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Dokumentarfilm:Meinen Sie Gulasch?

Stanislaw Mucha fährt die ganze "Kolyma"-Straße in Sibirien ab - und ihre schrecklichen Erinnerungen an die Zeit der Gulags.

Ein Film der Gegensätze, Permafrost unter sechzig Grad minus auf dem ersten Streckenabschnitt, sommerlich dann der zweite, Temperaturen von mehr als vierzig Grad. Über zweitausend Kilometer Sibirien ist der Filmemacher Stanislaw Mucha abgefahren, von Magadan bis Jakutsk, die ganze Kolyma-Straße, die benannt ist nach dem Fluss Kolyma. Die "Straße der Knochen" wird sie genannt, oder der "längste Friedhof der Welt", Strafgefangene haben sie gebaut, die von den stalinistischen Säuberungen an in den Arbeitslagern am Straßenrand gefangen gehalten wurden, und Millionen sind unter ihr beerdigt. Es wurden in der Gegend auch Gold, Platin, Uran und seltene Metalle abgebaut.

Filmbilder

Zurück in die Jugend will die „Kolyma“-Straße führen.

(Foto: W-Film)

Eine Straße, die keine Abweichung, keine Abzweigung kennt, die sich gegen rasche Annäherungen sperrt. Zu Beginn fängt Mucha ein Gespräch an mit einem Mann, der ganze Wohnblock ist zu sehen, in dem er lebt, er lehnt sich zum Fenster raus, mit nacktem Oberkörper bei Minusgraden, erzählt, dass man die Kälte gar nicht mehr so spürt.

In seinem Film "Die Mitte", der ihn auch bei uns bekannt machte, hat Stanislaw Mucha ein Dutzend Städte besucht, die alle für sich reklamieren, die exakte geografische Mitte Europas zu sein - ein kleines Meisterstück der Konzentrik. In "Kolyma" gibt es nur die brutale Bewegung nach vorn, und die monotone Zerfallenheit der riesigen Lager macht den Trip gespenstisch surreal. Die Erinnerungen, die Mucha im Gespräch mit alten Frauen und Männern abruft, sind aber ganz lebendig, sie erzählen, als wäre das alles gestern passiert und womöglich einem ganz anderen: Wie die Lagerkommandantin eine Frau an einen Mann verkuppelte. Weshalb sie eigentlich ins Lager kam, hat ihr nie jemand gesagt. Ein Mann weiß es dagegen für sich recht genau, ihm war ein "Man sollte Stalin aufhängen!" rausgerutscht, das wurde als Attentatsversuch bestraft.

Die Jugend heute verbindet mit dem Wort Gulag nichts mehr, und nichts mit der schrecklichen Realität, die dahintersteckt. "Meinen Sie Gulasch?", fragt anfangs ein Mädchen. Ein trauriger, grimmiger Humor, der immer wieder aufblitzt. Galgenhumor, sagt Mucha, bei den Opfern wie bei den Tätern, eine Art Selbstschutz.

Gegen Ende seines Roadmovies trifft er auf eine sibirische Variante von "Jugend forscht" - einen kreativen Geist, der auf einer grünen Wiese seinen greisen Vater fröhlich verkabelt hat. Das schaut aus wie eine Folteranordnung, aber es ist ein kühnes Experiment. Durch die Stromstöße, davon sind der Junge und sein Kumpel fest überzeugt, wird der Vater wieder völlig verjüngt werden.

Kolyma, D 2017 - Regie, Buch: Stanislaw Mucha. Kamera: Enno Endlicher. Schnitt: Stanislaw Mucha, Emil Rosenberger. Musik: Eike Hosenfeld, Moritz Denis, Tim Stanzel. Ton: Tim Altrichter. Produzenten: Gerd Haag, Kerstin Krieg. W-Film, 85 Minuten.

© SZ vom 21.06.2018

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