillt, einen genialen Solitär wie Thielemann noch unbeschränkt schalten und walten zu lassen. Von einem Dirigenten in einer wichtigen Leitungsfunktion wie bei der Staatskapelle wird mittlerweile sehr viel mehr verlangt als noch vor dreißig Jahren: Jugendarbeit, Allroundertum im Repertoire, Diversität in den ästhetischen Ansätzen, kulturelle und politische Offenheit, Identifikation mit Stadt und Ensemble, Publikumsarbeit, Engagement für Soziales und Umwelt.

Alles das, was selbst der scheue Kirill Petrenko zunehmend bei den Berliner Philharmonikern macht und machen muss, oder Vladimir Jurowski bald an der Bayerischen Staatsoper, oder Andris Nelsons, Musikchef in Leipzig und Boston. Solche Künstler stehen für einen modernen Dirigiertyp, mit ihnen können auch die Politiker leichter umgehen als mit einer genialen Gestalt wie Thielemann, der deshalb gerade ein wenig ins Abseits gerät. Was sein Publikum durchaus nicht beeindrucken wird.

© SZ
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