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Dokumentarfilm:In den heiligen Hallen der Demokratie

Filmstills

Im Maschinenraum der NY Public Library - Szene aus "Ex Libris".

(Foto: Verleih)

Mehr als ein Bücherlager: In "Ex Libris" porträtiert der große Dokumentarist Frederick Wiseman die New Yorker Public Library als Institution der Hoffnung.

Von Martina Knoben

Bibliotheken können ausgesprochen gut aussehen; man denke nur an die Fotografien von Candida Höfer. Da werden Lesesäle zu Kathedralen des Geistes, da strahlen selbst Aktensammlungen eine sakrales Pathos aus. An so viel Bücherverehrung ist dem Dokumentarfilmer Frederick Wiseman bei seinem Porträt der New York Public Library nicht gelegen. Einmal rückt er die Gutenberg-Bibel in den Blick, den prominentesten Schatz des Hauses. Viel Aufhebens aber macht er nicht darum - es ist schließlich nur eines unter sehr vielen Büchern.

Genau genommen geht es Wiseman in seinem Film nicht mal in erster Linie um Druckerzeugnisse. "Bibliotheken sind keine Bücherlager", heißt es einmal. "In Bibliotheken geht es um Menschen, die sich Wissen aneignen wollen." Seit fünfzig Jahren beleuchtet Wiseman in seinen Arbeiten Institutionen, von der forensischen Psychiatrie ("Titicut Follies", 1967) bis zur Londoner "National Gallery" 2014 - als ebenso leidenschaftlicher Liebhaber der Künste wie unbestechlicher Beobachter staatlicher Strukturen. Dafür bekam er 2016 einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Die New Yorker Public Library betrachtet er - nach einem im Film genannten Zitat der Schriftstellerin Toni Morrison - als "Säule der Demokratie", die auch sozial Schwächeren Bildung ermöglicht. Der 88-jährige Großmeister des Direct Cinema, des beobachtenden Dokumentarfilms, beginnt "Ex Libris" deshalb nicht in heiligen Bücherhallen. Obwohl das ehrwürdige Hauptgebäude der Bibliothek in der Fifth Avenue auch architektonisch einiges hermacht, blickt Wiseman scheinbar distanziert aus dem Gewusel des New Yorker Stadtverkehrs darauf und zeigt dann eine Drehtür - die Bibliothek als offenes Haus.

Kultur für alle! Bildung für alle! Wiseman beschreibt eine Institution, wie er sie sich wünscht

Mit über 51 Millionen Medien und mehr als 90 Zweigstellen ist diese öffentliche Bücherei eine der größten der Welt - mit einem üppigen Begleitangebot. In "Ex Libris" sind unter anderem eine von der Bibliothek organisierte Jobvermittlung in der Bronx, Leseförderung für Kinder, die Arbeit mit Seh- und Hörbehinderten, Konzerte, Vorträge und Gespräche unter anderem mit Elvis Costello und Patti Smith zu sehen. Mehr als drei Stunden dauert der Film - die überraschend schnell vergehen. Den vielen Facetten widmet Wiseman jeweils wenige Minuten lange Sequenzen. Dabei geht er von der zentralen Filiale in Manhattan immer wieder auch an die Peripherie, wo nicht die Gutenberg-Bibel ausliegt, sondern eine Abteilung DVDs auf Chinesisch oder der Ratgeber "So bekommen Sie eine Green Card".

Wie immer bei Wiseman gibt es weder Interviews noch Kommentar, und der Regisseur schneidet selbst. Es ist diese Montage, die Zusammenhänge nahelegt - es lohnt sich, genau hinzusehen, um die Verbindungslinien nicht zu verpassen. Eine führt etwa von der Arbeit des Fotoarchivs, in dem zu sehen ist, wie Frauen oder ethnische Minderheiten in der Vergangenheit dargestellt wurden, zu einem Vortrag über bevorzugte Erwerbszweige von Juden im New York des frühen 20. Jahrhunderts. Die Bibliothek erscheint als kollektives Gedächtnis eines Landes, das sich als Melting Pot versteht, das immer schon eine Einheit Verschiedener war und sich - als vergleichsweise junges Einwanderungsland - schneller wandelte als viele andere. Es ist ein durchaus idealisiertes Bild, das Wiseman da zeichnet, stellvertretend für das Bild einer Zivilgesellschaft, die sich der leidenschaftliche Demokrat und Aufklärer wünscht. Eine Gesellschaft, die versucht, alle einzubinden - eine Sequenz des Films ist dem Umgang mit Obdachlosen gewidmet, die in der Ruhe und Wärme der Bibliothek oft einfach nur schlafen wollen.

In vielen Kurzporträts zeigt Wiseman die Menschen, die in der Bibliothek arbeiten, lesen, zuhören oder eben schlafen. Es ist ein gewissermaßen demokratischer Kamerablick: Keiner dieser Menschen steht im Mittelpunkt, aber alle gehören dazu. "Die Art, wie etwas entsteht" heißt es dazu in einem Vortrag am Ende des Films, "definiert uns."

Eine andere, besonders schöne Episode zeigt eine Gebärdendolmetscherin, die ihren Beruf vorstellt: Zwei Zuhörerinnen lässt sie einen Ausschnitt aus der Unabhängigkeitserklärung lesen - einmal wütend, einmal flehend - und übersetzt denselben Text auf jeweils andere Art und Weise in Zeichensprache. In solchen Momenten erwächst aus nüchterner dokumentarischer Beobachtung wie von selbst eine metaphorische Ebene. Wiseman hat "Ex Libris" vor der Wahl Donald Trumps gedreht, heute wirkt der Film wie ein politisches Statement. Die zu Demonstrationszwecken gelesenen Sätze aus der Unabhängigkeitserklärung rufen die Hoffnungen auf Gleichheit und Menschenwürde in Erinnerung. Ein historischer Vortrag in der Bibliothek stellt schließlich die provokante Frage, ob die bürgerliche Gesellschaft mit dem Anspruch der Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben nicht grundsätzlich eine Lüge oder Illusion sei. Formuliert hatte diese These ein Verfechter der Sklavenhaltung.

Ex Libris - New York Public Library, USA 2017 - Regie, Buch: Frederick Wiseman. Kamera: John Davey, James Bishop. Schnitt: F. Wiseman, Nathalie Vignères. Verleih: Kool, 197 Minuten.

© SZ vom 25.10.2018

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