"Sunken Condos" von Donald Fagen Der darf das

. . . aber sonst niemand, denn er hat als einziger seiner Kollegen die Hintertür gefunden: Wie der alte "Steely Dan" Donald Fagen mit großer Ironie das nicht mehr allzu coole Genre Jazzrock rettet.

Von Andrian Kreye

Donald Fagen beim 43. Montreux Jazz Festival 2009

(Foto: dpa)

Wenn Donald Fagen auf seinem neuen Album "Sunken Condos" (Reprise) eine Coverversion von Isaac Hayes' Funk-Klassiker "Out Of The Ghetto" einspielt, dann hat das etwas Niederträchtiges, weil er damit nicht nur den White Funk auseinandernimmt, sondern letztlich sich und seine Zuhörer vorführt. White Funk war dieses breitbeinige Gepose weißer Musiker, die sich an den scharfkantigen Gitarrenriffs und aufwallenden Bläsersätzen schwarzer Bands versuchten und manchmal sogar die breitkrempige Zuhältermode des Genres nachäfften.

Als das Phänomen für kurze Zeit auftauchte, war Donald Fagen mit seiner Band Steely Dan noch ein Rockstar. Das ist weit über dreißig Jahre her. An die White-Funk-Bands wie Wild Cherry, Tower of Power oder die Average White Band erinnert sich heute kaum noch jemand. Aber letztlich war White Funk der Vorläufer jener Hip-Hop-Posen, die einem bei weißen Erwachsenen - Yo, man! - schnell den kalten Schweiß des Fremdschämens den Nacken hinuntertreiben.

Nun kann man die Geschichte der Popmusik mit etwas bösem Willen ohnehin als endlose Spiegelung der Minstrel-Shows interpretieren, bei denen sich weiße Schauspieler Ende des 19. Jahrhunderts schwarz anmalten, um sich über die "dumb negroes" lustig zu machen. Popmusik war schon immer vom Bewunderungsmoment des Philorassismus geprägt.

Weiße Stars betrachten schwarze Kultur als eine Art unerschöpflichen Selbstbedienungsladen für Energieschübe, egal ob sich Frank Sinatra die Dynamik der Swing-Orchester aneignete, Elvis Presley sich am Hüftschwung der Juke-Joint-Tänzer verging, die Rolling Stones im Blues-Schema wilderten, The Clash den jamaikanischen Rock Steady plünderten, oder die gesamte Boy- und Girlgroup-Kultur von den Spice Girls bis Justin Bieber im Blue-Eyed-Soul den Notausgang aus der Bubblegum-Falle fanden.

Wenn Donald Fagen "Out Of The Ghetto" spielt, stellt er aber eben nicht nur den kulturkolonialen Reflex des Pop, sondern auch sich und seine Hörer infrage. Das Original erschien 1977 auf Isaac Hayes' Album "New Horizon". Auf dem trieb er seinen übersexualisierten Protofunk ins Extrem, den er sechs Jahre zuvor mit dem Wah-Wah-Gitarrenmotiv im Titelsong des Blaxploitation-Filmes "Shaft" geschaffen hatte. "Out Of The Ghetto" brachte das Dilemma eines neuen schwarzen Mittelstands auf den Punkt: "Ich konnte dich aus dem Ghetto rausholen, aber ich konnte das Ghetto nicht aus dir rausholen", hieß es da im Refrain. Da ging es um authentische Identität im Widerspruch zur Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, dieses ganze "Black Studies"-Ding eben, das sich seit James Brown durch die schwarze Musik zieht.

Wenn das allerdings kein schwarzes Sexsymbol auf dem Höhepunkt seiner Black-Power-Phase singt, sondern ein alternder weißer Ex-Rockstar, wird aus dem Dilemma zuerst einmal eine finstere patriarchalische Geste. Blaxploitation-Riffs und erotomanischer Grundrhythmus geraten dann wieder zu dem, was sie vor dreißig Jahren schon mal waren - das musikalische Äquivalent zu einem breitkrempigen Pimp-Hut mit Federn. Der war bei Isaac Hayes Insignie, bei weißen Musikern Verkleidung.

Auf "Sunken Condos" haben solche Referenzen nichts mit Retrokultur und sehr viel mit der beißenden Ironie von Donald Fagen zu tun. Das gilt für alle White-Funk-Motive, die in den neun Songs aufblitzen. Die Akzente auf dem Clavinet, dem elektrischen Cembalo, das einst das Markenzeichen Stevie Wonders war, die Bläserspitzen, die Akkordteppiche auf dem warmen Fender Rhodes-Piano - das alles gehört bei ihm einerseits zum musikalischen Handwerk. Wenn es aber dann doch mal etwas linkisch gerät, wie das eben so ist, wenn sich weiße Musiker an schwarzen Formen versuchen, dann lässt er das andererseits ganz bewusst so stehen.

Auch in den Texten hat Donald Fagens gallige Ironie nie vor ihm selbst Halt gemacht. Über das klassische Popmotiv des Abschiedsschmerzes singt er in "I'm Not The Same Without You": "Seit du weg bist, ist es, als ob jemand die Sterne wieder angeknipst hätte". Mit "Slinky Thing" und "Memorabilia" macht er sich über das Altern lustig. So vordergründig leicht wie mit "Out Of The Ghetto" macht er es einem allerdings nicht mehr. Man weiß nie, aus welcher Richtung er den nächsten Hieb setzt.

Genre des subtilen Ohrwurms

Warum man Donald Fagen seine Bissigkeit schon immer verziehen hat, sind Songs wie "Miss Marlene", "Good Stuff" oder besagtes "I'm Not The Same Without You", die allesamt von einem Steely-Dan-Album jeder beliebigen Phase stammen könnten. Die haben diese Qualität, die der Regisseur Stephen Frears in seiner Verfilmung des Nick-Hornby-Romans "High Fidelity" so kongenial nachempfunden hat.

Da steht Rob in seinem Plattenladen und flüstert seinem Kumpel zu, er werde jetzt gleich fünf Platten verkaufen. Dann legt er einen Song auf, bei dem jeder der Kunden unwillkürlich anfängt, mit irgendeinem Ende seines Körpers zu wippen, die Mienen entspannen sich, die Haltungen werden lässiger. Und jeder will wissen, was das denn für ein grandioser Song sei, der da gerade läuft.

Dieses Genre des subtilen Ohrwurms, der nicht über Melodie oder Beat, sondern rein über die Jazz-geschulte Backbeat-Lässigkeit der Gesamtstruktur funktioniert, beherrschte Donald Fagen schon immer in Perfektion. Bei Steely Dan und auf Fagens Soloplatten wurzelt das in der Schnittmenge zwischen Jazzrock und Songwriter-Pop, die Mitte der Siebzigerjahre von Fagen, aber auch von Paul Simon, Bozz Scaggs oder Michael Franks gefunden wurde. So richtig cool war das nie, eher die Verramschung des Jazz im Softrock. Die Hintertür der Ironie, über die man das Genre retten kann, hat allerdings nur Donald Fagen gefunden. Auch wenn er seine weißen Hörer damit nun daran erinnert, dass sie sich mit ihrer Begeisterung für schwarze Musik einer Lässigkeit annähern, die ihnen eigentlich gar nicht zusteht.